Supplement: Reisemagazin

Reisemedizin: Die Lyme-Borreliose

Dtsch Arztebl 2002; 99(12): [23]

Schrörs, Hans-Jürgen

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Ixodes ricinus, vollgesogenes Weibchen
Ixodes ricinus, vollgesogenes Weibchen
Die Lyme-Borreliose, eine durch Bakterien der Art Borrelia burgdorferi hervorgerufene Infektionskrankheit, gehört zu den häufigsten Erkrankungen, die durch Zeckenstiche ausgelöst werden. Der Hauptüberträger im europäischen Raum ist Ixodes ricinus, Schildzecke oder Gemeiner Holzbock genannt. Das deutlichste Zeichen für eine Infektion mit Borreliose-Bakterien ist im Frühstadium eine runde Hautrötung, die jedoch nicht immer auftritt. Hirnhautentzündungen sind, wie bei einer FSME (Frühsommer-Meningoenzephalitis), häufig.
Zecke Amblyomma aus Nordafrika und Amerika
Zecke Amblyomma aus Nordafrika und Amerika
Wird eine Zecke schon kurz nach dem Einstich in die Wirtshaut entdeckt und entfernt, ist eine Infektion mit Borreliose-Erregern unwahrscheinlich. Das Infektionsrisiko steigt erst nach fünf bis sechs Stunden Verweildauer an.

Symptome: Der Krankheitsverlauf nach einer Infektion mit Borreliose- Bakterien kann sehr unterschiedlich sein. Neben der Hautrötung treten in der Frühphase eher unspezifische Krankheitszeichen auf, die mit Müdigkeit, Unwohlsein, Fieber, Kopf- und Muskelschmerzen, Schwindelgefühl, Konzentrationsschwäche, Schweißausbrüchen und Lymphknotenschwellungen einhergehen können. Der Betroffene klagt über „grippeähnliche“ Symptome. Wird die Borreliose in diesem ersten Stadium nicht mit Antibiotika behandelt, kann sie nach Wochen bis Monaten in ein chronisches Stadium übergehen. Dieses zeichnet sich durch Störungen des Nervensystems aus. Es kommt zu Kopfschmerzen, Schwindelgefühlen, Sehstörungen, Gefühlsstörungen, Taubheitsgefühlen, Brennen und Kribbeln in den Extremitäten. Auch Lähmungserscheinungen kommen vor.
Saugende Zecke mit beginnender Rötung
Saugende Zecke mit beginnender Rötung
Anzeige
Wird der Herzmuskel befallen, können Herzklopfen und Herzrhythmusstörungen auftreten. Eine nicht behandelte Herzmuskelentzündung (Myokarditis) kann zu einer chronischen Herzmuskelschwäche führen. Noch Monate bis Jahre nach einem Zeckenstich kann eine Borreliose in ein Spätstadium übergehen. In erster Linie treten dann chronische Hautveränderungen auf. Besonders betroffen sind Hand- und Fußrücken, Knie und Ellbogen. Gelenkentzündungen, Muskelentzündungen und starke Knochenschmerzen erinnern an rheumatische Beschwerden.
Daneben bilden sich selten Entzündungen in Gehirn und Rückenmark. Auch Haustiere wie Hunde und Katzen können sich durch Zeckenstiche mit Borreliose-Erregern infizieren.

Diagnose: Die Frühdiagnose der Borreliose ist oft sehr schwierig, da die Erkrankung chronisch verläuft. Oft bleibt ein Zeckenstich unbemerkt, oder er liegt schon so lange zurück, dass man sich nicht mehr daran erinnern kann. Nicht immer treten typische Leitsymptome wie zum Beispiel die genannten Hautveränderungen auf. Je nachdem, wie schnell sich die Erreger
Sehr typische Hautrötung bei Borreliose- Infektion
Sehr typische Hautrötung bei Borreliose- Infektion
über die Blutbahn im Körper ausbreiten und in welchen Organen sie sich festsetzen, äußern sich die Beschwerden. Symptome, die an einen grippalen Infekt erinnern, können in der Frühphase völlig fehlen, dafür aber Gelenkentzündungen oder Herzbeschwerden beobachtet werden. Es gibt langsam fortschreitende, milde und sich schnell entwickelnde, schwere Formen der Erkrankung. Durch Blutuntersuchungen können Antikörper nachgewiesen werden, die die Infektion beweisen und die Diagnose sichern. Da der Körper zur Antikörperbildung jedoch eine Anlaufzeit von mindestens zwei Wochen benötigt, versagt diese Methode im Frühstadium.

Behandlung: Weil es sich um eine bakterielle Infektion handelt, wird der erkrankte Patient mit Antibiotika behandelt. Art und Dosis richten sich nach Alter und Gewicht des Patienten sowie Schweregrad der Erkrankung.

sog. Köpfchen mit bezahntem Hyposstom
sog. Köpfchen mit bezahntem Hyposstom
Erreger: Im US-Städtchen Lyme, Connecticut, trat 1975 zum ersten Mal eine epidemische Erkrankung auf, die den Stichen von Zecken zugeordnet werden konnte (Lyme-Krankheit). Der Erreger selbst konnte erst in den Achtzigerjahren von Willy Burgdorfer identifiziert werden. Die von ihm entdeckten und zu diesem Krankheitsbild führenden Bakterien wurden Borreliae burgdorferi genannt. Der Name der Erkrankung wurde auf Lyme-Borreliose erweitert. Man rechnet mit circa 30 000 Neuerkrankungen pro Jahr. Beim Zeckenstich gelangt der Erreger, der sich im Darm der Zecke befindet, erst nach Stunden in den menschlichen Organismus. Um eine Infektion mit Borrelia burgdorferi zu verhindern, sollten Zecken so schnell wie möglich vom Körper entfernt werden. Zecken infizieren sich mit der Borreliose beim Blutsaugen an infizierten Kleinsäugern. Die Bakterien verbleiben über die gesamte Entwicklung im Darm der Zecke. Erst später werden die Krankheitserreger auf andere Tiere und Menschen übertragen. Zecken bevorzugen als Lebensraum feuchte, warme Orte, an denen auch ihre potenzi-ellen Wirte wie Kleinsäuger, Wild, Haustiere oder der Mensch zu finden sind. Man findet sie auf Wiesen, in Sträuchern, im Unterholz, an Bachufern, in Parks und im Garten. Kommt ein potenzieller Wirt
in die Nähe einer Zecke, lässt sie sich
in Bruchteilen von Sekunden abstreifen. Sie bevorzugt beim Blutsaugen warme Körperregionen mit weicher Haut, wie Kniekehlen, Achselhöhlen oder den Haaransatz. Hat die Zecke einen geeigneten Ort zum Blutsaugen gefunden, durchbohrt sie die Haut mit ihren Mundwerkzeugen. In diesem Stadium können die Krankheitserreger der FSME, die sich in den Speicheldrüsen der Zecke befinden, auf den Wirt übertragen werden. Da sich die Erreger der Borreliose im Darm der Zecke befinden, gelangen diese erst sehr viel später mit deren Ausscheidungen in den menschlichen Körper. Eine Borrelieninfektion ist in den ersten sechs Stunden unwahrscheinlich.

Schutz vor Zeckenstichen: Der beste Schutz vor Zeckenstichen ist, Lebensräume der Zecken zu meiden. Das Tragen von langer Kleidung und Kopfbedeckung erschwert den Zecken das Auffinden einer geeigneten Einstichstelle. Den besten Schutz vor einer Infektion bietet das gründliche Absuchen des Körpers nach einem Aufenthalt im Grünen und das schnelle, fachgerechte Entfernen von Zecken. Einer FSME-Infektion kann durch eine Schutzimpfung vorgebeugt werden. Die offenen Hautstellen kann man mit einem Einreibemittel – wie zum Beispiel Autan – behandeln. Autan gibt es in unterschiedlichen Stärken und hat eine Wirksamkeit von zwei Stunden.

Entfernen von Zecken: Zum Entfernen von Zecken eignen sich spezielle Zeckenzangen (in Apotheken erhältlich) oder Pinzetten mit einer breiter Angriffsfläche. Es ist wichtig, die Zecke möglichst nahe an der Haut zu ergreifen. Man sollte dabei nur leicht auf die Zecke drücken und sie davor nicht mit Öl oder Klebstoff behandeln.

Schutzimpfungen: Vorbeugende Schutzimpfungen gegen eine Borreliose gibt es noch nicht.

Dr. med. Hans-Jürgen Schrörs
Institut für medizinische Information, Freiburg – www.reisevorsorge.de

Zeckengefahr: Ab 10° Celcius
Risikozeiten: April bis September
Zecken in Risikogebieten: 20 bis 30 Prozent Borrelioseträger (Spitzenwerte bis 70 Prozent kommen vor)
1 bis 2 Prozent FSME-Träger
Jährliche Erkrankungsrate: Borreliose (D): 30 000 bis 80 000 (Schätzungen, da nicht meldepflichtig)
FSME (D): circa 800

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema