ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2002Katastrophenmedizin: Aktuelle Empfehlungen zur Jodblockade

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Katastrophenmedizin: Aktuelle Empfehlungen zur Jodblockade

Dtsch Arztebl 2002; 99(11): A-734 / B-619 / C-587

Jachertz, Norbert; Richter-Kuhlmann, Eva

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LNSLNS Die Strahlenschutzkommission (SSK) und die Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) empfehlen, nach kerntechnischen Unfällen 130 mg Kaliumjodid zur Blockade der Schilddrüse einzunehmen. So könne das Risiko eines Schilddrüsenkarzinoms deutlich verringert werden. Denn kurz nach einem Reaktorunfall aufgenommenes Jod sättigt die Schilddrüse und verhindert dadurch die Speicherung von radioaktivem Jod, das in großer Menge bei einem Unfall freigesetzt und von der Bevölkerung inhalativ aufgenommen wird. Bei der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl wurde dies vielerorts versäumt. Dort traten in den Folgejahren vermehrt Schilddrüsenkarzinome auf; vor allem bei Kindern bis 14 Jahre in Weißrussland, der Ukraine und Russland stieg die Karzinomrate 20- bis 30fach an.
Die Strahlenschutzkommission habe ihre Empfehlungen zur Jodblockade 2002 aktualisiert, berichtete Prof. Christoph Reiners, Mitglied der SSK, in Berlin. Danach sollen alle Personen zwischen null und 45 Jahren die hoch dosierten Jodtabletten einnehmen (null bis zwölf Jahre ab 50 Millisievert; 13 bis 45 Jahre ab 250 Millisievert). Erwachsene über 45 Jahre sollten die Tabletten nicht mehr einnehmen, da die Gefahr, dass eine Schilddrüsenautonomie besteht (heißer Knoten), größer als der Nutzen durch die Blockade eingeschätzt werde, erklärte Reiners.
Hintergrund der aktuellen Initiative, die Bevölkerung mit Jodtabletten auszustatten, ist nicht nur die aktualisierte Empfehlung, sondern auch die Entwicklung eines Präparates („Thyroprotect“) durch die Pharmafirma Henning Berlin, die zur Sanofi-Synthelabo-Gruppe gehört. Es ist nicht das einzige Jodpräparat auf dem deutschen Markt, doch nach Angaben des Unternehmens das einzige, das die von der Welt­gesund­heits­organi­sation empfohlene Wirkstoffmenge von 130 mg Kaliumjodid in einer Tablette enthält und damit zum Einsatz nach kerntechnischen Unfällen geeignet ist. Andere Präparate beruhten auf einer anderen Zulassung.
Umstritten ist es, ob eine Vorverteilung von Jodtabletten nicht öffentliche Aufgabe ist. Tatsächlich ist es Sache der Kernkraftwerke, an alle Haushalte im Umkreis bis zu fünf Kilometern Jodtabletten vorsorglich zu verteilen. Im Umkreis bis zu 25 Kilometern sollen Jodtabletten in öffentlichen Einrichtungen besonders für kleine Kinder und Schwangere bereitgehalten werden. Nach Angaben der Strahlenschutzkommission sollen rund zehn Millionen Tabletten eingelagert sein, bezweifelt wird aber, ob eine Abgabe bei einem Störfall rechtzeitig erfolgen kann. Die Tabletten sollten innerhalb von zwei bis vier Stunden abgegeben werden. Deshalb empfehle sich die private Vorsorge, sagte Reiners. Das Präparat ist rezeptfrei, aber apothekenpflichtig. Besonders Familien mit kleinen Kindern sei die eigene Bevorratung zu empfehlen, meinte Prof. Annette Grüters, Pädiaterin an der Humboldt-Universität zu Berlin (Charité). NJ/ER

Weitere Informationen bei der Strahlenschutzkommission: www.ssk.de
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