ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2002Krankenhausärzte: Immer noch Ausbeutung

POLITIK

Krankenhausärzte: Immer noch Ausbeutung

Dtsch Arztebl 2002; 99(12): A-758 / B-620 / C-580

Popovic, Michael; Möhrle, Katja; Kaiser, Roland

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LNSLNS Umfrage der Lan­des­ärz­te­kam­mer Hessen mit Pilotfunktion

Dass die Verhältnisse zum Himmel schreien, ist ein offenes Geheimnis: Seit Jahren leisten Krankenhausärzte in erheblichem Maße unbezahlte und zumeist nicht dokumentierte Überstunden. Ihre Bereitschaftsdienste werden vielfach nicht als vollständige Arbeitszeit gewertet. Mit der Schlagzeile „Überstunden für Gotteslohn“ hatte die Frankfurter Allgemeine Zeitung im Dezember 2001 die Ergebnisse von zwei hessischen Studien angekündigt, die im Januar veröffentlicht wurden. Mit ihrer Hilfe lässt sich jetzt nicht nur die unzumutbare Arbeitsbelastung von Klinikärzten eindeutig belegen. Sie bieten auch Anhaltspunkte für die Beurteilung der wachsenden Unzufriedenheit unter Ärzten und das nachlassende Interesse am Arztberuf.
Schon früh übernahm die hessische Lan­des­ärz­te­kam­mer eine Vorreiterrolle im Kampf um die Verbesserung der Arbeitsbedingungen. Vehement setzt sie sich seit Jahren gegen Arbeitszeit-, Arbeitsschutz- sowie Tarifrechtsverstöße ein und wies immer wieder auf die Notwendigkeit hin, die tatsächlichen Verhältnisse in den Krankenhäusern objektiv zu erfassen. Auf Drängen der Lan­des­ärz­te­kam­mer und des Marburger Bundes durchleuchtete das Hessische Sozialministerium im Sommer 2001 die zeitliche Belastung der Klinikärzte und Pflegekräfte in 19 hessischen Krankenhäusern, gegen die es bis dahin keinerlei Beschwerden gab. Unabhängig davon befragte die Ärztekammer in einer repräsentativen Stichprobe Krankenhausärzte nach ihren Arbeitszeiten, Arbeitsbedingungen und ihrer Arbeitszufriedenheit. Die Antworten fielen ebenso ernüchternd wie deprimierend aus: „In Hessen werden die zulässigen Arbeitszeiten weit überschritten“, fasste der Präsident der hessischen Lan­des­ärz­te­kam­mer, Dr. med. Alfred Möhrle, Orthopäde aus Frankfurt am Main, die Ergebnisse zusammen: „Die Stimmung unter den Krankenhausärzten ist miserabel.“
Rund drei Viertel aller Klinikärzte in Hessen arbeiten wöchentlich im Durchschnitt 45 oder mehr Stunden, fast die Hälfte mindestens 50 Stunden und ein Viertel sogar mehr als 55 Stunden. Dabei sind Bereitschaftsdienste und Rufbereitschaften noch gar nicht berücksichtigt. Eine Analyse nach Fachrichtungen ergab, dass in der Anästhesie knapp mehr als 50 Prozent, in der Chirurgie sogar 90 Prozent der Ärzte regelmäßig 45 Stunden tätig sind. Auch in der Inneren Medizin sehen die Verhältnisse nur geringfügig besser aus: Hier arbeiten 82 Prozent der Befragten länger als 45 Stunden und 28 Prozent mindestens 55 Stunden in der Woche. Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie liegen mit 62 Prozent mehr als 44 Stunden und 16 Prozent mehr als 55 Stunden „im mittleren Bereich“. Die Angaben lassen kei-
nen Zweifel daran, dass unzumutbar lange Arbeitszeiten nicht auf einzelne Krankenhäuser oder Fachgebiete beschränkt sind, sondern ein generelles Strukturproblem darstellen.
Lückenhafte Dokumentation
Erschwerend kommt hinzu, dass die tatsächliche Belastung der Krankenhausärzte kaum feststellbar ist: Ärztliche Mehrarbeit wird häufig schlecht oder gar nicht dokumentiert und deshalb auch nicht vergütet. Nach den Erhebungen der Lan­des­ärz­te­kam­mer verfügen 63 Prozent der Assistenten und 70 Prozent der Oberärzte über keinerlei Nachweis der von ihnen geleisteten zusätzlichen Arbeitszeit. Kammerpräsident Möhrle sieht darin eine Subventionierung der Krankenkassen durch unbezahlte Mehrarbeit. Davon abgesehen ist die Dokumentation von Überstunden auch deshalb notwendig, um nach der Einführung der diagnoseorientierten Fallpauschalen (DRGs) eine verlässliche Bemessungsgrundlage zu haben.
Angesichts der möglichen Folgen, die das EuGH-Urteil (vom 3. Oktober 2000) zum ärztlichen Bereitschaftsdienst in Deutschland haben wird, sind die Antworten auf die Frage nach dem durchschnittlichen Arbeitsanteil in Bereitschaftsdiensten bei Assistenten besonders aufschlussreich. Resultat der Auswertung der Fragebögen: Etwa 80 Prozent der Befragten leisten mehr als vier Bereitschaftdienste im Monat.
Überlastet, schlecht bezahlt und ausgebeutet: Wen wundert es da noch, dass der Arztberuf von vielen nicht mehr als attraktiv empfunden wird. 40 Prozent der Ärztinnen und Ärzte im Praktikum und der Assistenzärzte sind mit ihrer Arbeitssituation unzufrieden, drei Viertel aller befragten Krankenhausärzte leiden unter dem hohen Anteil an Verwaltungstätigkeit, die der eigentlichen ärztlichen Tätigkeit am Patienten verloren geht. Schätzungsweise 35 Prozent würden sich heute nicht noch einmal für ihren Beruf entscheiden.
Katja Möhrle
Dr. med. Roland Kaiser
Dr. med. Michael Popovic´
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