ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2002Famulatur in Kenia: Mitreißend

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Famulatur in Kenia: Mitreißend

Dtsch Arztebl 2002; 99(12): A-812 / B-672 / C-628

Brinkmann, Jan Brüning gen.

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Foto: privat
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Das „Maua Methodist Hospital“ (MHH) liegt in 1 500 Metern Höhe in der Region Nyambene, 300 Kilometer nordöstlich von Nairobi. Maua hat circa 50 000 Einwohner, die löchrige Asphaltstraße endet hier. Die Bevölkerung spricht vorwiegend die Stammessprache Kimeru. Englisch und Kisuaheli benutzen nur Leute mit guter Schulbildung. Da diese in der Minderheit sind, ist man als Fremder immer auf Übersetzer angewiesen. Das erschwert den Kontakt und mindert die Genauigkeit der Krankengeschichte.
Das Krankenhaus ist der größte Arbeitgeber in der Region und verfügt über eine pädiatrische, zwei internistische (Männer und Frauen), eine geburtshilfliche und eine chirurgische Station. Hinzu kommen drei Operationssäle, ein Kreißsaal, die Ambulanz, ein Zentrum für Familienplanung und -beratung, eine Pflegeschule und als besonderes Juwel ein Rehabilitationszentrum für behinderte Kinder. Das Krankenhaus betreut jährlich bis zu 7 500 Patienten stationär und 30 000 ambulant.
Das Hospital beschäftigt vier fest angestellte Ärzte, drei davon aus Europa. Darunter ist auch Dr. med. Dietmar Ziegler aus Deutschland, der 1998 als erster Hospitalchirurg nach Maua kam, kaum dass der Zement der neuen Gebäude für Chirurgie und Geburtshilfe trocken war. Ziegler und seine Frau Birgit haben die Abteilung aufgebaut und organisiert. Des Weiteren arbeiten regelmäßig bis zu drei kenianische Ärzte für einige Monate im Hospital. Zusätzlich sind regelmäßig Medizinstudenten aus Kenia oder dem Ausland zu Gast, von denen die kenianischen und englischen, so Ziegler, aufgrund ihres praxisnahen Studiums die größte Hilfe sind, während die deutschen sich gerade am Anfang äußerst schwer tun. Ab und zu profitiert das Hospital von Fachärzten und Spezialisten aus den Industriestaaten, die als Gäste ohne Honorar für ein bis zwölf Wochen bleiben und für die Weiterbildung des Personals und die Behandlung von Patienten eine Bereicherung sind.
Nicht nur die finanziellen Mittel der Patienten, sondern auch der Etat des Krankenhauses schränken die Diagnostik ein. Für die Bildgebung stehen je ein einfaches Röntgen- und Sonographiegerät zur Verfügung. Das Spektrum der Labortests ist nicht allzu breit gefächert. Klinische Bereiche, in denen kein Facharzt zur Verfügung steht, werden von einer Fachschwester geleitet, wie zum Beispiel Anästhesie, Augenheilkunde, HNO, Psychiatrie, Tuberkulose, Palliativmedizin.
Trotz dieser Mängel gab es vieles, das mich in Staunen versetzte, ja geradezu mitriss: Was man mit einfachsten Mitteln, gepaart mit Sachverstand und Engagement, erreichen kann, stellt unsere westlich-technisch orientierten Ansprüche und Gewohnheiten infrage. Ich hätte nie gedacht, eine ältere Frau, die mit Vollbild einer Tetanusinfektion kam, nach zehn Wochen symptomatischer Behandlung – weder Immunglobuline noch Beatmung stehen in Maua zur Verfügung – ohne auch nur einen Dekubitus nach Hause gehen zu sehen.
Es war eine wohltuende Lektion, dass vieles auch ohne unsere Dogmen von Ordnung und Verantwortung gut funktionieren kann. Die Kompetenz, die professionelle Bescheidenheit und Gastfreundschaft der kenianischen Ärzte förderten den Umgang miteinander. Nicht zuletzt hat die Möglichkeit, als Student als Teil eines Teams mitarbeiten zu können und unter Anleitung praktische Erfahrung zu sammeln, meine Vorbereitung auf den Alltag und Umgang mit Stress und Verantwortung enorm gefördert. In meinem Fall gipfelte die Mitarbeit in der Durchführung eines Kaiserschnittes – für kenianische Studenten im letzten Jahr eher die Regel als die Ausnahme. Die Bekanntschaft mit einer Medizin an einem Ort, an dem unsere Regeln des täglichen Lebens nicht mehr greifen, möchte ich jedem weiterempfehlen. Jan Brüning gen. Brinkmann
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