ArchivDÄ-TitelSupplement: PRAXiSSUPPLEMENT: Praxis Computer 1/2002Qualitätsmanagement in der Arztpraxis: Innovatives Kurskonzept

SUPPLEMENT: Praxis Computer

Qualitätsmanagement in der Arztpraxis: Innovatives Kurskonzept

Dtsch Arztebl 2002; 99(11): [8]

Sens, Brigitte; Gernreich, Christine

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LNSLNS Qualitätsmanagement unterstützt optimal gesteuerte, patientenorientierte Abläufe in der Arztpraxis. Ein QM-„Gütesiegel“ kann sich darüber hinaus künftig auch zu einem wichtigen Marketingfaktor entwickeln.
Qualitäts- und Wirtschaftlichkeitsanforderungen bestimmen das Gesundheitswesen der Zukunft – und damit auch die Rahmenbedingungen der Arztpraxis. Die Öffnung der Krankenhäuser für ambulante Leistungen, die notwendige Vernetzung ambulanter, stationärer und rehabilitativer Leistungen sowie der wirtschaftliche Druck erfordern eine beständige Anpassung an sich verändernde Strukturen und Prozesse. Steigende Erwartungen und ein zunehmender Informationsstand einerseits sowie der zunehmende Anteil privat finanzierter Leistungen andererseits machen den Patienten mehr denn je zum „Kunden“. Obwohl die Arztpraxen nicht gesetzlich dazu verpflichtet sind (entgegen der Darstellung in PC 5/01), sind sie doch gut beraten, aktiv und vorausschauend mit einem Qualitätsmanagementsystem auf die vielfältigen Herausforderungen zu reagieren. Hierzu kann ein praxisorientiertes Qualifizierungskonzept wertvolle Hilfe leisten.
QM-Curriculum
Bereits 1996 hat der Deutsche Ärztetag ein Curriculum „Qualitätssicherung/
Ärztliches Qualitätsmanagement“ der Bundes­ärzte­kammer (BÄK), der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) und der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) beschlossen. Damit wurden erstmals Konzept und Inhalte einer strukturierten Qualifikation für das Qualitätsmanagement festgelegt, die speziell auf die ärztliche Berufsausübung zugeschnitten sind. Zugrunde liegt das in Tabelle 1 dargestellte dreistufige Konzept. Das Curriculum berücksichtigt fünf Lerngebiete:
1. Motivation und persönliche Kompetenz (professionelles Selbstverständnis, Arzt-Patienten-Verhältnis, Dialog-, Leitungs- und Teamfähigkeit, Zeitmanagement etc.);
2. Methoden für das Qualitätsmanagement (Terminologie, methodische und rechtliche Grundlagen, Leitlinien etc.);
3. Qualitätsmanagement (QM-Systeme und -Darlegungsmodelle, Benchmarking, TQM – Total Quality Management, Zertifizierung etc.);
4. Gesundheitsökonomie und Be-triebswirtschaftslehre-Grundlagen (gesundheitsökonomische Konzepte, Prozesskostenrechnung, Fehler-/Qualitätskosten etc.);
5. Entwicklung und Realisierung von Projekten.
Auf dieser Basis entwickelte das Zentrum für Qualitätsmanagement im Gesundheitswesen (ZQ) ein zielorientiertes Kurskonzept, das kontinuierlich verfeinert wurde. Aufgrund der star-ken Fokussierung auf den Krankenhausbereich und der Aufteilung in Wochenblöcke haben jedoch nur einzelne niedergelassene Ärzte die Kursfortbildung genutzt, sodass zunehmend ein „maßgeschneidertes“ Kursprogramm für die Arztpraxen nachgefragt wurde.
Kurskonzept
Die konzeptionellen Überlegungen beinhalten folgende Aspekte:
- Die Qualifikation als „Qualitätsmanager“ im Krankenhaus ist in der Arztpraxis nicht erforderlich, somit zu teuer und zu zeitaufwendig – Stufe I und II sind ausreichend.
- Der Nutzen für die Arztpraxen soll im parallel zum Kurs aufzubauenden, zertifizierungsfähigen QM-System bestehen.
- Damit ist die aufwendige Teilnahme auch nur für solche Praxen relevant, die tatsächlich Qualitätsmanagement in der täglichen Arbeit einsetzen wollen.
- Diese Vorgaben erfordern eine zeitliche und inhaltliche Strukturierung über einen realistischen Zeitraum.
- Die Arzthelferinnen (ein bis zwei je Praxis) sollten in das Schulungskonzept einbezogen werden.
Auf der Basis dieser Vorgaben wurde ein erstes Kurskonzept entwickelt, das die Stufen I und II gemäß BÄK-Curriculum an acht Wochenenden mit entsprechenden Aufgabenpaketen und vier Diskussionsrunden zum Erfahrungsaustausch umfasst (siehe Kasten 1 und 2). Die meisten Kursteile sind gemeinsam für Ärzte und Helferinnen vorgesehen. Dabei spielt die Konkretisierung der vermittelten Inhalte in Gruppenarbeiten und Übungen eine große Rolle. Einige Themenblöcke (zum Beispiel Leitungsfähigkeit, betriebswirtschaftliche Aspekte, Moderation, Gesprächsführung) werden jedoch getrennt bearbeitet, damit die spezifischen Aufgaben besser berücksichtigt werden können.
Der Pilotkurs startete mit fünf Praxisteams (fünf Ärzte, acht Arzthelferinnen) im Juni 2000 und konnte am 1. Dezember 2001 erfolgreich abgeschlossen werden.
Prozessorientiert
Schritt 1 nach dem ZQ-5-Punkte-Plan, die „Entscheidung der Leitung“, war mit der Kursteilnahme bereits gefallen, sodass mit Schritt 2 „Information der Mitarbeiter“, nämlich aller Teammitglieder in den Praxen, begonnen wurde. Als Schritt 3 wurden die praxisinternen Rahmenbedingungen (wer ist „QM-Beauftragter“?, Schulung, Materialien, Arbeitszeit und anderes) vereinbart. Nach Schritt 4 wurde ein Praxisleitbild erarbeitet und davon ausgehend die Qualitäts- und Betriebsziele definiert. Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten wurden klar beschrieben. Die Kernleistungen der jeweiligen Praxis sowie Leitungs- und Unterstützungsprozesse wurden dokumentiert. Dabei fiel die Wahl der Darstellung teils auf grafische Prozessdarstellung, teils auf Fließtext. Sämtliche relevanten Regelungen und Dokumente wurden eingearbeitet, sodass ein freigabefähiges QM-Handbuch als Zertifizierungsgrundlage gemäß DIN EN ISO 9001:2000 entstand. Einzelmaßnahmen („Schritt 5“) wurden nach dem PDCA-Zyklus professionell geplant, umgesetzt und hinsichtlich ihrer Wirksamkeit bewertet; unter anderem diente eine Patientenbefragung als Instrument der Qualitätsverbesserung.
Nicht immer ging es ohne Schwierigkeiten: Der Zeitaufwand für den Aufbau des Qualitätsmanagements, der neben dem voll ausgelasteten Praxisbetrieb zu leisten ist, war erheblich. Wechsel des Praxispartners beziehungsweise Personalwechsel im Team wirkten sich ebenfalls hemmend auf den Fortgang aus. Dennoch betonten die Kursabsolventen die positiven Effekte auf die Praxisteams und den geschärften „Blick über den Tellerrand“, der sich aufgrund des Themenspektrums ergab. Die trainierten Techniken zur Leitungs- und Moderationsfähigkeit sowie die betriebswirtschaftlichen und Marketing-Aspekte waren Kursteile, die den ärztlichen Teilnehmern besonders wertvoll erschienen.
Anhand der Rückmeldungen der Teilnehmer wurde das Kurskonzept geringfügig modifiziert, vorwiegend in der Reihenfolge der Themen. Grundlegende Veränderungen sind die Abkehr vom Wochenende und die zeitliche Verkürzung auf die Dauer eines Jahres, mit denen der nächste Kurs im Juni 2002 startet.
Fazit
Wenngleich die niedergelassenen Ärzte als einzige Leistungserbringer im Gesundheitswesen derzeit von der gesetzlichen Verpflichtung zum Qualitätsmanagement ausgenommen sind (vgl. § 135a SGB V), wird den Forderungen nach Darlegung der Leistungsqualität doch künftig mehr Nachdruck verliehen: Qualitätsnachweise als Vertragsgrundlage sind keine Utopie mehr. Gegenüber Patienten und Partnern im Gesundheitswesen kann das „Gütesiegel“ Qualitätsmanagement einen wichtigen Marketingfaktor darstellen. Im Vordergrund sollte aber der unmittelbare Nutzen eines praxisindividuell gestalteten und von allen Mitarbeitern gleichermaßen getragenen QM-Systems stehen. Optimal ausgesteuerte, patientenorientiert gestaltete Abläufe führen zu mehr Arbeitszufriedenheit und helfen, den Spagat zwischen Qualität und Wirtschaftlichkeit zu meistern. Brigitte Sens,
Christine Gernreich
Anschrift für die Verfasser: Zentrum für Qualitätsmanagement im Gesundheitswesen, Einrichtung der Ärztekammer Niedersachsen, Berliner Allee 20, 30175 Hannover, Telefon: 05 11/3 80-25 06, Fax: 3 80-21 18, www.zq-aekn.de, sens@zq-aekn.de
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