ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2002Diagnose „Berufskrankheit“: Fingerspitzengefühl erforderlich

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Diagnose „Berufskrankheit“: Fingerspitzengefühl erforderlich

Dtsch Arztebl 2002; 99(12): A-769 / B-631 / C-591

Stresemann, Ernst

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Viele Arbeitsplatzverhältnisse bringen eine anhaltende physische Belastung mit sich. Foto: HVBG/Danetzki
Viele Arbeitsplatzverhältnisse bringen eine anhaltende physische Belastung mit sich.
Foto: HVBG/Danetzki
Bei Verdacht auf Vorliegen einer Berufskrankheit
sollte der Arzt vermeiden, vorschnell Fakten zu schaffen.

Die Beratung, ein Mittelpunkt ärztlichen Handelns, wird vom Kranken erwartet und kann eingefordert werden. Ihr Inhalt ist wichtiger Bestandteil der Beziehung zwischen Arzt und Patient, vermittelt sie doch nicht nur ärztliches Wissen, sondern auch die Fürsorge des Arztes für das Sozialschicksal seines Patienten. Dabei läuft er jedoch Gefahr, missverstanden zu werden und beim Patienten Überlegungen und Handlungen anzustoßen, die das Ziel der Beratung verfehlen.
Solche Risiken betreffen auch das ärztliche Gespräch bei Verdacht eines Zusammenhangs zwischen Arbeitsplatz und Befindensstörungen. Die Vermutung, dass die Einflüsse der beruflichen Tätigkeit und ihres Umfeldes einen Krankheitszustand ausgelöst haben, kann vom Arzt oder vom Patienten kommen. Die Rolle des Arztes als Berater in dieser Situation ist dann zugleich ein Prüfstein für sein kritisches Urteilsvermögen und fachliches Können, geht es doch schon im Vorfeld einer Verdachtsanzeige zu Händen eines Unfallversicherungs-(UV-)Trägers wegen des Vorliegens einer Berufskrankheit (BK) um die Frage, ob dieser Verdacht eine nachvollziehbare Grundlage hat („begründeter Verdacht“ nach § 202 SGB VII). Für eine schnelle Entscheidung des Arztes sind die Zusammenhänge oft zu undurchsichtig. Nur in einer kleineren Zahl der Fälle sind bei Berufskrankheiten – anders als im Unfallgeschehen – Ursache und Wirkung medizinisch eindeutig (zum Beispiel beim Bäckerasthma).
Die Schwierigkeit des Arztes, der einen BK-Verdacht hegt, dies mit wissenschaftlichen Mitteln belegen zu können, liegt in vielen Fällen in der Unvollständigkeit seines Informationsstands zur Arbeitsanamnese begründet. Da er noch vor Beginn des vom UV-Träger einzuleitenden Feststellungsverfahrens tätig wird, ist er weitgehend von den Angaben seines Patienten zum Sachverhalt abhängig. Dies ist eine schwierige Position. Er könnte sie festigen, wenn er ergänzende Daten zur Verfügung hätte.
Möglich sind verschiedene Vorgehensweisen, die zum Teil problematisch sind.
- Der Patient trägt dem behandelnden Arzt sein Beschwerdebild mit dem Hinweis auf einen von ihm angenommenen Arbeitsplatzbezug vor. Dieser bestätigt den Verdacht, da er ihn für hinlänglich begründet hält. Weiterführende Erkenntnisse aus anderen Quellen werden von ihm nicht beigezogen. Mit der Schilderung der Arbeitsvorgänge beziehungsweise der Arbeitsstoffe, die von ihm als Auslöser einer Berufskrankheit genannt werden, verdeutlicht der Patient zugleich seine Erwartung, als Berufskranker mit Entschädigungsansprüchen gegenüber dem UV-Träger anerkannt zu werden. Er rechnet mit einer unterstützenden Stellungnahme des Arztes zu seinem Vortrag. Eine gewisse Ungeduld auf Zustimmung zum Zusammenhang wird dabei im Gespräch für den Arzt spürbar. Seine Entscheidung fällt hiernach spontan: Er erstattet eine BK-(Verdachts-)Anzeige. Das BK-Feststellungsverfahren nimmt seinen Lauf.
Die weitere Entwicklung wird dadurch bestimmt, dass sich der Patient bereits durch den Ausgang dieses Gesprächs mit seinem Arzt in der Auffassung bestätigt sieht, es liege ein direkter Zusammenhang mit einer Berufskrankheit vor, der eine Anerkennung seitens des UV-Trägers unabweisbar mache („Mein Arzt hat es ja schon bestätigt!“). Hierfür wird er fortan mit allen Rechtsmitteln kämpfen. Allerdings sollte man festhalten, dass der Patient zwar eine Bestätigung seines Konzepts durch den Arzt sucht, aber nicht von vornherein überzeugenden Gegenargumenten unzugänglich ist.
- Im Regelfall sollte das kritisch abwägende Gespräch zwischen Arzt und Patient noch die Chance bieten, dem Geschehen einen sachlich besser begründeten Lauf zu geben, vorausgesetzt, die Zusammenhänge sind nicht bereits prima vista so eindeutig, dass ohnehin kein vernünftiger Zweifel gegen sie aufkommen kann.
Wie aber sollte der Arzt im Zweifelsfall vorgehen? Der wichtigste Grundsatz ist – wenn immer möglich – die Beiziehung von zusätzlicher Information über die Umstände, die den Patienten zu der Annahme einer berufsbedingten Erkrankung führten. Informationen können vom Arbeitgeber (falls dieser Auskunft gibt) kommen oder sich aus einer vertrauensvollen Kontaktnahme mit dem Berufshelfer des zuständigen Unfallversicherungsträgers ergeben. Wenn ein Betriebsarzt tätig ist, ist er der geeignete Ansprechpartner. Verbindung kann aber auch mit einem arbeitsmedizinisch tätigen Arzt beziehungsweise einer betriebsärztlich-arbeitsmedizinischen Einrichtung aufgenommen werden.
Durch zurückhaltende Prüfung wird Sicherheit über den Sachverhalt gewonnen, den der Patient zur Grundlage seines Beschwerdevortrags machte. Denn viele Arbeitsplatzverhältnisse in modernen Industriebetrieben – und aus diesen stammt die Mehrzahl „undurchsichtiger“ Verdachtsfälle einer Berufskrankheit – bringen eine anhaltende und wiederholte physische Belastung mit sich. Nicht zu vergessen sind auch die psychischen Belastungen am Arbeitsplatz, die sich sehr unterschiedlich in körperlichen Symptomen äußern können (somatoforme Störungen und dergleichen) und deren körperliches Projektionsfeld (Somatisation) dann zur Annahme des Vorliegens einer Berufskrankheit führen kann.
Sind die Voraussetzungen hingegen nicht hinlänglich eindeutig – und nur in einem kleineren Anteil der Fälle kann der Arzt schon im ersten Gespräch mit seinem Patienten einen BK-Verdacht aufgrund eindeutiger Zusammenhänge vorbehaltlos teilen –, kann eine abwartend prüfende und beratende Gesprächsführung anstelle einer spontanen unkritischen Zustimmung zum Patientenvortrag einer späteren „Michael Kohlhaas“-Einstellung des Patienten gegenüber einem Feststellungsverfahren, das seine Erkenntnisse nicht bestätigt, zuvorkommen. Misslingt dies, muss damit gerechnet werden, dass die weitere Entwicklung die Akten von UV-Trägern, Rechtsanwälten und Gerichten füllen wird.
- Eine andere, ebenfalls typische Situation kann aus einem Übereifer des Arztes entstehen, den UV-Träger über ein Krankheitsbild, in dem er lediglich gewisse Anhaltspunkte für eine Berufskrankheit antraf, zu informieren. Nicht selten geschieht dies anlässlich von Krankenhausbehandlungen oder von klinischen Kuren, ohne dass der Patient in diesen Fällen selbst einen entsprechenden Verdacht hatte. In anderen Fällen stößt ein neuer Hausarzt auf einen Sachverhalt, der ihn – anders als seinen Vorgänger – erstmals eine Berufskrankheit vermuten lässt. Auch hier darf nicht als erster Schritt das grüne Formular, die „ärztliche Anzeige einer Berufskrankheit“, ausgefüllt und dem zuständigen UV-Träger zugeleitet werden. Es gilt vielmehr der gleiche Grundsatz: Erst im eingehenden Gespräch mit dem
Patienten sorgsam prüfen und dann entscheiden! Arbeitsmedizinische Kenntnisse müssen dabei federführend sein. Wer hingegen seinem Patienten ex cathedra mitteilt, bei ihm liege eine BK vor, hat nicht bedacht, dass der Patient nun erwartet, die Erkenntnisse des Arztes seien zutreffend und führten unumstößlich zur Anerkennung als Berufskrankheit.
Nur wenn der Lauf des Feststellungsverfahrens dies bestätigt, wird er zufrieden sein. Eine fehlende Bestätigung wird er hingegen weder verstehen noch akzeptieren, weil der Arzt ihm zuvor schon zugesichert habe, er sei berufskrank.
Von besonders großer Tragweite kann der Ausgang eines solchen Beratungsgespräches sein, wenn der Patient hieraus schlussfolgert oder vom Arzt darin bestärkt wird, künftig nicht mehr an den alten Arbeitsplatz zurückkehren zu können, ohne dass offensichtlich unverkennbar und zweifelsfrei gesicherte Ursachenzusammenhänge vorliegen. Es werden andernfalls Tatsachen
geschaffen, deren sozialmedizinische Konsequenzen für den Betroffenen unumkehrbar und schwerwiegend werden können, wenn sich im Laufe des Feststellungsverfahrens der Verdacht einer Berufskrankheit nicht bestätigt, der Patient aber seine Arbeit ohne eine Alternative inzwischen aufgegeben hat. Schadensbegrenzung kommt dann zu spät.
Im sozialrechtlichen Bereich betrifft der Schaden überwiegend die sich oft langwierig hinziehende Inanspruchnahme von öffentlichen Mitteln aus einem zum Streitfall gewordenen Feststellungsverfahren.
Schwerer wiegt hingegen der sozialmedizinische und der soziopsychologische Schaden für den Betroffenen, wenn er sich – wie nicht selten – verbittert zurückzieht oder gegen eine Welt von vermeintlichen Widersachern kämpft. Diesen Schaden gilt es zu verhindern, weil er das Leben des Betroffenen dauerhaft belastet und in wesentlichen materiellen und seelischen Bereichen entwertet.

zZitierweise dieses Beitrags:
Dtsch Arztebl 2002; 99: A 769–770 [Heft 12]

Anschrift des Verfassers:
Prof. Dr. Ernst Stresemann
Institut für Arbeits- und
Sozialmedizinische Allergiediagnostik
Parkstraße 40 und 46, 32105 Bad Salzuflen
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