ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2002Reproduktionsmedizin - Zwischen Trauma und Tabu: Schlusswort
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LNSLNS Reproduktionsmedizin macht schlechte Zahlen – das zeigt auch unsere Diskussion. Der Anteil an Fehldiagnosen und iatrogenen Schädigungen ist hoch, die Geburtenrate gering. Trotzdem steigt die Zahl der Behandelten. Warum bloß? Ich möchte auf drei Aspekte aus der Diskussion besonders eingehen:
1. Der Schlüsselsatz ist in meinen Augen die Feststellung von Frau Dr. Zuber-Jerger, sie habe sich gut informiert gefühlt, hätte aber in Wirklichkeit keine Ahnung gehabt, was auf sie zukommen sollte. Diese Feststellung bringt die Tatsache auf den Punkt, dass die Gefahren der Reproduktionsmedizin für Frauen im öffentlichen Diskurs über Reproduktionsmedizin und die einschlägige Forschung wie im Fachdiskurs der Reproduktionsmedizin selbst weitgehend ausgeblendet werden. Ungewollt kinderlose Frauen können sich anscheinend frei für oder gegen eine Sterilitätsbehandlung entscheiden, aber sie fällen ihre Entscheidung in einem bestimmten diskursiven Raum. In diesem Raum fungieren Reproduktionstechnologien zunehmend als eine medizinisch unbedenkliche Normalität, wozu die durch sprachwissenschaftliche Analyse sichtbar werdenden Verdrängungs- und Verharmlosungsverfahren sicherlich beitragen. So gesehen fragt man sich, inwiefern der informed consent der Kinderwunschpatientinnen wirklich einer ist.
2. Veröffentlichte Frauenberichte wie der von Frau Dr. Zuber-Jerger sind selten, aber es gibt sie in den diskursiven Nischen wie Frauenzeitschriften, Leserbriefe, feministische Studien, alternative Presse. Dieses Material musste ich aus Platzgründen im Deutschen Ärzteblatt auslassen, aber ich berücksichtige es in meinem in Vorbereitung befindlichen Buch „Kulturtheorie der Reproduktionsmedizin“. Alle mir bekannten Frauenberichte betonen die außerordentlichen Belastungen der Behandlung. Dieser Tatsache werden solche Erklärungsansätze nicht gerecht, die diese Frauenerfahrungen als „persönliches Schicksal“ (so in dem Beitrag von Prof. Dr. Würfel) oder als „Entwertung der vorher idealisierten Bilder“, sprich Enttäuschung über die ausgebliebene Schwangerschaft (Dr. Kuhn), darstellen. Solche Erklärungen haben, vielleicht unabhängig von den Intentionen derjenigen, die sie ausformulieren, die Funktion, die Geschädigten zu Einzelfällen zu marginalisieren beziehungsweise von der Realität der Behandlung mit einem Schwenk auf den unerfüllten Kinderwunsch abzulenken. In meinen Augen ist hier weniger die individuelle „Trauerarbeit“ als vielmehr ein guter Anwalt vonnöten.
3. Es wird sicher so sein, dass sich viele Reproduktionsmediziner aufrichtig um das Wohl der Behandelten bemühen. Aber ebenfalls ist für einen Reproduktionsmediziner die Zahl der Kunden ein Maßstab des Erfolgs. Bei dieser Definition des Erfolgs steht definitiv nicht das „Wohlergehen der Paare im Vordergrund“, wie das Frau Prof. Dr. Mettler postuliert, sondern eben ihre Zahl. Dies ist möglich, weil sich Reproduktionsmedizin als Diskursformation an der Spitze des Fortschritts imaginiert und in dieser Position auf eine massenhafte Anwendung und eine ständige Indikationserweiterung für die von ihr angebotenen Verfahren drängt.
Abschließend möchte ich mich für die etwa 60 erhaltenen Zuschriften und Anrufe bedanken. Manche der Rückmeldungen waren persönlich, manche beschrieben einschlägige klinische Erfahrungen. Alle enthielten wichtige Informationen für meine weitere Arbeit. Insbesondere danke ich Frau Dr. Astrid Bühren, Präsidentin des Deutschen Ärztinnenbundes, sowie Frau Prof. Dr. Gabriele Kaczmarczyk, 2. Vorsitzende des Arbeitskreises Frauen und Gesundheit, für ihre Hinweise auf die wichtigen Initiativen ihrer Organisationen.
Dr. phil. Magda Telus,
Josephstraße 11, 44791 Bochum, M.Telus@web.de
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