ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2002E-Health 2002 – Telematik im Gesundheitswesen: Reformen vorantreiben

POLITIK

E-Health 2002 – Telematik im Gesundheitswesen: Reformen vorantreiben

Dtsch Arztebl 2002; 99(12): A-753 / B-615 / C-575

Krüger-Brand, Heike E.

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Manfred Zipperer, Manfred Richter-Reichhelm, Birgit Fischer und Herbert Rebscher: Die „Face to face“-Kommunikation klappt. Fotos: Foto Klein
Manfred Zipperer, Manfred Richter-Reichhelm, Birgit Fischer und Herbert Rebscher: Die „Face to face“-Kommunikation klappt. Fotos: Foto Klein
Das Thema „elektronische Kommunikation im Gesundheitswesen“ beschäftigt inzwischen auch die Politik. Den vielen Diskussionen müssen jetzt endlich Taten folgen.

Moderne Informationstechnologien optimieren die Qualität der medizinischen Versorgung, verbessern die patientenorientierten Angebote und erschließen Wirtschaftspotenziale im Gesundheitswesen – diese Einsichten gehörten zum Standardrepertoire der Vorträge während des von Selbstverwaltung und Gesundheitspolitik veranstalteten internationalen „E-Health-Kongresses 2002“ in Bonn. Anders jedoch als bei früheren Veranstaltungen zur Gesundheitstelematik hat sich inzwischen die Einsicht durchgesetzt, dass dringend Handlungsbedarf besteht. Viele Ansätze zur Optimierung der Patientenversorgung durch sektorenübergreifende Verzahnung – Stichwort: Disease-Management-Programme – sind nur durch die Nutzung intelligenter und effizienter Telematiksysteme möglich.
Für Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin
Ulla Schmidt, Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin
Ulla Schmidt, Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin
Ulla Schmidt ist es vorrangig der elektronische Gesundheitspass, mit dem sich mehr Wirtschaftlichkeit und eine verbesserte Qualität erreichen lassen. Die zweite Generation der Krankenversichertenkarte soll auf Basis einer multifunktionalen Smartcard als Datenspeicher medizinische Angaben über die Erkrankung und Medikation des Patienten enthalten, zur Arzneimitteldokumentation dienen und als Kommunikationsschnittstelle Behandlungs- und Verwaltungsabläufe unterstützen, beispielsweise durch den elektronischen Arztbrief oder das elektronische Rezept.
Nach Auffassung des Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­iums (BMG) ist der elektronische Gesundheitspass dabei keine Insellösung, sondern die umfassende Grundlage für untereinander kompatible Anwendungen und eine informationstechnisch verzahnte, integrierte Versorgung. Ministerin Schmidt kündigte an, dass der Gesundheitspass schrittweise in den kommenden drei bis fünf Jahren eingeführt werden soll. Bereits in diesem Jahr werde mit regionalen Modellprojekten begonnen. Die rechtlichen Voraussetzungen dafür sollen im Rahmen der Neufassung des Apothekengesetzes im Bundestag beschlossen werden.
Über den Einstieg in eine flächendeckende Gesundheitstelematik besteht jedoch keineswegs Einigkeit bei den Spitzenorganisationen. Das Konzept der Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin wird zurzeit nur von den Apothekern uneingeschränkt befürwortet. Ihnen gehe es in erster Linie um den Arzneimittelpass, erweitert um das elektronische Rezept, erläuterte Dr. jur. Manfred Zipperer, Vorsitzender des Aktionsforums Telematik im Gesundheitswesen (ATG). Die anderen Spitzenorganisationen erachten diese Funktion hingegen als zweckmäßige Ergänzung zum elektronischen Rezept. Für sie haben die einrichtungsübergreifende elektronische Patientenakte und die elektronische Kommunikation der Leistungserbringung höhere Priorität.
Start von Modellprojekten
„Das ,eRezept‘ verspricht am ehesten eine kurzfristig erreichbare positive Kosten-Nutzen-Relation“, meinte Herbert Rebscher, Vorstandsvorsitzender des Verbandes der Angestellten-Krankenkassen e.V., der eine Beteiligung der Kassen an den Investitionen für die erforderliche technische Infrastruktur zusagte. Für die Einführung des „eRezepts“ als „Schuhlöffelprojekt“ zur flächendeckenden Einführung von Telematik im Gesundheitswesen haben die Umsetzungsbeauftragten des ATG bereits ein fachliches Konzept in der Schublade. Ein Konsenspapier soll bis Anfang Mai fertig gestellt werden, sodass die kurzfristige Erprobung des „eRezepts“ starten könnte. Notwendig sei jetzt allerdings eine klare politische Vorgabe. Meinungsverschiedenheiten bestehen aber auch noch über die konkrete Umsetzung: Soll der Patient das „eRezept“ mithilfe einer vom Arzt beschriebenen Chipkarte dem Apotheker offline vorlegen, wie es das Konzept der Apotheker vorsieht, oder soll das Rezept über zentrale Transportserver in einem geschlossenen Netz übertragen und vom Apotheker mittels einer vom Patienten übergebenen Berechtigung (zum Beispiel einem Barcode) abgerufen werden – Letzteres ist das von den Kassen bevorzugte Modell.
Wenn mit der Diskussion um den Gesundheitspass jetzt eine neue Baustelle eröffnet werde, so die Befürchtung Zipperers, könnte dadurch die Einführung des elektronischen Rezepts verzögert oder gar blockiert werden. Zipperer betonte, die Mehrheit der Organisationen, die das ATG tragen, sei der Auffassung, dass ein sicheres Intranet als Vorläufer einer offenen Kommunikation im Internet konstruiert werden könne. Damit wäre die vom Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium propagierte Zwischenlösung in Form eines Gesundheitspasses als Transportmedium für medizinische Daten oder für vom Patienten verwaltete, gemeinsame elektronische Akten nicht notwendig.
Nationale Telematikstrategie erforderlich
Die Zeit drängt, denn nach dem Beschluss der EU-Regierungschefs vom Juni 2000 in Feira haben sich die Mitgliedsstaaten dazu verpflichtet, bis Ende 2002 eine flächendeckende Tele­ma­tik­infra­struk­tur für den ambulanten und den stationären Sektor zur Verfügung zu stellen. In Deutschland gibt es jedoch – im Unterschied zu anderen europäischen (und außereuropäischen) Staaten – immer noch kein nationales Strategiepapier zur Umsetzung dieses Beschlusses. Birgit Fischer, Ministerin für Frauen, Jugend, Familie und Gesundheit des Landes Nordrhein-Westfalen, verwies auf einen vom niederländischen Ge­sund­heits­mi­nis­terium durchgeführten internationalen Vergleich von acht hoch entwickelten Industriestaaten zum Einsatz von Informationstechnologien und Telematik im Bereich Gesundheit. Deutschland lag dabei nur im Mittelfeld und in einigen Anwendungsfeldern sogar zurück.
Nordrhein-Westfalen engagiert sich stark im Bereich Gesundheitstelematik. Ein Beispiel hierfür ist das von der Landesregierung gegründete Zentrum für Telematik im Gesundheitswesen (ZTG; www.ztg-nrw.de), Krefeld, das als Kompetenzzentrum die Telematik-Entwicklung vorantreibt. So entwickelt das ZTG beispielsweise eine internetgestützte Datenbank zu nationalen, europäischen und internationalen Standards und Standardisierungsvorhaben. Darüber hinaus wird an einer Referenzplattform gearbeitet, die es ermöglichen soll, Hard- und Softwarekomponenten im Hinblick auf ihre Kompatibilität mit den Standards zu überprüfen und zu zertifizieren. Jüngste Initiative des ZTG ist das „Krefelder Memorandum“, in dem sich Industrie, Wissenschaft und Vertreter des Gesundheitswesens unter anderem dazu verpflichten, Standards zu fördern und interoperable, sichere Verfahren zur Dokumentation, Kommunikation, Verarbeitung und Archivierung von Gesundheitsdaten zu entwickeln. Dabei sollen offene Standards unter Berücksichtigung internationaler Entwicklungen eingesetzt werden, Spezifikationen offen gelegt und Open-Source-Software verwendet werden.
Beispiele für wichtige Telematikprojekte in anderen Bundesländern:
- Im medizinischen Netzwerk „SaxTeleMed“ im Freistaat Sachsen (www.
sachsen/telemed.de) kooperieren Krankenhäuser und niedergelassene Ärzte. Dort geht es um die digitale Archivierung von Röntgenbildern und Befunden. Erprobt wird zugleich die Health Professional Card (HPC). Mitte 2002 soll die Evaluation abgeschlossen sein und das Projekt flächendeckend umgesetzt werden.
- In Rheinland-Pfalz sind Krankenhäuser des Kreises Altenkirchen/Westerwald und niedergelassene Praxen dabei, ein Röntgeninformationssystem mit Archiv aufzubauen und den elektronischen Arztbrief zu testen. Das „Gesundheitsforum Rheinland-Pfalz“ soll künftig als Gesundheitsplattform auch Telemedizin-Anwendungen ermöglichen. Im Raum Trier gibt es ein Pilotprojekt zur erweiterten Patienten-Chipkarte, das in der ersten Stufe Basis-Gesundheitsdaten des Patienten und Informationen des Arzneimittelpasses auf der Karte vorsieht und in der zweiten Stufe das elektronische Rezept umsetzen soll.
- In Bayern läuft das Projekt „Telemedizin Ostbayern“, in dem Arztpraxen und Krankenhäuser in den Regierungsbezirken Niederbayern und Oberpfalz vernetzt wurden und E-Mail, Videokonferenz und weitere Netzwerk-Dienste nutzen können. Zu den Routineanwendungen gehört das „Telekonsil Ostbayern“. Im Rahmen der Hightech-Offensive werden Universitätskliniken und Kompetenz- und Technologiezentren vernetzt (www.telemedizin.org/tmprojekte.htm).
Auf der nächsten Ge­sund­heits­minis­ter­kon­fe­renz der Länder will die Bund-Länder-Arbeitsgruppe Telematik einen Überblick über die Länderaktivitäten geben. Ziel ist es, Koordination und Abstimmung der Projekte zu verbessern und Überlappungen künftig zu vermeiden.
Ausblick
Gleichgültig, auf welches Telematikkonzept man sich einigen wird – allzu viel Zeit steht für Verhandlungen und für den Einstieg in Modellprojekte nicht mehr zur Verfügung: „Die Telematik holt uns ein“, meinte Dr. jur. Rainer Hess, KBV-Hauptgeschäftsführer. „Wir können nicht warten, bis wir in drei bis fünf Jahren den Gesundheitspass haben.“ Disease Management im Rahmen von strukturierten Behandlungsprogrammen mit unterschiedlichen Leistungserbringern erforderten jetzt Entscheidungen und Lösungen, wie die Abläufe elektronisch zu gestalten seien.
Darüber hinaus müssen Akzeptanz und Vertrauen in die neuen Technologien bei Ärzten und Patienten erreicht werden. Der ATG-Vorsitzende Manfred Zipperer verwies darauf, dass die Rolle des Patienten in der Telematik häufig vernachlässigt würde und Kostenträger und Leistungserbringer die Diskussion beherrschten. Die ATG-Teams, die sich bis Ende 2002 mit der Erarbeitung neuer Managementpapiere befassen, sollen daher Patienteninteressen stärker als bisher berücksichtigen.
Nach den Managementpapieren zum elektronischen Rezept, zum elektronischen Arztbrief, zur Sicherheitsinfrastruktur und zu europäischen und internationalen Telematikperspektiven, die Mitte 2001 fertig gestellt und abgestimmt wurden (www.gvg-koeln.de), stehen jetzt die elektronische Patientenakte, Patienten- und Experteninformationssysteme sowie Datensicherheit im Rahmen von Anonymisierung und Pseudonymisierung auf dem Programm.
Heike E. Krüger-Brand


Manfred Zipperer, Manfred Richter-Reichhelm, Birgit Fischer und Herbert Rebscher: Die „Face to face“-Kommunikation klappt.


„Das deutsche Gesundheitswesen braucht dringend eine Telematikstrategie.“
Birgit Fischer, Ge­sund­heits­mi­nis­terin NRW


„Die modernen Kommunikationsmöglichkeiten müssen auch im Gesundheitswesen mehr als bisher genutzt werden.“
Ulla Schmidt, Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin
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