ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2002Organspende: Sportler wollen ein Zeichen setzen

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Organspende: Sportler wollen ein Zeichen setzen

Dtsch Arztebl 2002; 99(12): A-765 / B-627 / C-587

Baron, Jens

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Jan Ullrich engagiert sich im „Verein Sportler für Organspende“. Foto: Deutsche Telekom AG
Jan Ullrich engagiert sich im „Verein Sportler für Organspende“. Foto: Deutsche Telekom AG
Deutsche Athleten werben für Organspendeausweise.

Die Tour de France 2001: Jan Ullrich versucht, den Abstand zu seinem Rivalen Lance Armstrong zu verringern. Mit seinem Helfer Kevin Levingston jagt der deutsche Tour-Sieger von 1997 das Gelbe Trikot. Auf den rasanten Abfahrten der Pyrenäen führt das zu gewagten Manövern. Dann passiert es: Der Kapitän vom Team Telekom ist zu schnell und wird aus der Kurve getragen. Er stürzt eine Böschung hinunter und landet nach einem spektakulären Überschlag in einem Bach. Zum Glück bleibt der spätere Tour-Zweite unverletzt und kann die Etappe fortsetzen. Jan Ullrich weiß um die Gefahr: „Trotz aller Erfahrung und neuester Technik, ein Restrisiko gibt es immer.“
Auch im Alltag können unvorhersehbare Situationen ein Leben schlagartig verändern. Jeden Tag sind Menschen in Unfälle verwickelt oder erkranken ohne Vorwarnung schwer. Manche von ihnen können ohne ein neues Herz, eine neue Lunge oder eine neue Niere nicht überleben. Sie sind auf die Bereitschaft ihrer Mitmenschen zur Organspende angewiesen. Viele bekannte Sportler sind sich dessen bewusst und engagieren sich im „Verein Sportler für Organspende“ (VSO). „Ich würde meine Organe ohne Einschränkung spenden“, sagt Jan Ullrich, der Spitzenfahrer des Team Telekom. „So kann ich am Ende meines Lebens noch einem anderen Menschen helfen. Außerdem möchte ich ein Zeichen setzen und kranken Menschen, die auf ein Spenderorgan warten, Mut machen.“
Der Mangel an Spenderorganen ist groß. Fast 12 000 Dialysepatienten warten auf eine Niere, doch nur 2 219 Transplantationen konnten im vergangenen Jahr vorgenommen werden. Die durchschnittliche Wartezeit beträgt circa fünf Jahre. Auch an Spenderherzen fehlt es. 418 Spenderorgane standen zur Verfügung, während rund 900 Patienten auf ein neues Herz warteten. Grundsätzlich sind zwei Drittel der Deutschen einer Organspende gegenüber aufgeschlossen. Aber nur wenige dokumentieren ihre Hilfsbereitschaft durch einen Organspendeausweis.
Noch immer kursiert unter potenziellen Spendern, aber auch unter ihren Angehörigen die Angst, es könnten, zum Beispiel nach einem Unfall, Organe entnommen werden, bevor ein Mensch wirklich tot ist. Tatsächlich ist diese Angst unbegründet. Nierenspezialist Prof. Harald Lange: „Erst nach dem Hirntod, das heißt nach dem irreversiblen Ausfall sämtlicher Hirnfunktionen, wird untersucht, ob die Organe für eine Organspende geeignet sind.“
Jeder Mensch kann dabei in seinem Ausweis festlegen, welche Organe er im Falle seines Todes zur Verfügung stellen würde. Selbst in hohem Alter kann der Mensch als Organspender nützlich sein. Das gilt mit Ausnahme des Herzens für sämtliche Spenderorgane. „Auch ältere Menschen verfügen über völlig intakte und gesunde Organe. Für das Gelingen einer Transplantation ist das biologische Alter der Spender entscheidend“, erklärt Professor Lange.
Bis zu diesem Augenblick leben die Empfänger oft lange Zeit zwischen Hoffen und Bangen. Der „Verein Sportler für Organspende“ will ihnen zeigen: Wir lassen euch nicht allein. Viele bekannte Sportler hat Hans Wilhelm Gäb, langjähriger Präsident des Deutschen Tischtennisbundes und Vorstandsmitglied der Stiftung der Deutschen Sporthilfe, für den von ihm gegründeten VSO gewinnen können. Boris Becker, Stefanie Graf, Dr. Michael Gross, Heike Henkel, Jürgen Klinsmann, Reinhold Messner und Franz Beckenbauer sind einige von ihnen. Deutsche Spitzensportler als Vorbilder – Gäb ist sich sicher, dass die Athleten Menschen dazu bewegen können, sich über Organspende ernsthafte Gedanken zu machen: „Sie setzen Zeichen, auf die viele Menschen reagieren.“ Sport und Organspende bilden darüber hinaus einen wichtigen Zusammenhang: Sport hilft den Patienten nach einer Organtransplantation bei der Stärkung ihrer Gesundheit. Neben gemäßigtem Laufen raten Ärzte gerne auch zum Schwimmen und Fahrradfahren. Jens Baron
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