ArchivDÄ-TitelSupplement: ReisemagazinReisemagazin 1/2002Spreewald: Wo die Schlangen Kronen tragen

Supplement: Reisemagazin

Spreewald: Wo die Schlangen Kronen tragen

Dtsch Arztebl 2002; 99(12): [4]

Gabriel, Marie-Luise

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Eine Kahnfahrt im Spreewald gehört zum touristischen Pflichtprogramm. Fotos: Stephan Gabriel
Eine Kahnfahrt im Spreewald gehört zum touristischen Pflichtprogramm. Fotos: Stephan Gabriel
Fährleute staken in Lübbenau ihre Kähne durch ein Labyrinth von 970 Kilometern ursprünglicher Fließe.
Der Spreewald, diese ursprüngliche Landschaft, hat schon große Dichter wie Achim von Arnim und Theodor Fontane zu schwärmerischen Beschreibungen angeregt. In Lübbenau, inmitten des Oberspreewaldes zum Beispiel, kann der Tourist die Faszination dieser Flusslandschaft erleben. Zerteilt in zahllose Fließe, die ein feinmaschiges Gewässernetz bilden, offenbart sich die Natur in ihrer ganzen Pracht. Man fährt mit dem Kahn durch einen Dom aus Blätterkronen von Erlen, Eichen, Buchen und Pappeln, die sich weit oben zusammenschließen.
Der Spreewald ist das Produkt von Urgewalten der Eiszeit. Das Schmelzwasser der letzten Eiszeit schwemmte Sand in das Urstromtal. Das Gefälle der Spree verminderte sich immer mehr, es bildete sich ein Binnendelta. Doch diese über viele Jahrhunderte entstandene außergewöhnliche Flusslandschaft ist nicht nur das Ergebnis von Naturgewalten, auch der Mensch war daran beteiligt. Zu den ersten Siedlern gehörten Sorben, ein kleines Volk slawischer Abstammung. Deshalb tragen noch heute die Ortsschilder zumeist zweisprachige Namen: deutsche und sorbische. Heute verstehen nur noch die Alten Sorbisch. Noch zu Zeiten Friedrichs des Großen gab es hier slawisch-wendische Dörfer. Als Wenden wurden die Sorben von den Germanen und ihren deutschen Nachfahren bezeichnet.
Kahnfahren ist im Spreewald ein Muss
Der Lübbenauer Hafen ist voll fröhlicher Menschen, die sich für Fahrtrouten von zwei, drei bis zu sieben Stunden entscheiden können. Die Fährmänner oder -frauen staken wie Venedigs Gondoliere die kiellosen Holzkähne durch das Wasserlabyrinth. Die „Passagiere“ sitzen zu dritt in Reihen hintereinander oder sich an Tischen gegenüber, die man mit Deckchen und Blumen geschmückt hat. Lautlos gleitet der lang gestreckte Kahn durch die Fließe, die lange Zeit die einzigen Verbindungswege zwischen den Gehöften waren und der Kahn das einzige Transportmittel. Der Fährmann berlinert über die Sage von der Entstehung des Spreewaldes: Vor Zeiten pflügte der Teufel mit zwei schwarzen Ochsen das Bett der Spree. Die Tiere waren müde und träge. Dar-
über geriet der Teufel in Wut, schleuderte seine Mütze nach den Tieren, die
Fährmann: umsichtig bei der Arbeit
Fährmann: umsichtig bei der Arbeit
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erschrocken losrannten. Dadurch zog der Pflug kreuz und querfeldein und schuf so das Netz der Wasserläufe. Das Ergebnis: Auf rund 970 Kilometer Gesamtlänge verzweigen sich die einzelnen Flussarme und Kanäle.
Auf der ruhigen Fahrt unterqueren wir viele Holzbrücken, Bänke genannt, vorbei an den typischen Spreewald-Gaststätten, die mit heimischen Gerichten wie Pellkartoffeln mit Quark und Leinöl oder Plinsen (Eierkuchen) mit Apfelmus und Sahne locken. Große, schillernde Libellen tanzen über das dunkelgrüne Wasser nahe der Biosphären. Hier dürfen nur ausgebildete Betreuer hin zum Schutz der dort lebenden Pflanzen und Tiere wie Fischotter, Kraniche, Weißstörche, Fisch- und Seeadler. Von einem Verkaufsstand am Ufer reicht man uns Pappschälchen mit Spreewaldgurken ins Boot. Gurken und Meerrettich gedeihen hier auf dem lockeren sandigen Boden besonders gut.
Dann sehen wir die Schlangen. Gekreuzte Schlangen mit gekrönten Häuptern tragen noch viele Häuser an den Giebelenden ähnlich den Pferdeköpfen in Niedersachsen. Der Brauch stammt von den Wenden. Die harmlose Wassernatter betrachtete man früher als Schutzgeist jeden Hauses. Doch wunderschön ist die Sage vom Schlangenkönig. Hierbei geht es um das Schloss Lübbenau im Besitz des Grafen Lynar, das 1893 nach einem großen Brand sein endgültiges Aussehen erhielt. So erzählt Theodor Fontane in seinem Buch Wanderungen durch die Mark Brandenburg die Sage von den Schlangen: Die Schlangen und das Haus Lynar lebten seit alter Zeit auf einem guten Fuß – (. . .) – das Faktum bleibt, dass die beiden Schlangen im Wappenschild der Lynars kaum fester und treuer an ihnen hängen als die leibhaftigen Schlangen, die unten im Park herumspazieren – (. . .) – ein Kaufmann aus Lübbenau, den es Tag und Nacht quälte, wie er recht reich werden könnte, hörte von dem Schlangenkönig sprechen, der täglich im Parkgarten erschiene und auf dem schönen Rasen desselben sich zu sonnen liebe. Wer dessen Krone habe, der werde unermesslich reich. Das ging dem Kaufmann zu Herzen. Er beschloss, die Krone zu rauben, koste es, was es wolle. Oft schlich er sich in den Garten und sah das schöne Tier im Grase liegen; aber der Schlangenkönig, als ahne er Gefahr, duckte sich in das Grün des Rasens nieder, sooft er des Kaufmanns ansichtig wurde. Da bat dieser um die Erlaubnis, auf dem Schlossrasen ein Stück Leinwand bleichen zu dürfen, und breitete das weiße Gespinst auf dem sonnigen Platz aus. Als der Schlangenkönig mit seinem Gefolge wieder erschien, um an alter Stelle Hof zu halten, war auch der Kaufmann da. Er saß auf einem kleinen schwarzen Pferd verborgen hinter dem Buschwerk des Parks. Die Sonne schien hell auf das weiße Linnen, und der König glitzerte darauf in seiner Pracht. In diesem Augenblick brach der Kaufmann aus seinem Versteck hervor und den Hals des Pferdes mit seinem linken Arm umklammernd, während seine Rechte dicht über dem Erdboden hinfuhr, riss er jetzt, wie ein plötzlicher Windstoß, dem Schlangenkönig die Krone ab. Im nächsten Augenblick war er verschwunden. Der Kaufmann wurde reich – aber Lübbenau arm. Der Schlangenkönig und sein Gefolge kamen nicht mehr in den Park – (. . .) –
Berühmt: die leckeren Spreewälder Gurken
Berühmt: die leckeren Spreewälder Gurken
Die Lynars mühten sich, wieder gutzumachen, was die Habsucht jenes Kaufmanns verbrochen hatte. Man schonte den Rasen und pflegte mit Vorliebe jene sonnige Stelle. Und siehe da, die dauernd ausgestreckte Hand schien endlich zur Versöhnung geführt zu haben. Die Schlangen waren wieder da. Es liegt ein besonderer Zauber darin, mit jenen Tieren auf einem Freundschaftsfuß zu leben, vor deren Berührung seit
alters her die Menschen-
hand erschrickt . . . Heute ist Schloss Lübbenau ein komfortables Hotel. Doch die
Geschichte des Schlosses ist wechselvoll. Spuren hinterließ Fürst Pückler, der
wunderschöne Gartenanlagen schuf, und der letzte Besitzer, Wilhelm Friedrich Graf zu Lynar, wurde als Beteiligter des Attentats auf Hitler am 20. Juli 1944 hingerichtet. Der Besitz wurde enteignet.
Auf den Spuren von Pückler
Zu DDR-Zeiten diente das Schloss unter anderem als Kinderheim, 1972 sollte es
sogar gesprengt werden. Schließlich wurde es ein Computer-Ausbildungs-Zentrum. Doch nach der Wende ging das Schloss wieder in die Hände der Lynars zurück. Dass heute Schloss-Hotel Lübbenau das entsprechende Ambiente eines Hotels der gehobenen Mittelklasse zeigt, ist im höchsten Maße der Tatkraft von Beatrix Gräfin zu Lynar, geborene Freiin Droste zu Vischering, zu verdanken. Der neun Hektar große Schlosspark wurde 1817 von einem Schüler des Gartenbau-Fürsten Pückler zum englischen Landschaftspark umgestaltet. Theodor Fontane rief entzückt aus, dass ihn der Lynarsche Park an den von Warwick Castle erinnerte, einer geschmackvollen Anlage im Herzen Englands. Heute würde er ihn genauso schön finden mit der Orangerie und dem herrlichen alten Baumbestand.
Lübbenau ist wirklich eine Reise wert. Marie-Luise Gabriel

Reise-Tipps
Anreise mit dem Auto oder dem ICE bis Berlin.
Von dort mit dem Regionalzug nach Lübben oder Lübbenau. Ein guter Standort und Ausgangspunkt ist Cottbus.
Alle Auskünfte über Reiseroute, Hotels, Gruppenangebote, Radwandern, Kahnfahrten, Kutschfahrten und Veranstaltungen über: Spreewaldinformation Lübben, Ernst-von-Houwald-Damm 15, 15907 Lübben, Telefon: 0 35 46/30 90 oder 24 33, Fax: 0 35 46/25 43; www.luebben.com, E-Mail:
luebben@spreewald.info.de

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