ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2002Vergangenheit: Falsche Unterstellungen
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LNSLNS . . . (Mein Vater) beendete den Ersten Weltkrieg als aktiver Stabsarzt und ließ sich als praktischer Arzt nieder. . . . Seine politische Einstellung war konservativ geprägt. Er wählte – wenn ich mich recht erinnere – die Deutsch-Nationalen. Den immer stärker werdenden
Nationalsozialisten stand er skeptisch gegenüber. Diese Einstellung schwächte sich ab, als diese 1933 die Macht übernommen hatten und sehr bald positive Erfolge nachweisen konnten, insbesondere, was die Arbeitslosigkeit anbelangt. Aber auch ein allgemeiner wirtschaftlicher Aufschwung steht damit in Zusammenhang. Was ihm nicht gefiel, war das Auftreten der Pseudo-Militärs, der SA und ihrer Gliederungen. . . . Seine Abneigung gegen diese kam deutlich zum Vorschein, als er von SA, SS usw. immer öfter bedrängt wurde, sich an Sonn- und Feiertagen aktiv an ihrem Dienst zu beteiligen; die Motor-SA brauchte bei ihrem Fahrunterricht einen sofort greifbaren Arzt, die Reiter-SS ebenso beim Reit-Unterricht. Mein Vater weigerte sich mit der Begründung, er müsse seinen Patienten, nicht zuletzt den Bettlägerigen, auch an den Sonntagen jederzeit zur Verfügung stehen.
Diese Begründung wurde jedoch nicht akzeptiert. Man erfand eine Bestimmung,
wonach den nicht aktiven Ärzten 10 % der Kassen-Honorare abgezogen wurden. Dies war für meinen Vater das auslösende Moment, einen sicher von langer Hand vorbereiteten Schritt zu vollziehen. Die Nationalsozialisten hatten es nämlich übersehen, ein noch aus dem Kaiser-Reich existierendes Gesetz zu annullieren. Dieses bestimmte, dass aktive Soldaten keiner politischen Partei angehören durften. Er ließ sich also bei der Wehrmacht reaktivieren und wurde als Stabsarzt wieder eingestellt und bald befördert. Dabei hatte er natürlich eine nicht unerhebliche Einkommenseinbuße . . .
Zu behaupten, wie im DÄ zu lesen ist, die Ärzte seien noch im letzten Kriegsjahr verblendet gewesen, halte ich für absurd. Was meinen Vater anbelangt, so war seine Vaterlandsliebe stark genug, um sich vom warmen Chefarzt-Sessel eines Lazaretts noch 1941 (Oberfeldarzt und 51 Jahre alt) zur aktiven Teilnahme am Russlandfeldzug freiwillig zu melden. Fürs Vaterland, nicht für die „Partei“.
Erich Schedler, Ferdinand-Kobell-Straße 13, 85540 Haar
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