ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2002Arbeitsunfähiger Chef: Knackpunkt Verdienstausfall

Versicherungen

Arbeitsunfähiger Chef: Knackpunkt Verdienstausfall

Dtsch Arztebl 2002; 99(10): [95]

Staudte, Werner

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Selbstständige haben nach einem Unfall und einem daraus resultierenden Verdienstausfall oft Probleme, angemessene Versicherungsansprüche geltend zu machen, Foto: Ford/HP
Selbstständige haben nach einem Unfall und einem daraus resultierenden Verdienstausfall oft Probleme, angemessene Versicherungsansprüche geltend zu machen, Foto: Ford/HP
Selbstständige sehen sich nach einem Verkehrsunfall auch großen wirtschaftlichen Problemen ausgesetzt.


Das Medizinstudium des Arztsohnes war lang. Die Zuschüsse vom Vater waren bescheiden. Der Sohn sollte schon früh lernen, auf eigenen Füßen zu stehen. Mehr als ein gebrauchter Kleinwagen war während der Zeiten an der Universität und dann im Krankenhaus „nicht drin“. Mit 32 Jahren übernimmt der Sohn die Arztpraxis. Der Vater setzt sich zur Ruhe und verstirbt kurze Zeit später. Der junge Arzt verdient erstmals gutes Geld. Er kauft sich nicht nur ein nobles Auto, sondern gegen den Widerspruch der Ehefrau auch ein schweres Motorrad für Freizeit und Wochenende. Schon bei der dritten Ausfahrt kommt es zu einem schweren Unfall. Die Folge: Koma, Wirbelsäulenverletzung, Querschnittslähmung.
Das Risiko, als Motorradfahrer bei einem Unfall schwer verletzt oder gar getötet zu werden, ist mehr als fünfmal so hoch wie für die Insassen eines Pkw. Unter den jährlich etwa 50 000 Schwerverletzten im Straßenverkehr sind einige tausend Selbstständige. Diese haben oft Probleme, ihre Versicherungsansprüche geltend zu machen.
Bei einem unverschuldeten Unfall ist die Sachlage relativ einfach. Die Haftpflichtversicherung des Unfallverursachers übernimmt die Kosten für Arzt und Krankenhaus. Auch beim Schmerzensgeld – immerhin werden bei einer Querschnittslähmung mehr als 200 000 € gezahlt – gibt es keine besonderen Probleme. Die Versicherung des Verursachers übernimmt auch die Kosten für besondere Bedürfnisse des Unfallopfers. Das kann ein Rollstuhl, der Umbau des Autos auf Handgas oder der Einbau eines Treppenlifts im Eigenheim sein. Probleme ergeben sich, wenn es gilt, Verdienst- und Gewinnausfall des Unfallopfers festzustellen. Bei einem Angestellten genügt dem Sachbearbeiter der Versicherung ein Blick auf die letzte Gehaltsabrechnung. Wer sein eigener Chef ist, hat aber selten ein konstantes Einkommen. Es gibt zahlreiche Unwägbarkeiten. Das können beim Arzt saisonale Einflüsse, Eingriffe des Gesetzgebers oder auch ein neuer Konkurrent sein.
Beim Verdienstausfall des Selbstständigen ist der Schaden an der konkreten Vermögenseinbuße und dem eingetretenen Gewinnrückgang zu bemessen. Wie es ohne Chef läuft, ob Patienten oder Kun-den abwandern und der Praxis oder im Betrieb ein gewisser „Schlendrian“ eintritt, lässt sich nur schätzen. Besonders schwierig wird es für die Sachverständigen der Versicherungen, wenn es sich um eine gerade neu aufgebaute Existenz handelt. Für diesen Fall sind zwei extreme Szenarien denkbar: Der eine Existenzgründer tut sich schwer, lebt von der Substanz und hat noch eine längere Durststrecke mit roten Zahlen vor sich. Dem anderen ist der Start bestens gelungen, er hat einen guten Kundenstamm übernommen und macht schon im ersten Jahr ansehnliche Gewinne.
Der eine wie der andere Chef muss seine spezielle Situation gegenüber der Versicherung nachweisen, wenn er seinen Verdienstausfall bezahlt bekommen will. Das ist das besondere Problem von Selbstständigen und Freiberuflern: Die Versicherung zahlt nur, wenn der Schaden durch Unterlagen bewiesen werden kann. Sie will vom Unfallopfer beispielsweise die Bilanzen, Gewinn- und Verlustrechnungen, Einkommensteuererklärungen und -bescheide sowie Umsatzsteuervoranmeldungen und -bescheide der letzten Jahre einsehen.
Was, wenn der Chef im Koma liegt? Jürgen Jahnke, LVM-Versicherungen Münster, schildert Verhältnisse, wie er sie in solchen Fälle vorfindet: „Der Chef war die Seele des Geschäftes. Die Ehefrau hat keine Ahnung von der Gewinnlage, dem Geschäftsumfang und dem Aufbewahrungsort wichtiger Papiere. Niemand weiß, wie das Passwort für den Computer oder der Code für den Tresor lautet.“ Weil die Materie nach dem schuldlosen Unfall eines Selbstständigen so kompliziert ist, empfiehlt der Versicherungsmanager, unbedingt einen Anwalt zu kontaktieren. Bei schweren Personenschäden sei das ohnehin die Regel. Die Haftpflichtversicherung des Schädigers müsse die Anwaltskosten erstatten.
Trifft den jungen Arzt eine Mitschuld an dem Verkehrsunfall, wird die Situation prekär. War er mit seinem Motorrad zu schnell unterwegs, ohne die nötige Schutzkleidung oder hat er eine andere grobe Fahrlässigkeit begangen, wird Mitverschulden geltend gemacht. Sechs Wochen Heilbehandlung nach einem schweren Unfall kosten schnell bis zu 50 000 €. 30 Prozent Selbstbehalt davon wegen Mitschuld sind viel Geld.
Die Auswirkungen von selbstverschuldeten Unfällen können schnell existenzbedrohend werden. Der selbstständige Unternehmer ist teilweise nicht sozialversichert. Auch hat er, insbesondere wenn er sich erst seine Existenz aufbaut, manchmal keine private Kran­ken­ver­siche­rung. Nach Angaben des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft sind ein bis zwei Prozent der Bevölkerung ohne Versicherungsschutz bei Krankheit. In erster Linie seien das Selbstständige, darunter viele „Scheinselbstständige“. Bei Unfällen ohne Fremdverschulden werden solche Opfer zu Fällen für die Sozialhilfe, weiß Jahnke. Dann ist auch das Betriebs-vermögen vor dem Zugriff des Sozialamtes nicht mehr sicher. Als vorsorgende Maßnahmen empfiehlt Jahnke, dass der Selbstständige ein bestimmtes Einkommen auf jeden Fall absichert. Hier bieten sich die freiwillige Versicherung in der gesetzlichen Renten- und Kran­ken­ver­siche­rung, der Beitritt zu berufsständischen Versorgungswerken, die private Kran­ken­ver­siche­rung sowie die Unfall- und Lebensversicherung an. Werner Staudte
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