ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2002Vergangenheit: Typische Biografie
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Mein Vater (1896 bis 1984) war wie sein Vater niedergelassener Arzt. Er hatte am Ersten Weltkrieg bei der Marine teilgenommen und wurde als Leutnant während der Revolte inhaftiert. Später trat er in den „Stahlhelm“ ein, der nach 1933 in die SA eingegliedert wurde. Vom Angebot, den SA-Sturm an seinem Heimatort zu führen, machte er ein paar Jahre Gebrauch; dass er inzwischen Mitglied der NSDAP geworden war, „verstand sich von selbst“. Dabei war er kein „echter Nazi“, andernfalls man ihn nicht 1939 wieder zur Kriegsmarine einberufen hätte, die er 1944 in Richtung England verlassen musste. Die Biografie meines Vaters kann als typisch für die Mehrheit der damaligen deutschen Ärzte gelten, deren rechtskonservative Gesinnung politische Verantwortung gleichsetzte mit Subordination gegenüber herrschenden Autoritäten und kategorisch ausschloss, so etwas wie Schuld oder gar Mitschuld an politischen Katastrophen einzugestehen. Hier lag der Grund, weshalb das DÄ in den Jahren und Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg eine erschöpfende Diskussion über den Nationalsozialismus nicht führen konnte oder wollte. Diese kam dann mit erheblicher Verspätung, nachdem eine neue Ärztegeneration dazu fähig und bereit war – bedingt zumindest. Jene Kollegen aber, die einen Nachholbedarf nicht wahrhaben wollen und das DÄ tadeln, sollten ihre Entrüstung zügeln, die sie – vielleicht ungewollt – in den Dunstkreis einer Tradition gelangen lässt, die zu dem führte, was ärztliche Pflicht verhindern soll, nämlich Leid, vorzeitiges Siechtum und frühes Sterben. Damit bin ich nicht erst beruflich konfrontiert worden, sondern – unter unvergleichlich dramatischeren Umständen – in meinem 15. bis 17. Lebensjahr, als ich als Flakhelfer dazu missbraucht wurde, einen längst verlorenen Krieg hinauszuzögern, um die nichtswürdige Existenz eines doch bereits zum Suizid entschlossenen Megatöters zu verlängern. Eine wie selbstverständlich getroffene Feststellung wie „jene Zeit“ sei „schwer beurteilbar“ kann ich nur mit ungläubigem Erstaunen zur Kenntnis nehmen.
Dr. med. Norbert Willerding, Burgblick 16, 97688 Bad Kissingen
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige