ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2002Internationale Konferenz: „Genetisierung der Medizin“

POLITIK

Internationale Konferenz: „Genetisierung der Medizin“

Dtsch Arztebl 2002; 99(12): A-759 / B-621 / C-581

Richter, Eva A.

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Anhand der Gensequenz sollen in wenigen Jahren alle monogenen Erkrankungen diagnostiziert werden können. Foto: dpa
Anhand der Gensequenz sollen in wenigen Jahren alle monogenen Erkrankungen diagnostiziert werden können.
Foto: dpa
Experten diskutierten die Chancen und Risiken
der Biomedizin kontrovers.

Bis zum Jahr 2005 werden alle monogenen Erkrankungen durch Gentests vorhersagbar sein“, prognostizierte Prof. Dr. med. Jörg Schmidtke, Direktor des Instituts für Humangenetik der Universität Hannover. Es käme zu einer „Genetisierung der Medizin“. Die Zukunft der Gentherapie sieht Prof. Dr. LeRoy Walters vom Ethik-Institut der Georgetown-Universität, Washington D.C., USA, gar in der Keimbahnintervention: Kerntransfer in Eizellen, die genetische Reparatur von Spermien und Eizellen sowie von Embryonen würden mitochondriale Erkrankungen verhindern.
Diese (ethisch fragwürdigen) Anwendungen liegen noch in weiter Ferne, doch Gentests mit ihren medizinischen, psychosozialen und rechtlichen Konsequenzen sind bereits Realität. Ein Missbrauch dieser Tests müsse verhindert werden, betonte Bun­des­for­schungs­minis­terin Edelgard Bulmahn zur Eröffnung der zweitägigen internationalen Konferenz „Das genetische Wissen und die Zukunft des Menschen“ am 11. März in Berlin, die ihr Ministerium angeregt hatte.
Hintergrund dieser Veranstaltung war unter anderem das Gentestgesetz, das die Bundesregierung demnächst in den Bundestag einbringen will. Bulmahn forderte eine breite Debatte über die ethischen und rechtlichen Grenzen der Biotechnologie. „Die rechtlichen Rahmenbedingungen müssen der rasch voranschreitenden wissenschaftlichen Entwicklung angepasst werden“, erklärte die Ministerin. Besonders bei den Gentests lägen die Chancen und Risiken eng beieinander. „Niemand darf zu einem Test gezwungen werden, es darf keine Benachteiligungen geben, und das Recht auf Nichtwissen muss geschützt bleiben“, betonte Bulmahn. Wie die Anwendung von Gentests künftig in Deutschland gesetzlich geregelt werden soll, ist noch unklar.
Den akzeptabelsten Gesetzentwurf gibt es nach Ansicht von Experten in der Schweiz. Er sichert den Arztvorbehalt, verbietet genetische Kits auf dem freien Markt und genetische Untersuchungen im Versicherungsbereich (ausgenommen Privatversicherungen). Genetische Tests sollen in der Schweiz zur Prophylaxe oder Therapie sowie zur Lebens- und Familienplanung eingesetzt werden. Dabei verzichtet der schweizerische Gesetzentwurf auf eine Liste von Erkrankungen, die pränatal diagnostiziert werden dürfen. Nach einer umfassenden Beratung dürfen jedoch nur die genetischen Eigenschaften untersucht werden, die „die Gesundheit unmittelbar betreffen“. „Wir leben in einem Zeitalter der Verrechtlichung der Medizin“, sagte Dr. jur. Ruth Reusser, stellvertretende Direktorin des schweizerischen Bundesinstituts für Justiz. Der Gesetzentwurf, der Mitte 2002 ins Parlament eingebracht werden soll, sei das schwierigste Gesetzesprojekt ihrer 31-jährigen Tätigkeit gewesen.
In Großbritannien existierten statt eines Gesetzes nur allgemeine rechtliche Grundsätze, die die Gentests betreffen, berichtete Prof. Dr. Alexander McCall Smith, Vizepräsident der Kommission „Humane Genetik“, Edinburgh. Es gebe auch noch keine Hinweise auf Missbrauch beziehungsweise Auswirkungen der Tests auf das Arbeitsrecht. Dagegen erklärte der französische Richter Christian Byk, dass in Frankreich die Diskriminierung bereits traurige Realität sei. Viele Gerichtsverfahren seien bereits mit einem Gentest verbunden; oftmals würde dabei auch die Privatsphäre angegriffen. „Gentests sollten nur für medizinische und rechtliche Zwecke eingesetzt werden“, betonte Byk, „nicht jedoch im Arbeitsrecht und bei Versicherungen.“
Die rechtlichen Auswirkungen von Gentests in Deutschland sind noch unbekannt. Die private Kran­ken­ver­siche­rung verzichtet bisher freiwillig auf Gentests. Da 95 Prozent der Deutschen in der Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung versichert seien, bliebe die Mehrzahl der Menschen sowieso von dem Problem der Gentests unberührt, erläuterte Prof. Dr. iur. Jochen Taupitz, Medizinrechtler an der Universität Mannheim. In der privaten Kran­ken­ver­siche­rung hält Taupitz jedoch die Verwendung von Gentests, die über wahrscheinlich auftretende Erkrankungen und deren finanzielle Folgen aufklären, für legitim. Denn diese basiere auf einem anderen System, der Risikoäquivalenz. Das Recht auf Nichtwissen für den Versicherten müsse jedoch gewahrt bleiben. Nach Ansicht von Taupitz besteht kein Unterschied, ob eine Diagnose durch einen Gentest oder eine andere Methode gestellt wird.
Durch Gentests können heute etwa 280 Erkrankungen molekular diagnostiziert werden. Die Zahl wird durch die technologische Entwicklung rasch steigen. Der Bonner Humangenetiker Prof. Dr. med. Peter Propping warnte jedoch davor, die Möglichkeiten der genetischen Kontrolle des Menschen zu überschätzen. Die Ausprägung des Phänotyps bei ererbten Erkrankungen werde oftmals erst durch Umweltfaktoren bestimmt. Dr. med. Eva A. Richter
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