ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2002Hilfe für Beclean: Wenig Geld, große Visionen, viel Erfolg

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Hilfe für Beclean: Wenig Geld, große Visionen, viel Erfolg

Dtsch Arztebl 2002; 99(11): A-699 / B-570 / C-536

Poelchau, Nina

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Vor der Fertigstellung des Pavillon-Neubaus waren diese Patienten des Bezirkskrankenhauses Beclean im Keller untergebracht. Fotos: Daniel Hartmann
Vor der Fertigstellung des Pavillon-Neubaus waren diese Patienten des Bezirkskrankenhauses Beclean im Keller untergebracht. Fotos: Daniel Hartmann
Seit elf Jahren setzt sich eine Gruppe deutscher Ärzte
und Therapeuten aus Ravensburg für bessere Bedingungen in einem psychiatrischen Bezirkskrankenhaus in Rumänien ein.

Ein deutsches Hilfsprojekt in Rumänien? Das klingt nach Vergangenheit – nach den unmittelbaren Folgejahren von 1989, als der Eiserne Vorhang fiel, Diktator Ceauçescu gestürzt worden war und sich dem empörten Rest der Welt das Ergebnis einer unmenschlichen Politik, einer katastrophalen medizinischen Versorgung offenbarte. Etliche Hilfsdienste stürmten damals in Europas unentdeckten Osten. Sie brachten Lebensmittel mit und dicke Jacken, Bettgestelle und medizinisches Gerät. Die meisten haben sich bald wieder zurückgezogen. Fast überall ist die Anschub-Hilfe heute längst verpufft: Die politische Situation ist immer noch verworren, die Armut im Land so groß wie die Bestechlichkeit, die Wirtschaft liegt brach. Rumänien – vergessenes Land.
Die größte Not leiden wie zu kommunistischen Zeiten die Randgruppen. Menschen ohne Lobby und ohne gesellschaftliche Anerkennung, zum Beispiel psychisch Kranke. Nur langfristig konzipierte Entwicklungshilfe kann hier wirklich helfen. Nur wenn sich das Bewusstsein der Menschen vor Ort ändert, hat die Hilfe von außen Sinn: In der Erkenntnis war sich eine Gruppe von Ärzten und Therapeuten um den Ravensburger Sozialpsychiater Prof. Paul-Otto Schmidt-Michel, Chefarzt am oberschwäbischen Zentrum für Psychiatrie (ZfP) in Weissenau, vor elf Jahren schnell einig. 1990 hatte Schmidt-Michel einen Spendentransport des Malteser Hilfsdienstes nach Beclean begleitet. In dem Dorf am Rande der Karparten, etwa 100 Kilometer von Cluj Napoca (Klausenburg) entfernt, sind bis heute die chronisch psychisch Kranken des Distriktes Bistritta-Nassaud (etwa 320 000 Einwohner) untergebracht. Menschen, von denen sich niemand Heilung erwartete: Schizophrene, Epileptiker, Oligophrene. Als die Helfer aus Deutschland zum ersten Mal kamen, lebten die etwa 150 Patienten unter Bedingungen, die alle Vorstellungen sprengten. Schmidt-Michel sprach von „passiver Euthanasie“. In einer Dokumentation, die unmittelbar nach der ersten Reise entstand und das Entsetzen wenig gefiltert vermittelt, hielt er fest: „Wir haben Zustände vorgefunden, die mit Worten kaum zu beschreiben sind und die an die Ermordung psychisch Kranker im Dritten Reich erinnern. Die Patienten werden nicht physisch umgebracht, jedoch im Keller wie Tiere auf engstem Raum eingeschlossen, sodass jegliche menschliche Regung unmöglich ist.“ Gut 30 Kranke waren im Keller untergebracht, Tag und Nacht zusammengepfercht in kalten, klammen Räumen. Meist kauerten sie zu zweit und zu dritt auf ihren Eisenpritschen, die dünnen Decken dicht an ihre ausgemergelten Körper gerafft. Weder gab es ein Bad noch Toiletten. Für die Notdurft standen Eimer im Zimmer bereit. Das Essen wurde in Blechnäpfen in die Zellen geschoben. Die damals einzige Ärztin an dem Großkrankenhaus ließ sich im Kellergeschoss kaum sehen, und auch das Pflegepersonal machte einen großen Bogen um den Trakt, in dem es ekelerregend nach Körperausdünstungen, Kohl und Exkrementen roch. Jahr für Jahr starb fast ein Drittel der Patienten im Keller – nicht an ihren psychischen Krankheiten, sondern an den Verhältnissen, an der Apathie der Fachleute und der Gleichgültigkeit der Behörden.
Vor zehn Jahren noch undenkbar: Patienten sitzen im Hof des Bezirkskrankenhauses in der Sonne.
Vor zehn Jahren noch undenkbar: Patienten sitzen im Hof des Bezirkskrankenhauses in der Sonne.
Die Bedingungen in Beclean verbessern, ohne die Menschen vor Ort zu entmündigen und ohne ihnen westeuropäische Ideen überzustülpen – das ist die Leit-Idee, an der sich der Verein „Beclean – Hilfe für psychiatrische Langzeitpatienten“ orientiert. Mithilfe des Malteser Ordens und Spendengeldern, vor allem aus Oberschwaben, wurde in den ersten Jahren ein einfacher und funktionaler Pavillon mit 28 Betten gebaut, um die Kelleretage möglichst schnell räumen zu können. Schon damals wurde streng darauf geachtet, dass sämtliche Materialien, die Handwerker und die Baugesellschaft aus dem rumänischen Distrikt kamen. Parallel wurden die Pfleger und die Ärztin geschult – und für zusätzliche Leistungen wie Beschäftigungstherapie, Weiterbildung und Extra-Stunden mit den Patienten mit einem kleinen Zusatz-Gehalt belohnt. Ein Qualifizierungsprogramm entstand, das die Robert-Bosch-Stiftung in Stuttgart seit einigen Jahren unterstützt: Rumänisches Klinikpersonal kommt alle zwei Jahre nach Ravensburg und kann im Zentrum für Psychiatrie sehen, wie moderne Psychiatrie funktioniert. Bis zu sechs Monate haben Fachleute aus Ravensburg – zum Beispiel ein Ergotherapeut oder eine Krankenschwester – in Beclean verbracht und ihr Know-how an die osteuropäischen Kollegen weitergegeben. Deutsche Fachbücher wurden ins Rumänische übersetzt. Im Januar hat der Verein eine Sozialwissenschaftlerin aus Cluj für zwei Jahre angestellt. Die 27-Jährige soll unter anderem herausfinden, welche Patienten aus der stationären Psychiatrie entlassen werden und in ihre Heimatgemeinden zurückkehren könnten. Der Verein kann sich wiederum vorstellen, Familien finanziell zu bezuschussen, die ihre kranken Angehörigen zu Hause aufnehmen.
Die Situation im Bezirkskrankenhaus von Beclean ist heute wesentlich besser als 1990 und wesentlich besser als die Situation von vielen anderen Kliniken im Land: Die Patienten sind inzwischen auf drei Gebäude verteilt – zusätzlich zu dem Krankenhaus-Pavillon kam 1999 die frühere Geburtsabteilung mit 16 Betten hinzu – die Renovierung finanzierten der Distrikt Bistritta und die Helfer aus Deutschland gemeinsam. Die Patienten haben nicht nur mehr Platz – das Klima ist deutlich wärmer, menschlicher geworden. Das Menschenbild hat sich verändert – ganz allmählich. Die Pfleger haben damit begonnen, sich für die Kranken zu interessieren. Sie malen und arbeiten mit ihnen, sie gehen mit ihren Schützlingen spazieren – und sie sprechen mit ihnen. Gemeinsame Ausflüge in die Ortsmitte sind heute ebenso selbstverständlich wie Patienten, die sich alleine im Areal der Klinik tummeln, in der Sonne sitzen oder auf einem gepachteten Stück Land Gemüse für die Krankenhausküche ernten; alles Bilder, die vor zehn Jahren undenkbar waren.
Im jüngsten Rundbrief an die Spender im Kreis Ravensburg für das Projekt „Beclean“ stellt der Verein die erreichten Ziele den nach wie vor ungelösten Problemen gegenüber. Auf der Sollseite ist unter anderem aufgeführt: „Es leben immer noch über 100 Langzeitpatienten auf engstem Raum in sanitär verheerenden Verhältnissen, Arbeitstherapie und Beschäftigungstherapie konnten bislang nur ansatzweise in den beiden von uns erstell-ten Auslagerungen etabliert werden.“ Oder: „1,5
Psychiater für über 150 Patienten ist weiterhin zu wenig, und es fehlt an heilpädagogisch, ergotherapeutisch und sozialpädagogisch qualifiziertem Personal.“ Auf der Habenseite stehen die besseren Wohnbedingungen und die Weiterbildung von Ärzten und Pflegern. Und: „Als Wichtigstes haben wir eine vertrauensvolle Zusammenarbeit mit den politisch und medizinisch Verantwortlichen der Region aufbauen können.“
Kontakt: Beclean e.V., Prof. Paul-Otto Schmidt- Michel, Eisenbahnstraße 30/1, 88212 Ravensburg Spendenkonto: Kreissparkasse Regensburg, BLZ: 650 500 10 Konto: 48 048 488
Kontakt: Beclean e.V., Prof. Paul-Otto Schmidt- Michel, Eisenbahnstraße 30/1, 88212 Ravensburg Spendenkonto: Kreissparkasse Regensburg, BLZ: 650 500 10 Konto: 48 048 488
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„Unser Krankenhaus ist jetzt eines der besten in Rumänien“, schwärmte Florin Neascu, der heutige Arzt der psychiatrischen Klinik von Beclean, als einige Vereinsmitglieder aus Deutschland jüngst zu Besuch waren. Da saß man im spartanisch eingerichteten Arztzimmer zusammen, kaute belegte Brote, und die Gäste kamen nicht umhin, den ein oder anderen Freundschaftsschnaps zu trinken. Aus Skepsis und Angst vor Bevormundung haben sich bei den Rumänen über die Jahre kollegiale bis freundschaftliche Gefühle entwickelt. Und die anfängliche Unsicherheit der Deutschen hat sich in Vertrauen verwandelt, dass ihr Engagement gewollt und Entwicklungshilfe im besten Sinne ist. Nina Poelchau

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