ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2002Alkoholassoziierte Organschäden: Alkohol und Diabetes

MEDIZIN: Diskussion

Alkoholassoziierte Organschäden: Alkohol und Diabetes

Dtsch Arztebl 2002; 99(11): A-726 / B-588 / C-554

Herrmann, Rudolf

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Ein absoluter Alkoholverzicht ist für Diabetiker normalerweise nicht erforderlich. Ähnlich wie bei Gesunden ist ein moderater Alkoholgenuss vertretbar und ein akuter oder chronischer Alkoholkonsum ist genauso ungünstig wie bei Nichtdiabetikern mit einigen zusätzlichen Risiken; wesentliche davon waren im Artikel genannt.
Unklar ist die Trennung zwischen Diabetes mellitus Typ 1 und Typ 2 hinsichtlich des Einflusses von Alkohol auf den Kohlenhydratstoffwechsel, zumal in der tabellarischen Übersicht zahlreiche Gemeinsamkeiten genannt sind. Die aufgelisteten Unterschiede sind von fraglicher Bedeutung: Auch bei Typ-1-Diabetikern kann es bei chronischem Alkoholkonsum zu einer Adipositas und gegebenenfalls zu einer Hypertriglyzeridämie kommen. Daneben ist bei einem Typ-1-Diabetiker die Verringerung der Hypoglykämieneigung bei akutem Alkoholkonsum nicht selten: zum Beispiel wenn parallel dazu eine üppige Mahlzeit eingenommen wird beziehungsweise das alkoholische Getränk sehr kohlenhydratreich ist oder die Insulinmenge im Rahmen der Dosisselbstanpassung zu stark verringert wird.
Nicht ohne weiteres verständlich ist, warum die Gefahr einer ketoazidotischen Entgleisung nach einer alkoholbedingten Unterzuckerung besonders groß sein soll – es sei denn, der Typ-1-Diabetiker ist wegen eines prolongierten „Vollrausches“ längere Zeit handlungsunfähig und spritzt deshalb kein Insulin mehr.
Noch weniger nachvollziehbar ist, warum die intensivierte Insulintherapie beim Alkoholiker kontraindiziert sein soll. Eine fundierte Literaturstelle hierzu wird nicht genannt. Jegliche Form der Insulinbehandlung ist bei einem Alkoholabhängigen problematisch. Die klinische Erfahrung aber auch zahlreiche Studien zeigen, dass die konventionelle Insulintherapie (zweimal täglich Mischinsulin, starre BE-Verteilung) hinsichtlich des Unterzuckerungsrisikos ungünstiger ist als die intensivierte Insulintherapie (Mischung von Kurzzeit- und Basalinsulin, flexible Kostwahl, Dosisselbstanpassung durch den geschulten Patienten). Ist ein Diabetiker aufgrund seiner Alkoholkrankheit zu einem eigenverantwortlichen Handeln nur bedingt fähig, muss das Therapieziel bezüglich Einstellungsqualität (HbA1c!) großzügiger formuliert werden, das heißt man könnte eher fordern: Eine normnahe Blutzuckereinstellung ist beim Alkoholiker kontraindiziert.
Des Weiteren beinhalten orale Antidiabetika beim Typ-2-Diabetiker nicht zwangsläufig die Gefahr der Hypoglykämie. Die im Artikel formulierte Aussage ist zweifelsohne zutreffend für die insulinotropen Substanzen (Sulfonylharnstoffe, Glinide). Unter einer Monotherapie mit Biguaniden, mit Glukosidaseinhibitoren beziehungsweise mit Insulinsensitizer – diese Medikamentengruppe ist in Deutschland allerdings nur in Kombinationen zugelassen – besteht aufgrund des Wirkmechanismus kein Hypoglykämierisiko und damit auch keine Verstärkung durch Alkohol.
Bezüglich diabetischer Folgeerkrankungen – der Begriff Spätkomplikationen wird bei Diabetologen gerne gemieden – mag durch übermäßigen Alkoholgenuss auf die Retinopathie ein ungünstiger Effekt erfolgen – eine primäre Literaturstelle fehlt im Artikel. Von wesentlicher klinischer Bedeutung ist die äthyltoxische und diabetogene Polyneuropathie, weil sie häufig ist,
oft eine lästige Symptomatik besitzt, nicht ungefährlich (diabetischer Fuß!) und therapeutisch wenig beeinflussbar ist. Hier liegt typischerweise eine direkte Alkoholwirkung und gleichzeitig der ungünstige Einfluss einer problematischen Stoffwechseleinstellung vor. Für die Retinopathie ist mir dies so nicht bekannt, insbesondere auch nicht in Form des Umkehrschlusses, nämlich das Vorkommen einer „äthylischen“ Retinopathie.
Eine in der Praxis bei der Behandlung von Typ-2-Diabetikern (etwa 80 Prozent sind übergewichtig) mit metabolischem Syndrom wesentliche Folge des chronischen Alkoholkonsums blieb im Text leider unerwähnt, nämlich der Kalorienaspekt und die Gefahr der Gewichtszunahme. In diesem Zusammenhang ist Alkohol ein bedeutender „Gauner“ und trägt manches zum „tödlichen Quartett“ Adipositas, Diabetes mellitus, arterielle Hypertonie und Hyperlipidämie bei.

Dr. med. Dipl.-Math. Rudolf Herrmann
Saale-Klinik, Reha-Zentrum der BfA
Pfaffstraße 10
97688 Bad Kissingen

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