ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2002Krankenhaus: Zur Zukunft des Krankenhauses
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LNSLNS Vielleicht haben wir die in den letzten Jahren von unseren Gesundheitspolitikern vorangetriebene marktwirtschaftliche Öffnung des Gesundheitswesens unterschätzt und als vorübergehende neoliberalistische Modetorheit allzu leichtfertig abgetan. Nun, da das profitorientierte Dienstleistungsunternehmen Krankenhaus (in dem das „Marktobjekt“ Patient qua Vertrag seine Heilung als käufliche Ware einfordert und das ,,Marktsubjekt“ Arzt dazu angehalten ist, Profite zu erwirtschaften) Wirklichkeit wird, sind wir überrascht, wie sehr diese fremden, ,,fortschrittlichen“ Denkstrukturen unser ärztliches Handeln beeinflussen und unser Selbstverständnis als Ärzte beschädigt wird.
Dabei könnte es noch schlimmer kommen, wie uns die Spielregeln des in alle Lebensbereiche eindringenden ,,gesellschaftlichen Subsystems Wirtschaft“ zeigen: Denn dieses System wird nur durch den Code ,,Profit“ gesteuert. Ethisches Handeln kann hier nicht wirksam werden, da der Code ,,Moral“ (mit den Signalen gut/böse) mit dem Code ,,Profit“ nicht kompatibel ist. Folglich wird ein Unternehmen, zum Beispiel ein Krankenhaus, das noch in bestimmter Weise nach althergebrachten moralischen Überlegungen handelt, gnadenlos vom Markt bestraft und letztlich aufgrund des individualethischen Handelns seiner Mitarbeiter vom Markt eliminiert (nach N. Luhmann).
Was können wir dagegen tun?
« Den verantwortlichen, ahistorisch denkenden, vom ökonomischen Zeitgeist infizierten Gesundheitspolitikern, Ärztefunktionären, Verwaltungsdirektoren und ärztlichen Leitern, aber auch den Patienten sei in Erinnerung gerufen, dass in Deutschland die Ärzte schon einmal um eines vermeintlichen ,,Fortschritts“ willen alle ethischen Maßstäbe ihrer Heilkunst blind und ohne Gegenwehr verraten haben.
¬ Wir Ärzte, deren Köpfe mit medizintechnischem und nun zunehmend auch mit betriebswirtschaftlichem Spezialwissen gefüllt sind, können im Umgang mit den uns anvertrauten Patienten heute vom medizinischen Nachwuchs etwas lernen: Die jungen Kolleginnen und Kollegen und Studierenden scheinen in menschlicher Hinsicht noch nicht so distanziert, abgestumpft, ja verbogen (,,ich habe jetzt leider keine Zeit, wenn Sie über Ihre Krankheit etwas wissen wollen, schauen Sie doch ins Internet“) zu sein, denn sie praktizieren intuitiv in ihrer ganzheitlichen Annäherung an den Patienten das alte ärztliche Fürsorgeprinzip, indem sie ,,sich aus fremdem Leiden eigene Sorgen bereiten“ (Hippokrates).
­ Zu guter Letzt sei an den weisen Pädagogen, Philosophen und Theologen Johann Amos Comenius erinnert, der uns schon vor 400 Jahren etwas derb, aber um so treffender ins Stammbuch schrieb:
,, . . . denn was ist wissenschaftliche Bildung ohne Humanität? Wer vorankommt in den Wissenschaften und dabei zurückkommt in seiner Menschlichkeit, der kommt mehr zurück als voran. Die Gelehrsamkeit an einem Manne ohne Tugend ist wie ein goldener Ring am Rüssel eines Schweines!“
Dr. med. Konrad Görg, Dürerstraße 35, 35039 Marburg, E-Mail: goergk@
med.uni
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