BÜCHER

Lungenheilanstalt und Patientenschicksal

Dtsch Arztebl 2002; 99(10): A-630 / B-528 / C-504

Condrau, Flurin

Sozialgeschichte
Anspruchsvolle Studie
Flurin Condrau: Lungenheilanstalt und Patientenschicksal. Sozialgeschichte der Tuberkulose in Deutschland und England im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert. Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft, Band 137, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 363 Seiten, 39 €

Das Wiederaufleben der Tuberkulose in der westlichen Welt hat einer fast überwunden geglaubten Krankheit neue Aufmerksamkeit beschert. Dies gilt auch für die sozial- und wissenschaftsgeschichtliche Beschäftigung mit dieser alten „Geißel der Menschheit“, die im Kaiserreich für etwa zehn Prozent aller Todesfälle verantwortlich war. Die vorliegende Studie reiht sich in diese Tendenz ein, betritt aber zugleich Neuland, indem sie sich auf das lohnende, aber schwierige Feld des historischen Vergleichs begibt.
Ausgehend von der Skizzierung der historischen Epidemiologie der Krankheit, die besonders auch auf den Aspekt der sozialen Ungleichheit vor Krankheit und Tod eingeht, widmet sich der Autor den Bekämpfungsstrategien sowie Präventions- und Therapieeinrichtungen, der „Institutionalisierung der Tuberkulose“. Dabei werden – immer zurückgebunden an die jeweiligen sozialpolitischen Konzepte und Initiativen, insbesondere was die entstehenden Sozialversicherungssysteme angeht – die Gesetzgebung, die Aktivitäten „intermediärer Instanzen“ (Deutsches Zentralkomitee zur Bekämpfung der Tuberkulose, National Association for the Prevention of Tuberculosis) sowie die Entwicklung der Behandlungseinrichtungen vorgestellt.
Besonderes Augenmerk gilt dem kontroversen medizinischen Diskurs über die Heilbehandlungen, die vorrangig auf der von Hermann Brehmer entwickelten hygienisch-diätetischen Methode basierten. Das Grundproblem der Anstalten – sei es in der deutschen Variante, die vor allem die Frischluft-Liegekur propagierte, oder in der englischen, in der die Arbeitstherapie einen wichtigen Platz hatte – bestand dabei in der Frage nach der Heilbarkeit der Tuberkulose. Sozialdisziplinierende Aspekte (zum Beispiel das Arbeitsethos oder die Vermeidung von Ansteckung betreffend) spielten jedoch in beiden Ländern eine nicht zu vernachlässigende Rolle. Während sich in Deutschland die Invalidenversicherung an der Finanzierung von Kuren und dem Bau von Heilstätten beteiligte, um eine Frühverrentung der oft jungen Patienten hinauszuzögern, fand diese „Ökonomisierung“ bei den englischen Sozialpolitikern weniger Rückhalt. Noch mehr als in Deutschland wurde jenseits des Kanals vor dem Hintergrund des Burenkriegs bei der Tuberkulosebekämpfung der Aspekt der „National Efficiency“ und damit der der Position des Landes unter den führenden Mächten hervorgehoben, die man durch einen schlechten Gesundheitszustand der Bevölkerung und eine hohe Mortalitätsrate bedroht sah.
Der Autor untersucht allerdings nicht nur die Arbeit und die Finanzierung der Lungenheilanstalten sowie die soziale und berufliche Struktur ihrer Patienten, er geht vielmehr – im Einklang mit einer noch jungen Tendenz in der Sozialgeschichte von Krankheit und Gesundheit – der Frage der „Behandlungserfahrung der Patienten“ nach. Die Einordnung in den Betrieb einer Institution, unbekannte und schmerzhafte Diagnose- und Therapieverfahren oder „eine ganz neuartige Körper- und Schmutzerfahrung“ vor allem für die Kranken aus den Unterschichten waren Herausforderungen, deren Dimension Patientenerinnerungen und Briefe eindrucksvoll widerspiegeln. „Die Analyse der medizinischen Maßnahmen ,von unten‘ zeigt, dass die (Schul-)Medizin wenige Probleme löste, aber viele neue schuf.“ (Seite 279) Außerdem: 30 bis 50 Prozent der Behandelten starben in den ersten fünf Jahren nach dem Ende der Kur, eine Heilung der Krankheit konnte durch die Sanatoriumsbehandlung nicht erreicht werden.
Auf der Grundlage eines breiten Quellenspektrums erarbeitet, bietet diese methodisch anspruchsvolle Studie – über das engere Fachpublikum hinaus – hochinteressante Einblicke für alle, die sich für die Sozialgeschichte von Gesundheit und Krankheit interessieren. Hedwig Herold-Schmidt
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