ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2002Gerhard Domagk. Der erste Sieger über die Infektionskrankheiten

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Gerhard Domagk. Der erste Sieger über die Infektionskrankheiten

Dtsch Arztebl 2002; 99(11): A-732 / B-595 / C-560

Grundmann, Ekkehard

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Biografie: Anschauliches und lebendiges Bild

Ekkehard Grundmann: Gerhard Domagk. Der erste Sieger
über die Infektionskrankheiten. Worte – Werke – Utopien,
Thesen und Texte Münsterscher Gelehrter, Band 13. Lit Verlag,
Münster u. a., 2001, 200 Seiten, gebunden, 20,90 €

Jungen Ärzten ist heute kaum noch bewusst, welche verheerenden, allzu oft tödlichen Wirkungen erst zwei Menschenalter zuvor die bakteriellen Infektionen hatten. Banale Wundinfektionen, Karbunkel, Mandel- und Lungenentzündungen verliefen in einem Drittel der Fälle letal, und noch immer war die Schwindsucht – die Tuberkulose – die Volksseuche Nummer eins mit hoher Letalität. Den epochalen Wandel in der Bekämpfung der bakteriellen Infektionen und der wirksamen Behandlung aller Tuberkuloseformen hat vor einem halben Jahrhundert Gerhard Domagk bewirkt. Für die Entwicklung der Sulfonamidtherapie ist ihm daher 1939 zu Recht der Nobelpreis verliehen worden, und wenn einem Arzt der jüngeren Medizingeschichte der Ehrentitel „Wohltäter der Menschheit“ gebührt, dann diesem Mann.
Persönliche Erinnerungen an Domagk
Umso verwunderlicher ist es, dass Gerhard Domagk bisher keine Biografie gewidmet war. Diesen Mangel hat nun sein Nachfolger als Leiter des Instituts für experimentelle Pathologie der Bayer-Werke in Wuppertal-Elberfeld, jetzt emeritierter Pathologe in Münster, Ekkehard Grundmann, behoben. Ein Glücksfall, denn Grundmanns persönliche Erinnerungen an Domagk, seine profunde Sachkunde, die genaue Kenntnis der Arbeitsverhältnisse sowie sein Zugang zu Akten, Laborjournalen, privaten Aufzeichnungen, Tagebüchern, Briefen und Berichten Domagks bilden die Grundlage für eine Darstellung, die geschickt die Geschichte der Chemotherapie bakterieller Infektionen mit der Lebensgeschichte Gerhard Domagks verbindet.
Spannende Geschichte des Forschens
So entsteht das anschauliche Bild eines reichen Forscherlebens mit seinen Höhen und Tiefen. Einen großen Raum nehmen das kon-
sequente wissenschaftliche Suchen, das Finden und Bewähren der Chemotherapie bakterieller Infektionen mit Sulfonamiden ein. Die spannende Geschichte des Forschens in seiner Beharrlichkeit, seine Mühsal, aber auch mit den vielen Einflussfaktoren und Zufällen wird anhand der wissenschaftlichen Publikationen von Domagk selbst, von den beteiligten Klinikern und anderen Forschungsgruppen sehr sachkundig geschildert. Besonders hervorzuheben ist, dass Grundmann es versteht, medizinisch-wissenschaftliche Sachverhalte dem medizi-
nischen Laien knapp, aber klar und verständlich zu erklären. So kann der Leser nebenbei sehr viel lernen über Krankheitsbilder und ihre Therapie einst und jetzt. Vor allem aber lernt er einen Menschen kennen, der seinen Weg geradlinig, konsequent und in schweren Zeiten aufrecht und unverbogen gegangen ist.
Domagks Hauptwirkungszeit fällt in die Zeitspanne nationalsozialistischer Herrschaft und in die der Katastrophe von Krieg und Völkermord. Angesichts einer verbreiteten Mode, die Menschen, die im Dritten Reich lebten, nur deshalb der Komplizenschaft mit dem Hitler-Regime verdächtigt und verurteilt, weil sie Kinder ihrer Zeit waren, vermeidet Grundmann reflektiert und besonnen, seine Figur zum Widerstandshelden zu stilisieren oder ihn präventiv von möglichen Anschuldigungen zu exkulpieren.
Annahme des Nobelpreises wurde ihm verwehrt
Er schildert Domagk, wie er war: ein preußischer Lehrersohn aus Brandenburg, der seine Schulbildung in Niederschlesien genoss, 1914 wie alle seine Generationsgenossen gar nicht schnell genug für Kaiser und Vaterland in den Krieg ziehen konnte, doch im flandrischen Todesschlamm und in den Granattrichtern vor Verdun lernte, was Krieg bedeutet. Die Kriegserfahrungen haben Domagk sachlich und emotional auf seinen Weg als Arzt und Forscher gebracht. „Es ist leichter, Tausende von Menschenleben zu vernichten, als eines zu erhalten.“ Diesen Satz hat er niedergeschrieben, als er inhaftiert war, nur weil er sich anständig und gehörig für die Verleihung des Nobelpreises bedankt hatte, den anzunehmen Hitler ihm verwehrte.
Grundmann zeichnet ein faires, lebendiges und sympathisches Bild von der Gestalt des spröden Brandenburgers mit seinen Ecken und Kanten, seiner Arbeitsbesessenheit, seiner Beharrlichkeit bis zur Sturheit, aber auch mit seiner Empfindsamkeit für die Schönheiten der Natur, seiner Fähigkeit zu dichten, seiner Liebe zur modernen Kunst, seiner Fürsorge und Treue zu Familie und Freunden. Otto Dix hat ein wunderbares, das Wesen von Gerhard Domagk wirklich treffendes Porträt geschaffen, das das Cover des Buches ziert.
Das inhaltsreiche, aber nicht umfangreiche Werk ist in einer nüchternen, doch nicht trockenen, sondern lebendigen Sprache geschrieben und durch viele Abbildungen bereichert. Die Bibliographie der Veröffentlichungen Gerhard Domagks, die Liste seiner Ehrungen, das Literaturverzeichnis sowie ein Personen- und Sachregister runden das Werk ab. Bei einer zweiten Auflage, die dem Buch sehr zu wünschen ist, wäre der Verlag gut beraten, eine Vielzahl leider auch sinnentstellender Druckfehler zu beseitigen. Richard Toellner
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