ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2002Medikus gegen „Russentöter“: DR. MED. HELMUT PFLEGER

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Medikus gegen „Russentöter“: DR. MED. HELMUT PFLEGER

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Ende letzten Jahres ist Tony Miles mit erst 46 Jahren in seiner Heimatstadt Birmingham an Herzversagen gestorben. Tony war geboren für das Schachspiel. Er hatte einen grenzenlosen Glauben an sich, in allen Lagen und unter allen Umständen.
England war Schachdiaspora. Doch dann kam er und zeigte, dass auch die Sowjets nicht unschlagbar sind. Ausgerechnet in der Höhle des Löwen, im eiskalten sowjetischen Dubna, feierte er im Februar 1976 einen grandiosen Sieg und wurde der erste englische Großmeister überhaupt. Man hatte ihn vorher gebeten, ein Telegramm zu senden, falls er erfolgreich sein sollte. Das Telegramm, welches beim englischen Schachbund ankam, bestand nur aus einem Wort: „Telegramm“. Und bedeutete nicht nur den Gewinn der von einem Mäzen ausgelobten 5 000 Pfund für den ersten englischen Großmeister, sondern auch den Beginn der so genannten „Englischen Schachexplosion“.
Er gewann gegen die sowjetischen Weltmeister Tal, Smyslow, Spassky und Karpow. Letzteren demütigte er als Schwarzer gar mit der unerhörten Frechheit 1. e4 a6! 2. d4 b5!
Ein Jahrzehnt lang, von 1976–1985, war er einer der stärksten Spieler der Welt. In Holland spielte er 1985 wegen heftiger Rückenschmerzen ein äußerst starkes Turnier im Liegen und – gewann!
Tony betrachtete Schach als einen Ringkampf auf 64 Feldern, nicht im klassischen, griechisch-römischen, sondern im Freistil. Ein herausragender sowjetischer Großmeister beklagte sich einmal: „Ich mag alle englischen Spieler, außer Miles – er behandelt mich nicht mit dem Respekt, den ich gewöhnt bin.“
Nun, das hätte beim Open in Bad Wörishofen 1985 Tony Miles auch über den damals noch Medizinstudenten Hans-Joerg Cordes sagen können, der als „Nobody“ in einem furiosen Königsangriff auf ihn eingestürmt war.
Hier ist schon ein Läuferskalpell auf g5 angesetzt und ein gewaltiges Schlachtross auf f5 in Operationsstellung gebracht. Doch sind beide bedroht, und es bedarf eines grandiosen Coups des Medikus in spe, um den zählebigen schwarzen Patienten ein Stück weiter auf dem erwünschten Weg vom Leben zum Tod zu befördern. Dieser musste froh sein, noch mit dem nackten Leben davonzukommen und vorerst nur einen Teil seiner Eingeweide (man blicke nach b7) herausseziert zu bekommen. Wie spielte Weiß?

Lösung:
Mit 1. De5+! bot der inzwischen wohlbestallte Dr. med. H. J. Cordes den schwarzen Bauern auch noch seine Dame zum Fraße an; dieser wäre jedoch schlecht bekommen, denn auf 1. ... fxe5 wäre das Matt 2. Sd6 gefolgt. Also blieb nur 1. ... Kf7, nach 2. Sd6+ Kg7 3. Sxb7 hatte Weiß aber einen guten Schritt vorwärts auf dem Weg zum Endsieg getan, wenn der Rest auch immer noch nicht einfach war (Weiß muss von seinem Überfluss nämlich wieder abgeben).
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