ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2002Paul Wunderlich: Die Freiheit des Wollens

VARIA: Feuilleton

Paul Wunderlich: Die Freiheit des Wollens

Dtsch Arztebl 2002; 99(10): A-656 / B-532 / C-503

R., E.

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Der Künstler 2001 im Vaucluse: Paul Wunderlich wird am 10. März 2002 fünfundsiebzig.
Der Künstler 2001 im Vaucluse: Paul Wunderlich wird am 10. März 2002 fünfundsiebzig.
Der Hamburger Künstler hat konsequent seine ureigene,
komplexe Welt geschaffen.

Keines anderen Künstlers Leben und Werk haben diese Zeitschrift und ihre ärztlichen Leser in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts intensiver begleitet als Paul Wunderlichs, und kaum eine andere Berufsgruppe dürfte eine solche Affinität zu seinem Œuvre empfinden. Kein Wunder, betrachtet und bedenkt man den gleichermaßen geistvollen Umgang mit der (verletzlichen) Körperhaftigkeit des Menschen.
1963 hat das „Deutsche Ärzteblatt – Ärztliche Mitteilungen“ Wunderlichs „Kleine Anatomie“ vorgestellt, eine Mappe mit acht fantasievollen, den menschlichen Körper verfremdend zergliedernden Lithographien; das war im gleichen Jahr, in dem der Künstler, aus Paris kommend, als Professor an die Kunsthochschule in Hamburg berufen wurde, an der er bereits von 1951 bis 1960 in den grafischen Techniken unterrichtet hatte.
Bezeichnend für das künstlerische Selbstbewusstsein und die persönliche Charakterstärke: Professor Paul Wunderlich gab 1967 mit dem Beamtenstatus gesicherte Bezüge und den Titel aus freien Stücken auf und versagte sich damit dem Mob halbstarker Ideologen, die zu jener Zeit die Hochschulen (und nicht nur die) zu tyrannisieren begannen. Hamburg hat seither ein gehemmtes Verhältnis zu dem freischaffenden Wunderlich – aber vielleicht ändert das die neue Kultursenatorin Dana Horáková.
Wunderlichs Werk, in dieser Zeitschrift zumindest in
5-Jahres-Abständen beschrieben, hat sich inzwischen unüberschaubar entfaltet. Den grafischen Arbeiten, Lithographien und Zeichnungen vor allem, den Gemälden, Pastellen – längst weltweit bekannt – fügten sich in den jüngsten Jahrzehnten Skulpturen an, deren Werkverzeichnis mittlerweile zwei riesige Bildbände füllt (Texte: Prof. Dr. Heinz Spielmann, Fotos: Karin Székessy). Zwei intimere Bücher dokumentieren die jüngste Werkgruppe: Fragile Kaltnadel-Radierungen 2000/2001.
Zwei Stelen, ein bronzenes Paar, streng stilisiert (1997). Fotos: Karin Székessy
Zwei Stelen, ein bronzenes Paar, streng stilisiert (1997). Fotos: Karin Székessy
In allen Materialien der Bildenden Kunst hat Paul Wunderlich über die Ausformung einer meisterlichen Manier hinaus einen unverwechselbaren Stil entwickelt, und er hat seinen Stilwillen selbst Gebrauchsgegenständen oktroyiert: Tee- und Kaffeegeschirren, Tellern, Bestecken, Schüsseln und Kannen, Tischen und Stühlen.
Über die enthusiastische Überschrift einer Rezension aus der Feder von Prof. Dr. Fritz J. Raddatz mochte man vor Jahren noch lächeln: Wunderlich als eine Art „lieber Gott“, der erschafft, was er will. Aber das ist der Punkt: Paul Wunderlich hat, nur seinem eigenen Wollen folgend, Zeitgeistströmungen und daraus fließende Kritik negierend und konsequent eine komplexe, in sich stimmige Ästhetik bildend, seine ureigene künstliche Welt geschaffen.
Und nun, in den jüngsten Monaten, die frappierende Hinwendung zu einer Serie von Schmuckentwürfen. Schon in diesem Frühjahr wird die Edition Volker Huber, Offenbach am Main, seit langem den Lesern vertrauter Partner des Deutschen Ärzte-Verlages und dessen Versandbuchhandlung, ein Werkverzeichnis aller bis dato von Wunderlich entworfenen Schmuckstücke herausbringen, mit Farbfotos von Karin Székessy brillant illustriert. Die Edition Volker Huber hat jüngst mit der Herausgabe eines Ginkgo-Colliers und eines Venus-Colliers Schmuckstücke Paul Wunderlichs geradezu populär gemacht, vor allem in der jüngeren Generation.
Nach Ausstellungen der letzten Jahre in Paris, Hongkong, Kopenhagen, Houston, Retrospektiven in fünf Museen Japans, zuletzt 2001 im Museum von Hokkaido, werden bis 27. April in der Stichting Veranneman in Kruishoutem, südwestlich von Gent, die aktuellen Werkgruppen Wunderlichs ausgestellt: Kaltnadel-Radierungen, Skulpturen und Schmuck (an allen Tagen außer Sonntag/Montag und Feiertagen von 14 bis 18 Uhr geöffnet). E. R.
Typische Handschrift des Künstlers auch im Rosenthal-Porzellan
Typische Handschrift des Künstlers auch im Rosenthal-Porzellan
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Elegante Schmuckstücke: Venus-Collier (oben) aus massivem Silber mit einer rosafarbenen Zuchtperle; Dianas eingefärbtes Plastikköpfchen (rechts), silberner Butt, Selbstportrait, auf Plastik gezeichnet
Elegante Schmuckstücke: Venus-Collier (oben) aus massivem Silber mit einer rosafarbenen Zuchtperle; Dianas eingefärbtes Plastikköpfchen (rechts), silberner Butt, Selbstportrait, auf Plastik gezeichnet
Elegante Schmuckstücke
Elegante Schmuckstücke: Venus-Collier (oben) aus massivem Silber mit einer rosafarbenen Zuchtperle; Dianas eingefärbtes Plastikköpfchen (rechts), silberner Butt, Selbstportrait, auf Plastik gezeichnet
"Konstultation", Kaltnadel-Radierung (Auflage: 20), 2001
"Konstultation", Kaltnadel-Radierung (Auflage: 20), 2001
"Konstultation", Kaltnadel-Radierung
"Konstultation", Kaltnadel-Radierung (Auflage: 20), 2001
"Maler und Modell", Pastell/Gouache, 1998
"Maler und Modell", Pastell/Gouache, 1998
"Maler und Modell"
"Maler und Modell", Pastell/Gouache, 1998

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