ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2002Versicherteninformation: Verbände streiten über „mündigen Patienten“

POLITIK

Versicherteninformation: Verbände streiten über „mündigen Patienten“

Dtsch Arztebl 2002; 99(12): A-756 / B-618 / C-578

Rabbata, Samir

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Umwerfend informiert
Umwerfend informiert
Die Union schlägt vor, Versicherte über Behandlungskosten zu informieren. Voraussetzung dafür ist ein fester Punktwert.

Den Sachverständigen blieb nur der verlegene Blick aus dem Glasdach, als ein wortgewaltiger Streit zwischen Abgeordneten von CDU und SPD ausbrach. Für die öffentliche Anhörung des Bundestags-Gesundheitsausschusses zum Thema „Kosteninformation für Krankenversicherte“ wurden einige Institutionen, darunter auch die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV), verspätet eingeladen und konnten deshalb nicht teilnehmen. Trotz gegenseitiger Schuldzuweisungen blieb die Ursache für diese Panne ungeklärt. Das Hearing der Sachverständigen trug dann auch wenig zur Harmonie des Nachmittags bei. Auch zwischen den Verbänden war die Stimmung gereizt.
Der Expertenbefragung vorausgegangen war ein Vorschlag von Unions-Abgeordneten, die Informationsmöglichkeiten der gesetzlich Krankenversicherten zu verbessern. „Ärzte, Zahnärzte und Krankenhäuser sollen die Versicherten schriftlich und zeitnah über die zulasten der Krankenkassen abgerechneten Leistungen und die von den Krankenkassen zu zahlenden Entgelte informieren“, heißt es in dem Antrag (Drucksache 14/5678) der Union. Dafür müssten an die Stelle der jetzigen Honorarbudgets Regelleistungsvolumina mit festen Punktwerten für ärztliche Leistungen treten – ein Vorhaben, das unter der letzten Bundesregierung geplant, später aber von der rot-grünen Regierungskoalition verworfen worden war.
Feste Punktwerte sieht auch die KBV als Voraussetzung für eine verbesserte Patienteninformation. In einem schriftlichen Statement wies sie aber darauf hin, dass bei den Versicherten offenbar wenig Interesse an einer Kosteninformation bestehe, da die ärztliche Behandlung in der Regel nicht mit einer Zuzahlung belastet ist. Diese Erfahrung machte zum Beispiel die Kassenärztliche Vereinigung Hessen (KVH), die in Vertragsarztpraxen „Anforderungskarten“ ausgelegt hatte. Nach Angaben der KVH blieb die Resonanz der Patienten gering.
Krankenkassen wollen die „Preise schätzen“
Zurückhaltung auch bei den Krankenkassen. Johann-Magnus von Stackelberg, Leiter des Geschäftsbereichs Gesundheit beim AOK-Bundesverband, verwies auf die bereits bestehenden Informations-, Beratungs- und Unterstützungsangebote der Krankenkassen. Dass die Selbstverwaltung darüber hinaus keine verbesserte Information der Patienten organisieren konnte, sei die Schuld der Ärzte. Deren Beharren auf feste Punktwerte mache alle Bemühungen der Kassen zunichte. Die AOK schlägt vor, die Preise für ärztliche Leistungen aufgrund des letzten Abrechnungsgrundwertes zu schätzen. Für die Ärztevertreter ein vorgeschobenes Argument: Die Krankenkassen hätten kein Interesse daran, ihre Versicherten über die Kosten von Leistungen der vertragsärztlichen Versorgung zu informieren. Dadurch würde nämlich publik, wie niedrig das Preisniveau für ärztliche Leistungen sei. Der Versicherte würde sich fragen, wofür er seinen Kassenbeitrag zahle, so die KBV.
Die Deutsche Krankenhausgesellschaft erklärte, dass dem Versicherten schon jetzt auf Anfrage die geforderten Informationen zugänglich seien. Die Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung begründete ihre Ablehnung unter anderem damit, dass eine zeitnahe Information über die Behandlungskosten wegen der Quartalsvergütung, der uneinheitlichen Sachleistungsvergütung und der unterschiedlichen Dauer der Behandlungen praktisch nicht machbar sei.
Im Gegensatz zu den Selbstverwaltungspartnern folgten Patientenvertreter und Verbraucherschützer den Vorschlägen der Union. Die Deutsche Gesellschaft für Versicherte und Patienten (DGVP) verdeutlichte, dass es nicht mit dem Bild vom mündigen, kritischen und verantwortungsbewussten Patienten zu vereinbaren sei, dass ihm der Zugang zu diesen wichtigen Informationen verwehrt werde. Leistungs- und Kostentransparenz sei Voraussetzung für die Beteiligung der Bürger am Qualitätsprozess im Gesundheitswesen, so die DGVP. Auch die Verbraucherzentralen sehen in dem Unions-Antrag einen wichtigen Schritt zu mehr Verbrauchersouveränität. Das Informationsangebot für den Versicherten sei bisher unzureichend. Oft würden Patienten nicht über Behandlungsoptionen informiert, beklagte Thomas Isenberg, Ab-
teilungsleiter der Verbraucherzentrale-Bundesverband in Berlin. Das Kran­ken­ver­siche­rungssystem müsse deshalb transparenter werden. Samir Rabbata
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