ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2002USA/Krankenhäuser: „Hospitalist Movement“

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USA/Krankenhäuser: „Hospitalist Movement“

Dtsch Arztebl 2002; 99(11): A-698 / B-569 / C-535

Pischon, Tobias

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LNSLNS Die Amerikaner machen neue Erfahrungen mit „reinen“ Krankenhausärzten.

Das Problem der Medizin in Deutschland ist die ungünstige Verzahnung der ambulanten mit der stationären Versorgung“ – wie oft stößt man auf diese Aussagen bei der Diskussion um das Gesundheitssystem in Deutschland! Die strikte Trennung von ambulanter und stationärer Versorgung dient häufig als ein Argument zur Begründung dessen, was zurzeit im deutschen Gesundheitswesen angeblich schief läuft: steigende Kosten (aufgrund doppelter Untersuchungen), mangelhafte medizinische Qualität (aufgrund nicht gewährleisteter kontinuierlicher Versorgung), unzufriedene Patienten und Ärzte (aufgrund Gefährdung der Arzt-Patient-Bindung) und schlechte Weiterbildung (weil zu spezialisiert). Nach Meinung vieler Kritiker wäre die Situation besser geregelt, wenn – beispielsweise wie in den USA – niedergelassene Ärzte ihre Patienten auch im Krankenhaus weiter behandeln und die Krankenhäuser ambulante Leistungen erbringen dürften. Dies würde die Kontinuität der Versorgung besser gewährleisten und dadurch möglicherweise viele der Probleme mildern.
Ein neuer „Facharzt“
So war beispielsweise in den USA der „reine“ Krankenhausarzt, der nur im Krankenhaus arbeitet und keine ambulanten Patienten behandelt, bisher unbekannt. Allerdings ist in den letzten Jahren Bewegung ins amerikanische System gekommen, denn in den USA wird langsam und von vielen kaum bemerkt ein neuer „Facharzt“ eingeführt: der „Hospitalist“, das heißt ein Arzt, der ausschließlich im Krankenhaus arbeitet und die Patienten nicht ambulant behandelt. Wie revolutionär dieser Schritt ist, zeigen Zeitungsartikel, die berichten, dass Patienten verdutzt sind, wenn sich ihr Arzt als „Hospitalist“ vorstellt und ihnen erklärt, dass er sie nur im Krankenhaus behandelt. Viele sind irritiert, und manche assoziieren mit dem Begriff sogar das Hospiz, in denen Ärzte Patienten beim Sterben begleiten.
Ein kürzlich erschienener Review hat diese Frage in den USA genauer untersucht und kam zu überraschenden Ergebnissen. Die Autoren Wachter und Goldman haben Literaturdatenbanken nach in den letzten fünf Jahren erschienenen Publikationen überprüft (viel länger gibt es das „Hospitalist Movement“ noch nicht), die die Arbeit von Krankenhausärzten mit der von Nicht-Krankenhausärzten verglichen haben. „Hospitalist“ wurde definiert als ein Arzt, der mindestens 25 Prozent seiner Arbeitszeit im Krankenhaus verbringt, die Patienten von einem niedergelassenen Arzt übernimmt und wieder an diesen übergibt. Von den 19 von ihnen gefundenen Studien zeigten 15 eine Verringerung der Behandlungskosten (um rund 13 Prozent) und der Krankenhausverweildauer (um rund 17 Prozent) in den Krankenhäusern, in denen Krankenhausärzte (Hospitalists) arbeiteten. Zwei weitere fanden eine Verkürzung der Liegedauer im Krankenhaus ohne Kostensenkung. Lediglich zwei Studien ermittelten weder eine Senkung der Kosten noch der Verweildauer. Dabei fanden die meisten Studien keine Unterschiede in der Qualität der Versorgung, und zwei größere Studien fanden sogar eine Verringerung der Mortalität in den Hospitalists-Krankenhäusern.
Die Autoren kommentieren, dass ausgehend von den von ihnen untersuchten Studien in den USA mit einer Senkung der Krankenhauskosten von 2,4 Milliarden $ jährlich zu rechnen wäre. Nach Angaben der Autoren wird das Konzept trotz Skepsis von den meisten Patienten und Ärzten akzeptiert. Allerdings gäbe es dafür einige Voraussetzungen: Einerseits müsste gewährleistet sein, dass auch der Hospitalist gut erreichbar ist und für Gespräche zur Verfügung steht. Andererseits müsste für einen optimalen Informationsfluss zwischen niedergelassenem Arzt und Krankenhausarzt gesorgt werden, einschließlich Telefonanrufen bei Patientenaufnahme und -entlassung, täglichen Faxen über den Behandlungsfortgang und der Möglichkeit für die niedergelassenen Ärzte, jederzeit mit ihren Patienten zu kommunizieren oder sie zu besuchen.
Allrounder passé
Folgende Argumente sprechen für das Konzept des Hospitalist’s: Einerseits können sich die Ärzte im Krankenhaus auf die Aufgaben und Krankheitsbilder im Hospital konzentrieren; Gleiches gilt für die niedergelassenen Ärzte. In einer Zeit, in der sich die Medizin weiter spezialisiert, ist die Beschäftigung eines Krankenhausarztes, der sich mit den spezifischen Problemen der Krankenhausmedizin auskennt, ein logischer Schritt. Andererseits bedeutet die Arbeit der niedergelassenen Ärzte im Krankenhaus in den USA für diese in der Regel Umsatzeinbußen, weil sie mit einem relativ hohen Zeitaufwand verbunden ist. Den Krankenhausärzten wird diese Zeit für ihre Patienten gegeben. Sieht der Patient den niedergelassenen Arzt im Krankenhaus nur zu den Visiten, so ist der Krankenhausarzt in der Regel jederzeit für ihn da.
Alle, die Modelle aus anderen Ländern ungeprüft nach Deutschland übertragen wollten, müssen umlernen. Das Konzept des Arztes als Allround-Genie wird wegen der Hochleistungsmedizin unmöglich. In Deutschland gibt es bereits eine Spezialisierung der Ärzte im Krankenhaus und der niedergelassenen Ärzte auf ihre spezifischen Aufgaben – ein Schritt, der in den USA erst zögernd vollzogen wird. Die Studien aus den USA zeigen, dass trotz der personellen Trennung des Krankenhausarztes vom niedergelassenen Arzt eine integrierte Versorgung möglich ist, die mit niedrigeren Behandlungskosten und gleicher oder sogar besserer medizinischer Qualität verbunden ist.
Dr. med. Tobias Pischon, MPH
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