ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2002Wissenschaftlicher Beirat: Orientierungshilfe für Ärzte und Gesellschaft

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Wissenschaftlicher Beirat: Orientierungshilfe für Ärzte und Gesellschaft

Richter, Eva A.

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Bundesärztekammer-Präsident Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe, der Vorsitzende des Wissenschaftlichen Beirats der BÄK, Dr. med. Karl-Friedrich Sewing und Staatssekretär Dr. Klaus Theo Schröder würdigten beim Festakt anlässlich des 50-jährigen Bestehens des Wissenschaftlichen Beirats dessen Verdienste. Fotos: Georg J. Lopata
Bundesärztekammer-Präsident Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe, der Vorsitzende des Wissenschaftlichen Beirats der BÄK, Dr. med. Karl-Friedrich Sewing und Staatssekretär Dr. Klaus Theo Schröder würdigten beim Festakt anlässlich des 50-jährigen Bestehens des Wissenschaftlichen Beirats dessen Verdienste. Fotos: Georg J. Lopata
Der Wissenschaftliche Beirat der Bundesärztekammer
feierte sein 50-jähriges Bestehen.

Mit einem Festakt und einem Symposium ehrte die Bundesärztekammer am 8. März in Berlin das 50-jährige Bestehen ihres Wissenschaftlichen Beirats. Die Mitglieder hätten Hervorragendes geleistet, betonte der Präsident der Bundesärztekammer, Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe. Ihre Arbeit sei richtungweisend gewesen und hätte zu dem hohen Ansehen der Ärzteschaft beim Gesetzgeber beigetragen. Dies bestätigte Dr. Klaus Theo Schröder, Staatssekretär im Bundesgesundheitsministerium, der die Glückwünsche und den Dank der Bundesgesundheitsministerin überbrachte. Die Arbeit des Wissenschaftlichen Beirats beweise die Funktionsfähigkeit der ärztlichen Selbstverwaltung, sagte Schröder.
„Wir wollen dem ärztlichen Handeln einen soliden Hintergrund und fundierten Rahmen im Sinne einer Orientierungshilfe geben“, beschrieb der Vorsitzende des Wissenschaftlichen Beirates, Prof. Dr. med. Karl-Friedrich Sewing, die Aufgaben dieses Ständigen Ausschusses der Bundesärztekammer. Dazu bereite der Beirat, dem neben Ärzten auch Biologen, Biochemiker, Juristen, Ethiker, Theo-logen und Sozialwissenschaftler angehören, neue und/oder schwierige Themen für das Verständnis in der Ärzteschaft und in der Öffentlichkeit auf. Dass dies notwendig ist, erkannte bereits 1951 der damalige Bundesärztekammerpräsident Prof. Dr. med. Dr. theol. h. c. Hans Neuffer, der auf dem 54. Ärztetag vorschlug, ein Berater-
gremium für medizinwissenschaftliche Grund- und Einzelfragen zu berufen. 1952 nahm der Beirat seine Arbeit auf.
Inzwischen hat der Wissenschaftliche Beirat im Auftrag des Vorstandes der Bundesärztekammer mehr als 130 Richtlinien, Stellungnahmen und Empfehlungen zu fachübergreifenden medizinisch-wissenschaftlichen Fragen erarbeitet. Großen Einfluss hatte er auf die Gesetzgebungsverfahren zum Embryonenschutzgesetz und zum Transplantationsgesetz. Derzeit beschäftigt sich der Beirat unter anderem mit Fragen zur Präimplantationsdiagnostik, genetischen Diagnostik, Abstammungsgutachten und Xenotransplantation. „Zukunftsweisende Handlungsoptionen vorzustellen oder gar zu empfehlen erfordert Mut und Entschlusskraft“, betonte Sewing.
Der Festakt verlief harmonisch; von den vorausgegangenen Differenzen zwischen dem Vorstand der Bundesärztekammer und dem Wissenschaftlichen Beirat war nur wenig zu bemerken (siehe „Machtproben“, DÄ, Heft 7/2002). Sewing verdeutlichte jedoch seine Position: So wie die Wissenschaft das Recht haben müsse, auch Unorthodoxes der Gesellschaft vorzustellen, so habe auch die Ärzteschaft ein Recht darauf zu erfahren, was ihr wissenschaftliches Beratungsgremium denke. Hintergrund: Sewing hatte in einer Presseerklärung die Bundestagsentscheidung zum Import von embryonalen Stammzelllinien als richtig, ethisch ausgewogen und mutig bewertet. Dabei konnte er sich weder auf eine Beschlussfassung der Wissenschaftlichen Beirats noch des Vorstands der Bundesärztekammer, der die Auffassung der Ärzteschaft vertritt, berufen. Vielmehr hatte sich die Ärzteschaft auf dem letzten Ärztetag im Mai 2001 ablehnend gegenüber der Forschung an menschlichen Embryonen geäußert. „Nach 50 Jahren muss die Frage erlaubt sein, ob für eine Standesorganisation wie die Bundesärztekammer ein Wissenschaftlicher Beirat jetziger Prägung noch zeitgemäß ist“, sagte Sewing weiter. Auf administrativer Ebene könnten keine ausgewogenen Antworten mehr gegeben werden. Ein unabhängiges Gremium biete eine größere Chance, zu sachgerechten Entscheidungen zu kommen.
Die Wissenschaft könne nur Fakten für die Meinungsbildung zur Verfügung stellen, betonte stattdessen Prof. Dr. med. Jens Reich vom Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in Berlin. Weil Ethik kein leeres Wort sei, ließen sich keine klaren Aussagen treffen. Der Präsident der Alexander von Humboldt-Stiftung und ehemalige Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (1992 bis 1997), Prof. Dr. phil. Wolfgang Frühwald, warnte davor, dass der Mensch seine „leibhaftige Mitte“ verlieren könne. Die letzte biologische Gewissheit könnte sich in der Beliebigkeit austauschbarer, zu züchtender Einzelorgane auflösen. „Wir streiten jetzt nicht um neue oder veraltete wissenschaftliche Methoden“, sondern um die „bisher naturwüchsige, scheinbar alternativenlose leibhaftige Basis unserer Urteile und Entscheidungen“, erklärte Frühwald. „Die Stimme des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesärztekammer hat in diesem Streit Gewicht.“ Dr. med. Eva A. Richter
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