ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2002Sprachanbahnung über elektronische Ohren – So früh wie möglich: Schlusswort

MEDIZIN: Diskussion

Sprachanbahnung über elektronische Ohren – So früh wie möglich: Schlusswort

Dtsch Arztebl 2002; 99(12): A-793 / B-654 / C-612

Klinke, Rainer

zu dem Beitrag von Prof. Dr. med. Rainer Klinke Dr./SK Andrej Kral Dr.-Ing. Rainer Hartmann in Heft 46/2001
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LNSLNS Wir bedanken uns ausdrücklich für den engagierten Leserbrief der Kollegen Baschek und Steinert, die das angesprochene Problem früh aufgegriffen haben. Sie formulieren hier Bedenken gegen ein generelles Gehörscreening mit Einwänden, die bei jedem Screening diskutiert werden. Sicher macht ein Screening nur einen Sinn, wenn sich daraus therapeutische Konsequenzen ergeben. Dies ist beim Gehörscreening ohne Zweifel der Fall. Ferner sollte es sich um Störungen handeln, die nicht extrem selten sind. Angeborene Gehörlosigkeit oder Schwerhörigkeit sind indessen vergleichsweise häufig. Baschek und Steinert geben selbst einen Fall auf 1 000 Lebendgeborene an. Zum Vergleich: Das seit rund 30 Jahren eingeführte Screening auf Phenylketonurie betrifft einen Defekt, den man einmal auf 8 000 bis
10 000 Lebendgeborene zu erwarten hat. Beim Hypothyreosescreening beträgt das Verhältnis in Deutschland im Mittel 1 : 4 000. Seit der Einführung der Tandem-Massenspektrometrie screenen wir bei Neugeborenen insgesamt 20 Parameter, aber auf die häufigsten konnatalen Defizite, die Hörstörungen, screenen wir nicht. Dies zeigt wohl auch, dass das Hören im Bewusstsein der Öffentlichkeit nicht die Aufmerksamkeit findet, die ihm gebührt.
Ohne Zweifel können positive Befunde Eltern verunsichern. Hier ist eine vernünftige Aufklärung vor dem Screening gefragt. Es geht nicht darum, Schwerhörigkeit zu diagnostizieren, sondern darum, die Kinder herauszufinden, bei denen eine differenzierte Diagnostik notwendig ist. Wenn das den Eltern verständlich dargelegt wird, dürfte es keine unzumutbaren Verunsicherungen geben. Dass dies möglich ist, wissen wir vom Ultraschall-Screening der Hüftgelenke und der Harnwege.
Die von Baschek und Steinert zitierten Risikogruppen sind nicht das Pro-
blem. Kinder, die in ihrer Perinatalanamnese die genannten Risiken aufweisen, werden in aller Regel engmaschig nachuntersucht, insbesondere kinderneurologisch. Dabei werden Hörstörungen mit hoher Wahrscheinlichkeit rechtzeitig gefunden. Das Problem sind hingegen Kinder ohne auffällige Anamnese, bei denen nicht nach sensorischen Defiziten gefahndet wird. Das sind nach Literatur und nach Frankfurter Erfahrungen rund die Hälfte aller schwerhörigen Säuglinge. Gerade für diese Gruppe der „Nicht-Risiko-Kinder“ lohnt sich und braucht man das Screening. Es kann überall kostengünstig durchgeführt werden. Andererseits ist Baschek und Steinert lebhaft darin zuzustimmen, dass eine Behandlung kindlicher Hörstörungen nicht überall sondern ausschließlich in wenigen Zentren erfolgen sollte, in denen pädaudiologische Erfahrungen etabliert sind und weiter angesammelt werden können.

Prof. Dr. med. Rainer Klinke
Physiologisches Institut II der
Johann Wolfgang Goethe-Universität
Theodor-Stern-Kai 7
60590 Frankfurt/Main

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