ArchivDÄ-TitelSupplement: PRAXiSSUPPLEMENT: Praxis Computer 1/2002Projekt „e-EyeCare“: Augenheilkunde im Web

SUPPLEMENT: Praxis Computer

Projekt „e-EyeCare“: Augenheilkunde im Web

Dtsch Arztebl 2002; 99(11): [20]

Michelson, Georg

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LNSLNS Telekommunikationstechniken haben Einzug in die Augenheilkunde gehalten: In enger Kooperation zwischen Universitäten und Industrie werden neue Systeme entwickelt, die bei klinischer Bewährung in den ärztlichen Alltag integriert werden.
Das Projekt „electronic EyeCare“ („e-EyeCare“, siehe PC 1/2000) beschäftigt sich seit 1997 mit Internet-basierten Informations- und Medizindiensten in der Augenheilkunde. Ziel war es unter anderem, ein elektronisches Ärzte- und Patienteninformationssystem zu entwickeln und mit teleophthalmologischen Leistungen organisatorisch zu bündeln. Beteiligt sind die Augenklinik mit Poliklinik der Universität Erlangen-Nürnberg, die Technische Fakultät der Universität Erlangen (Lehrstuhl für Mustererkennung, FORWISS – Forschungszentrum für wissensbasierte Systeme), Siemens, Heidelberg Engineering und Canon.
Inzwischen haben sich Teile der Projekt-Arbeitsgemeinschaft organisatorisch zu einer eEyeCare-GmbH mit Sitz in Erlangen sowie zum Online-Verlag „Online Journal of Ophthalmology“ umgewandelt. e-EyeCare bietet unter ärztlicher Führung zwei Komponenten für Ärzte an: qualitätsgesicherte medizinische Informationen und Online-Disease-Managment-Systeme in der Augenheilkunde.
Medizinische Information
Durch die enge Kooperation mit dem Verlag Online Journal of Ophthalmology (www.onjoph.com) stellt eEyeCare Ärzten und Patienten hochwertige, qualitätsgesicherte medizinische Information zur Verfügung. Hierzu gehören der „Online-Atlas of Ophthalmology“ mit circa 1 500 Bildern, die Web-basierte Fortbildung mit Live-Vorträgen und mehr als 150 Vorträgen im Real-Player-Format sowie der Bereich der Online-Patienteninformation. Seit Januar 2001 erhöhten sich die Besucherzahlen der Website um rund 50 Prozent. Im Januar 2002 nutzten täglich 418 Besucher die Informationsquellen des Journals.
Aus der Bilddatenbank hat sich der international anerkannte „Atlas of Ophthalmology“ (www.onjoph.com/atlas; www.atlas-of-phthalmology.com) entwickelt. Der Atlas umfasst klinische Bilder der meisten Augenerkrankungen, geordnet nach Diagnosen und ICD-Nummer. Er wird wissenschaftlich editiert von Prof. Robert Machemer (Durham, USA) und Prof. Georg Michelson (Erlangen). Namhafte Section-Editors betreuen die einzelnen Kapitel.
Live-Übertragungen von medizinischen Kongressen via Internet stellen den zweiten Schwerpunkt des Online Journals dar. Seit 1997 wurden mehr als 150 Vorträge aus verschiedenen Städten in Deutschland übertragen. Mit der Zertifizierung des Online Journals durch die Bayerische Lan­des­ärz­te­kam­mer als anerkannte Fortbildungseinrichtung können seit Juni 2000 Zuhörer der Live-Übertragungen nach erfolgreichem Abschluss eines Multiple-Choice-Tests über den Vortragsinhalt online einen Fortbildungspunkt erwerben. Sämtliche Vorträge werden archiviert und sind offline abrufbar.
Die Integration der Patienten in den Behandlungsprozess ist ein wichtiges Ziel des Projekts. Im Rahmen der Patienteninformation vom Online Journal of Ophthalmology kann sich der Patient in Kapiteln wie „Wie funktioniert das Auge?“, „Informationen zu Augenerkrankungen und Operationen am Auge“ informieren und auch einen Selbsttest („Wie gut sehe ich?“) absolvieren.
Disease Management online
Eine hohe medizinische Behandlungsqualität setzt eine kontinuierliche, einrichtungsübergreifende Qualitätssicherung voraus, die auf hochwertiger medizinischer Information für Ärzte und Patienten und auf qualitätskontrollierter medizinischer Behandlung basiert. Aufgabe der eEyeCare GmbH ist es, Web-basierte „Disease Manager“ zu entwickeln und zu betreiben (Abbildung 1). Der Schwerpunkt dieser Disease-Management-Programme liegt auf präventiven Screening-Untersuchungen, um frühzeitig Hochrisiko-Patienten erkennen und behandeln zu können. Die Programme stellen Patienten und ihren Ärzten die neuesten Informationen und Behandlungsvorschläge zur Verfügung. Im Zentrum steht dabei das einrichtungsübergreifende „medizinische Nummernkonto“ des Patienten (Abbildung 2). Diese Web-basierte Patientenakte lässt sich mittels Browser (Internet-PC), Handheld Computer und sprachgesteuertem Zugriff über das Telefon (Voice Server) beschreiben. Durch integrierte Sicherheitstechniken wird die Datensicherheit gewährleistet. Patientenorientierung und einrichtungsübergreifende Qualitätssicherung sind zentrale Anforderungen. Die Kriterien des Qualitätsmanagements werden durch einen wissenschaftlichen Beirat kontrolliert.
Um Risikopatienten zu entdecken, führt eEyeCare medizinische Untersuchungen zu chronischen Erkrankungen (Glaukome, diabetische Retinopathie, Makuladegeneration) und vaskulären Systemerkrankungen (arterieller Hypertonus, Koronoare Herzerkrankung, Schlaganfall) durch. Die Untersuchungen finden in eEyeCare-Untersuchungszentren oder in Betrieben statt. Die Untersuchungsergebnisse werden den Patienten per Internet zur Verfügung gestellt. Bei der Befundung kooperiert eEyeCare eng mit der Universität Erlangen-Nürnberg.
Projekt Talking@Eyes
Im Rahmen dieses Projekts führt eEyeCare Augenuntersuchungen durch, um cerebrale Gefäßrisiken zu erkennen. Mittels eines Screenings wird das Schlaganfallrisiko von Erwachsenen im Alter zwischen 40 bis 50 Jahren quantitativ ermittelt, indem Veränderungen der Augenhintergrundgefäße gemessen werden. Die Public Health Unit der Universität Erlangen leitet das Projekt; die augenärztliche Verantwortung trägt die Augenklinik mit Poliklinik der Universität Erlangen-Nürnberg. Kooperationspartner sind eEyeCare, Siemens Medical Solutions, die Siemens Betriebskrankenkasse und das Bayerische Ge­sund­heits­mi­nis­terium. Bislang wurden circa 5 000 der geplanten 10 000 Personen untersucht. Erste Ergebnisse deuten darauf hin, dass bei sechs Prozent der Untersuchten arteriosklerotische Veränderungen der Augengefäße gefunden werden, ohne dass diesen zuvor ein erhöhtes vaskuläres Risiko bewusst war. Diese Personen können nun gezielt und aktiv die bekannten Risikofaktoren, wie arteriellen Hypertonus, Hypercholesterinämie und Bewegungsmangel, bekämpfen. Die Untersuchungsergebnisse werden in der elektronischen Patientenakte dokumentiert. Die Augenhintergrundbilder und die Befundung können der Patient und die behandelnden Ärzte über einen PIN-Kode abrufen.
Zur einrichtungsübergreifenden Qualitätsssicherung hat eEyeCare ein Web-basiertes Dokumentationssystem entwickelt. Die Daten werden über Internet-PCs mittels HTMLS-Protokolle oder über das Telefon mittels eines Voice-Servers eingege-ben und in der elektronischen Patientenakte zusammengefasst (Abbildung 3). Damit können Qualitätssicherungs- und Disease-Management-Programme durchgeführt sowie Modellvorhaben wissenschaftlich begleitet werden. Die elektronische Patientenakte ist datengeschützt und ausschließlich vom Patienten oder durch autorisierte Ärzte verschiedener Einrichtungen lesbar und beschreibbar. Der datengeschützte Gesundheitsserver wird ärztlich überwacht.
Disease-Manager Cataract-Chirurgie
Der „Disease-Manager Cataract-Chirurgie“ wird bereits an mehreren Augenkliniken getestet, so beispielsweise an den Augenkliniken der Ludwig-Maximilians-Universität München und der Universität Erlangen-Nürnberg. Das Web-basierte System ermöglicht durch gemeinsame medizinische Daten des Zuweisers und des Operateurs eine einrichtungsübergreifende Qualitätssicherung. Zusätzlich kann der Operateur die Meinung des Patienten in die Qualitätssicherung integrieren. Dieser kann sich zum Gelingen der Operation äußern, indem er sprachgesteuert per Voice Server über ein Telefon bestimmte Fragen beantwortet. Die Ergebnisse werden in seiner elektronischen Patientenakte abgelegt.
Web-basierte Qualitätssicherungssysteme für Glaukome und für Hornhaut-refraktive Eingriffe (LASIK mit Excimer-Laser) werden zurzeit entwickelt und sollen noch in 2002 vorgestellt werden.
Gemeinsam mit dem Lehrstuhl für Mustererkennung, dem FORWISS und dem Institut für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie der Universität Erlangen-Nürnberg werden Systeme entwickelt, die Augenhintergrundbilder hinsichtlich Gefäß- oder Sehnervveränderungen bei Grünem Star automatisiert analysieren und klassifizieren.
Ziel dieser Forschungen ist es, breit angelegte Screening-Untersuchungen hinsichtlich dieser Erkrankungen zu ermöglichen. Die Ergebnisse werden in der elektronischen Patientenakte des Patienten gespeichert. Um den Patienten stärker in den Behandlungprozess zu integrieren, hat dieser (beziehungsweise der im Rahmen der Prävention untersuchte Bürger) stets über den Internet-Zugang mit Passwort und PIN Zugang zu seinen Daten und Bildern. Darüber hinaus ist er aktiv an der Datengewinnung beteiligt. So überträgt er beispielsweise im Disease-Manager Glaukom nach Selbst-Tonometrie die selbst gemessenen Augendruckwerte via Modem – ohne Computer – in seine elektronische Patientenakte. Dadurch erhalten die behandelnden Ärzte ein besseres Bild seiner aktuellen Therapie. Erhöhte Augendruckwerte werden frühzeitig erkannt und sind behandelbar. Das Risiko, am Grünen Star zu erblinden, lässt sich damit reduzieren. Zurzeit messen rund 32 Patienten ihren Augendruck auf diese Weise und sind hochzufrieden damit.
Im Rahmen des „Ophthalmic HomeCare“-Projektes (EU-Projekt TOSCA) werden an der Augenklinik mehr als 30 Glaukompatienten telematisch betreut. Die Patienten messen zu Hause den Augendruck, übermitteln die Daten via Palmpilot oder Telefontastatur an den zentralen Server und können somit kontinuierlich überwacht werden. Georg Michelson*,
Martina Groh*, Pavel Pogorelov*,
Mateusz Scibor*, Radim Chrastek**,
Klaus Keppler***, Joachim Keller***
Anschrift für die Verfasser: Prof. Dr. med. Georg Michelson, Augenklinik mit Polikli-nik, Universität Erlangen-Nürnberg,
Schwabachanlage 6, 91054 Erlangen

*Augenklinik mit Poliklinik,
**FORWISS, Universität Erlangen-Nürnberg,
***eEyeCare GmbH
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Abbildung 3: Detail aus der elektronischen Patientenkarte
Abbildung 3
Abbildung 3: Detail aus der elektronischen Patientenkarte

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