ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2002Thor Heyerdahl: Reise nach außen und nach innen

VARIA: Feuilleton

Thor Heyerdahl: Reise nach außen und nach innen

Dtsch Arztebl 2002; 99(12): A-795 / B-656 / C-614

Büchner, Ralf W.

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Thor Heyerdahl hat dem Dreimast- Gaffel-Schoner den Namen gegeben.
Thor Heyerdahl hat dem Dreimast- Gaffel-Schoner den Namen gegeben.
Eine zwölfteilige Fernsehdokumentation berichtet über das High-
Seas-Highschool-Projekt, an dem 23 Jugendliche teilgenommen haben.

Thor Heyerdahl gibt dem Dreimast-Gaffel-Schoner mit Heimathafen Kiel den Namen. Der Name ist Programm: Auf der „Thor Heyerdahl“ segelten 23 Schülerinnen und Schüler, fünf Lehrer und die Stammbesatzung von Kiel durch die stürmische Nordsee in den Atlantik, zu den Kanarischen Inseln, dann weiter durch die Karibik nach Guatemala, nach Kuba und in die USA. Von dort auf der gefürchteten Nordatlantikroute über die Azoren zurück in die Heimat. Auf der ersten Etappe des Projekts High Seas Highschool war ich als Schiffsarzt dabei – eine Herausforderung und ganz neue Facette meiner „hausärztlichen“ Tätigkeit als Allgemeinarzt.
Die Reise führte nicht nur nach außen, über die Meere zu fernen Inseln, Ländern und Menschen, sondern auch nach innen. In meinem Tagebuch liest sich das so: „ . . . habe noch etwas steife Finger, weil ich bis gerade (16 bis 20 Uhr) Wache hatte. In der Nordsee kamen schon in der zweiten Nacht bis zu neun Windstärken auf, was ein ziemlich heftiger Sturm ist und entsprechende Manöver erforderte (Segel reffen, das heißt verkleinern, setzen, einholen, neu ausrichten). Schließlich fuhren wir noch mit Motor gegen den Wind. Die Thor rollte und stampfte. Die Wellen waren vier bis sechs Meter hoch. Gut zwei Drittel der Besatzung waren seekrank. Es gab viel zu tun, um für alle Seekranken die entsprechende Versorgung zu gewährleisten . . .“ Zur ärztlichen Tätigkeit an Bord gehörte auch, den Impfschutz zu überprüfen. Bei etlichen musste er vervollständigt werden. Kleine Wunden, Prellungen, Distorsionen waren zu versorgen. Bei Kopf- und Bauchschmerzen wurde ich ebenso um Rat gefragt wie bei psychischen und psychsomatischen Problemen. Im Kontakt mit der Bordgemeinschaft lernt man neue Seiten an sich selbst kennen. An Bord hat jeder seine Aufgaben. Alle (außer Kapitän, Steuermann und Projektleitung) sind in drei „Wachen“ eingeteilt. Die Dienst habende Wache ist verantwortlich für die Navigation des Schiffes, Wetterbeobachtung, sämtliche Segelmanöver, Wartungs- und Kontrollgänge. Hinzu kommen „Backschaft“, das heißt Küchendienst, sowie die tägliche Reinigung des Schiffes, an der sich alle in festem Turnus beteiligen müssen, aber auch Unterricht, Vorbereitung und Exkursionen.
Wenn man Verantwortung für sich selbst, den anderen und das Schiff übernimmt, relativiert das die eigenen Wünsche. Klare Befehlsstrukturen auf der einen Seite stehen dem erlebnispädagogischen Anspruch der Erziehung zu Selbstständigkeit und (Selbst-)Verantwortung gegenüber.
High Seas Highschool ist ein einzigartiges Projekt für Schüler, Lehrer und Stammbesatzung, die ehrenamtlich für eine so genannte Übungsleiterpauschale von 75 € pro Monat tätig ist. Selbsterfahrung, harte Arbeit, strenge Disziplin sowie das Abenteuer des Meeres und ferner Länder gehören ebenso dazu wie nautischer, sprachlicher, länderkundlicher und allgemeinbildender Unterricht.
Kein Wunder also, dass das Film Team von DeCampo in Köln eine Fülle (rund 600 Stunden!) von dokumentarischem Material sammeln konnte. Das gelang jedoch nur durch die einfühlsame und verlässlich-geduldige Präsenz, die Torsten Truscheit und Dietmar Ratsch auszeichnen. So entstand Vertrauen, das auch Belastungen standhielt und Offenheit ermöglichte.
Aus diesem Filmmaterial entstand eine zwölfteilige Fernsehdokumentation, die vom ZDF ab dem 23. März samstags von 16.25 bis 17 Uhr gesendet wird – eine Geschichte, die sich selbst erzählt und ganz bewusst darauf verzichtet, das Geschehen von außen zu kommentieren.
Vor allem Kinder werden von diesen zwölf Folgen fasziniert sein: von der Reise nach außen und nach innen, von den Charakteren, der Begegnung mit Menschen fremder Kulturen und den Bildern von Landschaft, Menschen und Meer.
Gleichzeitig mag diese Dokumentation in ihrer Vielschichtigkeit, ihrer Differenziertheit und ihrem Facettenreichtum verdeutlichen, was Jugendkultur heute auch ist und sein kann. Da wird manches Vorurteil zu revidieren sein und der Achtung und dem Respekt davor weichen, was diese 23 jungen Menschen von und miteinander gelernt und geleistet haben. Ralf W. Büchner
Die ab 23. März ausgestrahlte Serie „Junge Herzen – Auf großer Fahrt ins Leben“ zeigt unter anderem Jugendliche bei ihren täglichen Verpflichtungen an Bord. Fotos: ZDF
Die ab 23. März ausgestrahlte Serie „Junge Herzen – Auf großer Fahrt ins Leben“ zeigt unter anderem Jugendliche bei ihren täglichen Verpflichtungen an Bord. Fotos: ZDF
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