ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2002Pharmaindustrie: Kompensationen zu erwarten

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Pharmaindustrie: Kompensationen zu erwarten

Clade, Harald

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LNSLNS Positivlisten-Projekt skeptisch beurteilt

Die pharmazeutische Industrie und die Arzneimittelhersteller laufen unvermindert Sturm gegen das von der Bundesregierung geplante Projekt einer Arzneimittel-Positivliste (§ 33 a SGB V). Dabei wird die Industrie teilweise auch von ärztlichen Körperschaften und Verbänden, so zum Beispiel vom Berufsverband der Allgemeinärzte Deutschlands – Hausärzteverband – e.V. (BPA), vom NAV-Virchow-Bund (Verband der niedergelassenen Ärzte Deutschlands) und vom Hartmannbund (Verband der Ärzte Deutschlands e.V.), unterstützt. Der Bundesfachverband der Arzneimittelhersteller e.V. (BAH), Bonn, mutmaßt, dass das Positivlisten-Projekt zu einem kostendämpfungspolitischen Fehlschlag führen wird. Würden nämlich die Ärzte vermehrt hochpreisige, innovative Arzneimittel verschreiben, die auf der Liste stehen, würde der erhoffte und in der politischen Rechnung eingeplante Spareffekt zunichte und überkompensiert werden (also: „Luftbuchung“, wie gehabt).
Therapiefreiheit wird eingeengt
Andererseits ist es unbestreitbar, dass eine Positivliste, also eine Liste der zulasten der Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung abrechenbaren Präparate, das therapeutische Spektrum eingrenzen und die Arzneimitteltherapiefreiheit der Ärzte tangieren würde. Davon sind vor allem die Hausärzte berührt.
Zudem: Nicht zu unterschätzen sind auch die wirtschaftlichen Auswirkungen einer solchen Listenmedizin. Das Marktforschungsinstitut IMS Health & Co., Frankfurt/Main, kam in einer Studie im Auftrag des BAH zu dem Ergebnis, dass künftig mehr als 19 Prozent der derzeit zulasten der Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung verordneten Arzneimittel nach dem Umsatzwert und 31,3 Prozent nach Maßgabe der verordneten Packungen von der Kostenübernahme durch die Krankenkassen ausgegrenzt werden.
Verhalten optimistisch
Dennoch ist die Branche (vorerst) verhalten optimistisch. Trotz ungünstiger politischer und gesetzlicher Rahmenbedingungen prognostiziert der Verband Forschender Arzneimittelhersteller e.V. (VFA), Berlin, dass im Jahr 2002 im Inland 60 neue Präparate im Markt eingeführt werden. Darunter sollen 25 Präparate mit neuen, chemisch definierten Wirkstoffen und sieben gentechnisch erzeugte Innovationen sein. Der VFA wertet diese Prognose als ein Argument gegen die Behauptung, überwiegend Me-too-Präparate mit einem nur relativ geringfügigen Innovationseffekt („Molekülvariation“) würden den Markt überschwemmen. Immerhin kostet die Entwicklung einer echten pharmazeutischen Innovation bis zur Marktreife bis zu 500 Millionen €.
Unvermindert klagt die Arzneimittelindustrie darüber, dass die Arzneimittelforschung in Deutschland (Stichwort: „Wirtschafts- und Gesundheitsstandort Deutschland“) künftig nur noch eine untergeordnete Rolle spielt und längst den Anschluss an die Weltspitze verloren hat. Nach Angaben der Unternehmensberatungsgesellschaft Boston Consulting Group, Frankfurt/Main, betreiben die 30 umsatzstärksten Pharmaunternehmen 130 Forschungsstandorte. In Deutschland gibt es davon lediglich zehn. Dr. rer. pol. Harald Clade
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