ArchivDeutsches Ärzteblatt13/2002Aktive Sterbehilfe: Ein Menschenrecht?

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Aktive Sterbehilfe: Ein Menschenrecht?

Dtsch Arztebl 2002; 99(13): A-813 / B-673 / C-629

Klinkhammer, Gisela

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LNSLNS Für die Richter des Europäischen Menschengerichtshofs in Straßburg geht es zurzeit um einen bisher einmaligen „Fall“: Eine todkranke Frau verlangt das Recht auf Sterbehilfe durch ihren Ehemann. Da die 43-Jährige nach Einschätzung der Ärzte nur noch wenige Wochen zu leben hat, ordnete der Gerichtshof ein Eilverfahren ein.
Diane Pretty leidet an einer amyotrophen Lateralsklerose (ALS). 1999 war die Krankheit bei ihr diagnostiziert worden. Daraufhin hatte sie die britischen Behörden darum gebeten, ihrem Mann Straffreiheit zu garantieren, wenn er ihr Sterbehilfe leiste. Der Antrag wurde im November abgelehnt. Wenn ihr Mann dem Wunsch seiner Frau nachkommt, drohen ihm in Großbritannien bis zu 14 Jahren Gefängnis. Der Kranken werde das zentrale Grundrecht verweigert, selbst über ihr Leben und ihren Körper zu entscheiden, argumentierte ihr Anwalt. Außerdem drohe der leidenden Frau ein „entsetzlicher und entwürdigender Tod“ durch Lungenentzündung und Ersticken. Dennoch verweigere ihr die britische Justiz ein humanes Sterben in Würde. Da Großbritannien zu den Unterzeichnern der Menschenrechtskonvention gehört, hat sich das Land verpflichtet, die Urteile des Straßburger Gerichtshofes umzusetzen. Damit ist auch eine Änderung des Gesetzes aus dem Jahr 1961 möglich, das aktive Sterbehilfe grundsätzlich verbietet.
Die Richter werden sich die Entscheidung nicht leicht machen, und auch die Öffentlichkeit sollte sich mit vorschnellen Urteilen zurückhalten. Zu Recht schreibt die Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin: „Die Not der Britin ist zweifellos ein schweres persönliches Schicksal, über das zu urteilen uns nicht ansteht.“ Die Argumentation von Prettys Anwalt lässt sich jedoch durchaus kritisieren. Denn aktuelle Forschungsergebnisse, auf die sich die Palliativmediziner beziehen, belegen, dass mehr als 90 Prozent der ALS-Patienten keineswegs einen qualvollen Tod durch Ersticken erleiden, sondern dass sie friedlich sterben und die Angehörigen palliativmedizinische Maßnahmen zu schätzen wissen. Doch häufig sind die Möglichkeiten einer guten Schmerztherapie und einer einfühlsamen psychotherapeutischen Begleitung noch nicht gegeben oder nicht bekannt. So sind in Deutschland palliativmedizinische Inhalte bisher weder im Medizinstudium noch in der Weiterbildung Pflicht. Gisela Klinkhammer
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