ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2002Hilfe bei Flügen: Standardisierung dringend erforderlich

BRIEFE

Hilfe bei Flügen: Standardisierung dringend erforderlich

Dtsch Arztebl 2002; 99(12): A-774 / B-636 / C-595

Bock, Andreas U.

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LNSLNS Die ärztlichen Hilfeleistungen in der Luft sind für den Arzt meist unbefriedigend. Auf Langstreckenflügen habe ich mehrmals ärztliche Hilfe leisten müssen. Die Umstände dabei sind immer unbefriedigend. Das Flugbegleitpersonal ist zwar freundlich, aber eben kein Fachpersonal. Es gibt keinen für Erste Hilfe vorgesehenen Ort, an dem eine richtige ungestörte Lagerung, geschützt vor den Blicken interessierter Mitreisender, möglich wäre. Die diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten sind erbärmlich. Bei Lärm ist das Stethoskop kaum benutzbar, deswegen ein Blutdruckmessgerät nur nach dem Oszillationsprinzip sinnvoll. Ebenso sollte ein aufsetzbares EKG-Sichtgerät vorhanden sein, eventuell mit Defibrillator.
Einen Vorteil oder eine besondere Anerkennung habe ich als Hilfe leistender Arzt nie erfahren, sondern eigentlich durch die Situation immer nur Unannehmlichkeiten gehabt.
Beispielhaft mein letzter Flug nach Bangkok. Um den Flug angenehm zu gestalten und schlafen zu können, flog ich Businessclass mit Qantas. Der Hinflug war perfekt. Auf der Rückreise wendete sich bereits auf dem Weg zur Rollbahn eine Frau vor mir um und teilte mir mit: „Meinem Mann geht es schlecht“ – als wenn sie gewusst hätte. Ich sagte ihr, sie möchte sich an die Stewardess wenden, die zum Start vor ihr auf dem Notsitz angegurtet saß. Diese allerdings zeigte auf die Ansprache keine Reaktion. Nach dem Start oben in der Luft berichtete die Frau, sie sei mit ihrem Mann auf der Rückreise von Australien in einer Seniorengruppe, die um uns herum verteilt saß. Der Mann habe bereits während des Stopps im Flughafen Bangkok über Herzschmerzen geklagt. Bei der Untersuchung war er tachycard und kaltschweißig, aber noch gut ansprechbar. Später verschlechterte sich der Zustand, der Puls war nicht mehr tastbar und das Stethoskop bei dem Lärm unbrauchbar. Im Sitz konnte nur eine Halbliegeposition eingestellt werden, eine vernünftige Lagerung war nicht möglich. Die Situation war dramatisch. Der Chefsteward versicherte, dass keine geeignete Metropole für eine Notlandung zur vernünftigen medizinischen Versorgung in Reichweite sei; er begann einen schriftlichen Notfallbericht. Abkürzend hier nur die Mitteilung, dass an Schlaf bis Frankfurt kaum zu denken war, obwohl der Patient sich nach etwa zwei Stunden ohne wesentliche Medikation glücklicherweise etwas erholte und in Frankfurt der ärztlichen Flughafenambulanz zugeführt wurde.
Wochen später erhielt ich von Qantas einen Dankesbrief: „It ist a source of great pride in our profession that medical practitioners do so selflessly volunteer to assist often under the most trying conditions“ – wie wahr; aber dennoch ärgerte mich, dass die Fluggesellschaft diesen Einsatz so selbstverständlich als selbstlos voraussetzt. Deswegen schrieb ich an Qantas zurück und wies auf den entgangenen Flugkomfort hin; zum Dank schickte man mir darauf drei Flaschen australischen Wein; übrigens hatte die Stewardess mir bereits zwei davon mitgegeben. Auf Flugreisen darf man als Arzt das Berufsethos noch voll beweisen. Es besteht nicht nur ein rechtsfreier Raum, sondern eben auch kein Raum und keine geeignete Ausrüstung für die ärztliche Hilfe. Die Einrichtung eines Standards zur Versorgung medizinischer Notfälle ist dringend erforderlich.
Dr. med. Andreas U. Bock, Krahnenstraße 3–5, 51063 Köln
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