ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2002Neuroblastom: Screening ist derzeit nicht empfehlenswert

AKTUELL: Akut

Neuroblastom: Screening ist derzeit nicht empfehlenswert

Dtsch Arztebl 2002; 99(12): A-749 / B-613 / C-573

Koch, Klaus

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LNSLNS Krebs-Früherkennung hat einen guten Ruf. Doch die Ergebnisse des 1996 von mehreren Universitätskliniken, Krankenkassen und der Deutschen Krebshilfe initiierten Modellprojekts zum Neuroblastom-Screening zeigen, dass Massenuntersuchungen entgegen der Intuition manchmal mehr schaden als nutzen können. In sechs Bundesländern haben zwischen 1994 und 1999 die Eltern von 1,5 Millionen Kindern eine Urinprobe eingeschickt. 2,1 Millionen Kinder, bei denen nicht gezielt nach dem Tumor gesucht wurde, dienten als Vergleichsgruppe. Die Hoffnung war, durch Ausscheidungsprodukte im Urin den Tumor früher zu finden. Im Stadium I und II können mindestens acht von zehn Kindern geheilt werden, in späteren Stadien sind es nur noch zwei von zehn. Tatsächlich sorgte das Programm dafür, dass mehr Kinder mit kleineren Tumoren gefunden wurden, insgesamt waren es etwa 150. Weitere 55 hatte der Test übersehen, sie wurden erst später diagnostiziert. Allerdings verringerte die Früherkennung nicht die Zahl der Kinder mit fortgeschrittenen Tumoren und schlechten Heilungschancen.

Deshalb blieb die Rate der Kinder, die an dem Krebs starben, mit 1,1 bis 1,2 pro 100 000 unbeeinflusst – die Entwicklung soll aber noch einige Jahre weiterverfolgt werden. „Derzeit kann ein Massen-Früherkennungsprogramm des Neuroblastoms nicht empfohlen werden“, schreibt Freimut Schilling vom Olgahospital in Stuttgart, einer der Projektbeteiligten, im Kongressband des diesjährigen Deutschen Krebskongresses in Berlin. Die Resultate sollen in den nächsten Wochen ausführlich in einer internationalen Fachzeitschrift publiziert werden. Allerdings scheint es ausgeschlossen, dass sich diese Bilanz noch zum Positiven wendet. Weitere Ergebnisse des Modellprojektes bestätigen eine Besonderheit des Neuroblastoms: Die Mehrzahl der „früh entdeckten“ Tumoren verschwindet offenbar von selbst wieder und wird nie zu einem Problem für die Kinder. Das Screening hat aber vor allem diese harmlosen Tumoren aufgespürt: Bei zwei Drittel der Geschwulste – etwa 100 Kindern – kam es zu solchen „Überdiagnosen“. Während diese Kinder und ihre Eltern ohne Früherkennung ein unbeschwertes Leben geführt hätten, wurden sie durch das Screening mit der Diagnose Krebs konfrontiert. Zudem mussten die Kinder Operationen und oft auch Chemotherapien ertragen, die ihnen ohne die Früherkennung erspart geblieben wären.

Für manches Kind waren die Therapien sogar gefährlicher als der Tumor selbst. Claudia Spix von der Universität Mainz schreibt im Kongressband, dass „bislang alle Todesfälle in der Gruppe der Kinder, die an Früherkennung teilgenommen haben, [. . .] mit der Therapie zusammenhingen“. Gerade das negative Ergebnis zeigt, wie nötig Modellprojekte und randomisierte Studien zur Erprobung der Krebs-Früherkennung sind. Klaus Koch
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