ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2002Forensische Psychiatrie: Ambulanzen dringend notwendig

POLITIK

Forensische Psychiatrie: Ambulanzen dringend notwendig

Dtsch Arztebl 2002; 99(12): A-762 / B-624 / C-584

Heim, Thomas

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Ambulante Nachbetreuung kann verhindern, dass Patienten vielleicht lebenslang hinter Gittern sitzen. Foto: epd
Ambulante Nachbetreuung kann verhindern, dass Patienten vielleicht lebenslang hinter Gittern sitzen. Foto: epd
Durch forensisch-psychotherapeutische Nachbetreuung kann die Rückfallrate von Sexualstraftätern und Gewalttätern
gesenkt werden. Ein Problem ist die oft fehlende Fachkompetenz
der Niedergelassenen.

Hunderte Patienten hätten ohne die Arbeit der Ambulanz gar nicht oder erst viele Jahre später entlassen werden können“, so beurteilen die Richter der Strafvollstreckungskammer am Landgericht Marburg die Bedeutung der Nachsorgeambulanz im hessischen Haina. Bereits 1988 wurde sie an der Klinik für forensische Psychiatrie Haina eingerichtet und betreut seitdem Sexualstraftäter und Gewalttäter nach ihrer Entlassung aus dem Maßregelvollzug – sie gilt als Pionier. Das Team besteht aus zwei Ärzten, einem Psychologen, vier Sozialarbeitern und einem Krankenpfleger. Zur ambulanten Nachbetreuung gehören therapeutische Gespräche, die Verabreichung von Medikamenten, soziale Unterstützung. Die Ambulanz arbeitet eng mit der Bewährungshilfe zusammen.
Ambulanzen sind dringend notwendig, um den enormen Bedarf an psychotherapeutischer Nachbetreuung von Tätern nach der Entlassung aus Maßregelvollzug und Strafhaft zu decken, so der Tenor des Symposiums „Aufgaben und Möglichkeiten ambulanter Kriminaltherapie“ am 22. Februar in Berlin. Prof. Dr. med. Hans-Ludwig Kröber, Leiter des Instituts für Forensische Psychiatrie am Universitätsklinikum Benjamin Franklin der Freien Universität Berlin und Veranstalter der Tagung, erklärt: „Es geht nicht um eine Pflichtbehandlung für jeden oder um blinden therapeutischen Optimismus. Es geht um die Straftäter, bei denen Nachbetreuung das Rückfallrisiko wesentlich vermindern kann.“
Bewährungshelfer schätzen, dass über die Hälfte ihrer Klientel psychotherapeutische Behandlung benötigte, so das Ergebnis einer Münchner Studie. Ein Drittel der aus Haft oder Maßregelvollzug Entlassenen konnte sich eine regelmäßige psychotherapeutische Betreuung vorstellen. Nur 20 Prozent befanden sich in ambulanter Behandlung, die Hälfte davon in typischer Psychotherapie. Bei mehr als zwei Drittel der Probanden, die zu einem früheren Zeitpunkt eine Psychotherapie erhalten hatten, ging diese über maximal 40 Stunden. Waren die Behandlungen Bestandteil gerichtlicher Weisungen, dann dauerten sie tendenziell länger und wurden mit höherer Wahrscheinlichkeit nicht abgebrochen, als Therapien ohne Weisung. Nur etwa die Hälfte der Therapien basierte jedoch auf einer Weisung, und weniger als ein Drittel wurde durch Institutionen vermittelt, die sich professionell mit Straftätern befassen. Die Studie, so Kröber, zeige, dass selbst in einer Stadt wie München, in der es sehr viele ambulant tätige Psychotherapeuten gibt, der Behandlungsbedarf von Straftätern keineswegs gedeckt sei.
Christian Zürn, Leiter der sozialtherapeutischen Anstalt in der Justizvollzugsanstalt Berlin-Tegel, bestätigt diese Erfahrung. Es gebe zwar niedergelassene Psychotherapeuten, die ins Gefängnis kommen, um mit Inhaftierten eine Psychotherapie zu beginnen, und diese dann nach Entlassung ambulant weiterführen. Die Chance, Haftentlasse-
ne an niedergelassene Therapeuten zu vermitteln, sei sehr gering. Auch die Institutsambulanzen der allgemeinpsychiatrischen Kliniken weisen immer wieder auf ihre fehlende Fachkompetenz bei der Nachbetreuung von Forensikpatienten hin. Zweifellos sei der Patientenkreis problematisch, urteilte Prof. Dr. med. Friedemann Pfäfflin, Abteilung Psychotherapie am Universitätsklinikum Ulm. Um sie erfolgreich behandeln zu können, müsse sich ein Psychotherapeut unbedingt im Fachgebiet Forensik weiterbilden. Welches psychotherapeutische Verfahren er mitbringe, hält Kröber für sekundär. Eine enge Zusammenarbeit mit Psychiatern wird von der Stuttgarter psychotherapeutischen Ambulanz für Sexualstraftäter angestrebt, auch im Hinblick auf flankierende medikamentöse Maßnahmen wie beispielsweise die Verordnung von Anti-Androgenen.
Dass ambulante Psychotherapie die Rückfälligkeit von Sexualstraftätern reduzieren kann, wurde in einer Vielzahl wissenschaftlicher Studien belegt. Die seit 1998 bestehende Stuttgarter Ambulanz bestätigt dies: In den ersten beiden Jahren seit der Gründung wurden zehn (3,5 Prozent) der insgesamt 167 Klienten rückfällig. Ohne Behandlung wäre eine Rückfallwahrscheinlichkeit von 20 Prozent zu erwarten gewesen.
Auch unter ökonomischen Aspekten ist das Konzept der ambulanten Nachbetreuung von Straftätern sehr aktuell. Die Richter der Strafvollstreckungskammer fordern, die Mittel dafür dauerhaft bereitzustellen: „Die Erfahrungen in Hessen zeigen, dass der Betrieb einer forensisch-psychiatrischen Ambulanz um ein Vielfaches kostengünstiger ist als die andernfalls notwendige weitere Vollstreckung.“ Thomas Heim
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