ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2002Sprachanbahnung über elektronische Ohren – So früh wie möglich: Frühförderung evident

MEDIZIN: Diskussion

Sprachanbahnung über elektronische Ohren – So früh wie möglich: Frühförderung evident

Dtsch Arztebl 2002; 99(12): A-793 / B-654 / C-612

Baschek, Volker; Steinert, Wilhelm

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LNSLNS Mit Freude muss man den Autoren dieses Artikels danken, der die Frühförderung von Säuglingen mit Hörhilfen hervorhebt, und der unsere Erfahrung mit der Versorgung von Hörhilfen von Säuglingen bestätigt. So hat unsere Praxis schon 1982 Normwerte für die Registrierung von Hirnstammpotenzialen bei Säuglingen vorgelegt (1). Weiterhin kann man die neurale Reifung an den kognitiven Potenzialen älterer Kinder verfolgen (2, 3). Sinnvoll ist ein Früherkennungsprogramm von Neugeborenen, dieses ist jedoch auch in den USA nicht in allen Bundesstaaten realisiert. Es wurde von Marion Downs an der Universität Colorado begründet, und in den USA werden von 4 Millionen Geburten pro Jahr 1,1 Millionen Kinder erfasst (4). An der Universität Colorado gelang es zwischen 1992 und 1998 die falschpositive Rate erfasster Schwerhörigkeiten von 6 Prozent auf 2 Prozent zu minimieren. Dieses sind international gesehen optimale Werte. Da man in Deutschland circa 800 000 Geburten pro Jahr hat, ergibt sich eine Schwerhörigenzahl von 800 schwerhörigen Kindern, ein Promille.
In Relation zu einer optimalen Erkennungsrate von 2 Prozent hieße es, dass auf ein schwerhörig erkanntes Kind 19 Eltern mit der möglichen Verdachtsdiagnose einer Schwerhörigkeit konfrontiert und verunsichert werden. Auch ist Deutschland von einer flächendeckenden Früherkennung personell und finanziell weit entfernt. Daher würden wir zunächst als Übergangslösung das effektive Modell der Universitätsklinik Amsterdam vorschlagen (5).
Auf pädiatrische Intensivabteilungen gelangen alle Risikokinder. Hier liegt die Relation im Erkennen einer Schwerhörigkeit bei 1 : 50. Damit wird ein wesentlich größerer und effektiverer Faktor geschaffen, und man muss nur diese Intensivstationen optimal mit den entsprechenden Geräten zur Messung von otoakustischen Emissionen und Hirnstammpotenzialen ausrüsten. Als Risikofaktoren werden folgende Erkrankungen angesehen (4):
- Kongenitale perinatale Infektionen mit Zytomegalie, Röteln, Syphilis, Herpes und Toxoplasmose,
- Kraniofaziale Anomalien, Dysmorphien des Gesichtsschädels, Gaumenspalten, abnorme Ohrformen und äußere Gehörgänge,
- niedriges Geburtsgewicht von weniger als 1 500 g,
- Hyperbilirubinämie,
- Ototoxische Medikation,
- Bakterielle Meningitis,
- Apgarindex von 0 bis 4 nach einer Minute, oder von 0 bis 6 nach fünf Minuten, Zustand nach längerer Beatmung,
- Familienanamnese mit Schwerhörigkeiten.
Auf diese Weise können Kinder aus Risikogruppen schnell, sicher und effizient erkannt werden.
Ein weiteres Problem beginnt jedoch dann für die Eltern, das der Hörgeräteversorgung. Setzt man die 800 schwerhörigen Kinder in Relation zur Zahl der HNO-Ärzte, ergibt sich, dass ein HNO-Arzt ein schwerhöriges Kind etwa alle vier Jahre sieht, bei Hörgeräteakustikern ist die Zahl nicht anders. Eine kindgerechte Hörgeräteversorgung kommt so kaum zustande.

Literatur
1. Baschek V, Steinert W: Diagnostik neuraler kindlicher Hörstörungen mittels Messung akustisch evozierter Hirnstammpotentiale. Pädiat Prax 1982; 27: 245– 254.
2. Rothenberger A, Baschek V: P_300 in children with different cognitive abilities. In: Rothenberger A: Event-related potentials in children, developments in neurology. Elsevier Biomedical Press 1982: 317–325.
3. Baschek V, Steinert W: Die Diagnostik zentraler Hörstörungen bei Kindern mit Legasthenie. Pädiat Prax 1997; 53: 433–442.
4. Horn KL et al.: Early Identification and intervention of hearing-impaired infants. Otolaryngol Clin N Amer 1999; 6: 32.
5. van Staaten HLM et al.: Evaluation of an automated auditory brainstem response infant hearing screening method in at risk neonates. Eur J Pediatr 1996; 155: 702–705.

Dr. med. Volker Baschek
Dr. med. Wilhelm Steinert
Ebertstraße 20
45819 Gelsenkirchen

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