ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2002Alkoholassoziierte Organschäden: Risikofreien Nichtkonsum gibt es nicht

MEDIZIN: Diskussion

Alkoholassoziierte Organschäden: Risikofreien Nichtkonsum gibt es nicht

Dtsch Arztebl 2002; 99(11): A-726 / B-588 / C-554

Jung, Dieter; Jung, Gabriele

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LNSLNS Die Mortalität als Maßstab der Gefahr des Alkoholkonsums zweifelsfrei ultima linea rerum est. Somit ist die Grafik 6 auf Seite A 2118, wenn sie denn stimmt, so zu interpretieren, dass der lebenslange Nullkonsum von Alkohol mit einer Mortalität einhergeht, die ungefähr demjenigen entspricht, der zirka eine Flasche Wein/d konsumiert.
Die niedrigste Mortalität liegt aber eindeutig bei einem Konsum von 25 g Alkohol/d und um ein Modewort zu gebrauchen: Das ist auch gut so. Schon der Leibarzt von Goethe, Wilhelm Hufeland, fand, dass gerade diejenigen, die sich keiner zwanghaften Diätregel unterwerfen, die höhere Lebenserwartung haben. Oder wie La Rochefoucault (1613 bis 1680) bemerkte: „Eine allzu gesunde Lebensweise ist in sich schon eine Krankheit“, denn eben eine solche zwanghafte Ängstlichkeit und Vermeidungshaltung ist auch ein Leben begrenzender Faktor.
Eine gute Regel für Langlebigkeit habe ich von meinem Patienten Herrn Prof. Dr. Rauchhaupt in seinem 108. (!) Lebensjahr vorgeschlagen bekommen: „Nicht jede Buddel ganz austrinken. Jeden Tag lange Spaziergänge machen und in jedem Alter bereit sein, Neues anzufangen.“
Zwar haben lebenslange Abstinenzler definitiv andere Normalwerte der Gamma-GT (nämlich 3 bis 6 statt 15 bis 25), aber dass sie älter werden oder gar glücklicher leben, habe ich noch nie gefunden. Somit sollte man auch nicht den Nullkonsum für den Patienten vorschlagen (abgesehen von Abhängigen), denn damit werden wir sowohl im einfachen menschlichen Sinne als auch im wissenschaftlichen Beleg (siehe obige Grafik) unglaubwürdig. Statt der Überschrift „Alkohol: Risikofreien Konsum gibt es nicht!“, möchte ich fast vorschlagen: Risikofreien Nichtkonsum gibt es nicht! Oder um es mit Horaz zu sagen: Dum vitant stulti vitia in contraria currunt. (Wenn dumme Menschen einen Fehler vermeiden wollen, dann begehen sie den entgegengesetzten.)

Dr. med. Dieter Jung
Dr. med. Gabriele Jung
Landfriedstraße 14
69117 Heidelberg

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