ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2002Arbeitsplatz Krankenhaus: Junge Ärzte engagieren sich

POLITIK

Arbeitsplatz Krankenhaus: Junge Ärzte engagieren sich

Dtsch Arztebl 2002; 99(12): A-757 / B-619 / C-579

Flintrop, Jens

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Ein Ausschnitt des DÄ-Titels vom 1. Juni 2001: Der 104. Deutsche Ärztetag hatte medienwirksam auf die Situation der jungen Ärzte aufmerksam gemacht.
Ein Ausschnitt des DÄ-Titels vom 1. Juni 2001: Der 104. Deutsche Ärztetag hatte medienwirksam auf die Situation der jungen Ärzte aufmerksam gemacht.
Die Projektgruppe „Junge Medizin“ und der Arbeitskreis
„Junge Ärzte“ sind zwei von mehreren Initiativen, die sich für bessere Arbeitsbedingungen im Krankenhaus einsetzen.

Die Ausbeutung der Arbeitskraft und die Überlastung insbesondere der jungen Ärztinnen und Ärzte werde nicht länger akzeptiert. Dies war die zentrale Botschaft des 104. Deutschen Ärztetages vom 22. bis 25. Mai 2001 in Ludwigshafen. Seitdem haben zahlreiche Fernsehsendungen und Zeitungsartikel die Verstöße gegen das Arbeitszeitgesetz in vielen Krankenhäusern thematisiert. Die Diskussion um das Urteil des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) zur Vergütung von Bereitschaftsdiensten erhöhte den Druck auf die politisch Verantwortlichen. Im Januar dieses Jahres veröffentlichte die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) eine Studie, derzufolge es bald zu einem Ärztemangel kommen dürfte; auch weil – bei gleich bleibend vielen Studienanfängern im Fach Humanmedizin – die Zahl der Ärzte im Praktikum deutlich zurückgeht. KBV-Fazit: Das Berufsbild des Arztes verliert an Attraktivität. Diesen Trend zu stoppen ist das Ziel mehrerer Initiativen, auch der Projektgruppe „Junge Medizin“ und des Arbeitskreises „Junge Ärzte“.
An der Gründung der Projektgruppe „Junge Medizin“ war Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Ulla Schmidt (SPD) maßgeblich beteiligt. Bei einer privaten Geburtstagsfeier des Behindertenbeauftragten der Bundesregierung, Karl Hermann Haack (SPD, MdB aus Extertal), ermunterte sie im Februar 2001 dessen Sohn – den heute 32-jährigen Krankenhausarzt Dr. med. Jochen Haack –, einen Gesprächskreis junger Ärzte zu gründen. Dieser könne aus der Praxis heraus Lösungsvorschläge erarbeiten und das Ministerium unabhängig und ergänzend zu den verbandspolitisch bestimmten Beratungsrunden über die Zustände im Krankenhaus informieren – was auch in regelmäßigen Abständen geschieht, wie Jochen Haack gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt bestätigte.
Nach Überzeugung der Projektgruppe „Junge Medizin“ führten drei Faktoren zur „desolaten“ Arbeitssituation im Krankenhaus: die Delegation nichtärztlicher Tätigkeit an Ärzte, die Arbeitsverdichtung im Krankenhaus sowie der fehlende Widerstand der Betroffenen wegen der Abhängigkeitsverhältnisse in den Kliniken.
Zur Lösung des Dilemmas empfehlen die jungen Ärzte, Zeiterfassungssysteme einzuführen, um die tatsächliche Arbeitsbelastung der Krankenhausärzte zu dokumentieren. Dadurch könnte dreierlei erreicht werden: die überfällige Durchsetzung zentraler Vorschriften des Arbeitszeitgesetzes mit den zu erwartenden positiven Folgen für die Behandlungsqualität; der Anschub überfälliger Investitionen in die EDV-Systeme der Krankenhäuser sowie die Generierung von validen Daten zur tatsächlichen Arbeitsbelastung des Krankenhauspersonals, was auch wegen der Folgen einer Umsetzung des EuGH-Urteils zu den Bereitschaftsdiensten hilfreich sei. Der absehbare Konflikt über die Mehrkosten könne durch die Schaffung eines Fonds innerhalb einer „Aktion vernetztes Krankenhaus“ gelöst werden. Dieser Fonds solle durch jene Institutionen finanziert werden, die langfristig profitierten: Staat, Krankenhausgesellschaften, Krankenkassen und IT-Firmen. „Wir haben hierzu bereits mit Bundeswirtschaftsminister Werner Müller und Vertretern von IBM und Siemens Gespräche geführt“, betonte Haack.
Der Arbeitskreis „Junge Ärzte“ ist bei der Ärztekammer Berlin angesiedelt und wird besonders von Ärztekammerpräsident Dr. med. Günther Jonitz unterstützt. Auch die Berliner setzen den Schwerpunkt ihrer Arbeit darauf, die Arbeitsbelastung der Krankenhausärzte transparent zu machen. Dafür seien aussagekräftige und wissenschaftlich ausgewertete Daten notwendig, unterstrich Dr. med. Ulf Schubert vom Arbeitskreis. Eine Stichprobenerhebung unter Berliner Ärzten soll die tatsächlichen Arbeitszeiten und -bedingungen evaluieren, um mit konkreten Zahlen besser argumentieren zu können. Die Umfrage basiert auf einem Fragebogen der Lan­des­ärz­te­kam­mer Hessen (dazu auch der folgende Beitrag in diesem Heft), derzeit läuft die Rücklaufphase.
Der Arbeitskreis „Junge Ärzte“ und die Projektgruppe „Junge Medizin“ wollen sich künftig regelmäßig austauschen, um schlagkräftiger auftreten zu können. Die Gruppen suchen den Kontakt zu weiteren Initiativen. Ansprechpartner unter: www.ak-junge-aerzte.de oder www.junge-medizin.de. Jens Flintrop
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