ArchivDeutsches Ärzteblatt13/2002Großbritannien: Offensive gegen die Wartelisten

POLITIK

Großbritannien: Offensive gegen die Wartelisten

Dtsch Arztebl 2002; 99(13): A-821 / B-681 / C-637

Thomas, Kurt

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NHS-Patientin auf dem Weg zur OP in Frankreich. Foto: Reuters
NHS-Patientin auf dem Weg zur OP in Frankreich.
Foto: Reuters
Staatliche britische Krankenhäuser wollen deutsche Ärzte einfliegen lassen, um ihre Wartelisten abzubauen. Zusätzlich sollen sich britische Patienten im Ausland behandeln lassen dürfen.

Britische Medien berichteten jüngst unter Berufung auf Informationen aus dem Londoner Ge­sund­heits­mi­nis­terium, Ge­sund­heits­mi­nis­ter Alan Milburn habe im Prinzip grünes Licht für den „Ärzte-Import“ aus Deutschland gegeben. „Es ist eine gute Idee, deutsche Mediziner nach Großbritannien zu holen, damit diese in staatlichen Krankenhäusern Patienten operieren können“, zitiert eine Zeitung einen Mitarbeiter des Ministeriums. In Großbritannien warten mehr als eine Million Patienten auf eine Operation. Die deutschen Ärzte sollen jeweils dann operieren, wenn die Operationssäle ungenutzt sind.
Dem Bericht zufolge verhandeln bereits verschiedene Gesundheitsverwaltungen des staatlichen britischen Gesundheitsdienstes mit deutschen Stellen. Das in der Nähe von Hamburg ansässige Unternehmen „German Medicine Net“ habe schon mehrere deutsche Fachärzte ausfindig gemacht, die bereit seien, in Großbritannien zu operieren. Allerdings müssen die ausländischen Ärzte beim britischen General Medical Council (GMC) registriert sein, bevor sie zum Skalpell greifen dürfen.
Die deutschen Ärzte sollen für jede Operation vom National Health Service (NHS) bezahlt werden. Das sei nicht teurer, als die Arbeit von britischen Fachärzten ausführen zu lassen. Presseberichten zufolge soll beispielsweise eine von deutschen Ärzten ausgeführte Katarakt-Operation zwischen 1 050 und 1 120 Euro kosten. Das sei in etwa so viel wie die Standard-NHS-Gebühr. In Großbritannien herrscht ein Ärztemangel, was zum Teil die langen Warteli-
sten erklärt. So geht die British Medical Association davon aus, dass mindestens drei Prozent aller Oberarzt-Stellen (Consultants) im NHS mangels Bewerbern nicht besetzt werden können. Das entspricht landesweit rund 670 Stellen.
Die politische Opposition und die britischen Ärzteverbände kritisierten den „Ärzte-Import“ aus Deutschland. Anstatt zum medizinischen Entwicklungsland zu verkommen, solle der NHS lieber mehr eigene Ärzte und Pfleger ausbilden. Es sei „eine nationale Schande“, dass Großbritannien gezwungen sei, Ärzte aus dem Ausland auf die Insel zu holen, so der gesundheitspolitische Sprecher der Konservativen, der Allgemeinarzt Dr. Liam Fox.
Das britische Ge­sund­heits­mi­nis­terium denkt derzeit offenbar ebenfalls darüber nach, regelmäßig Patienten zur Behandlung nach Frankreich zu schicken, weil im NHS die Kapazitäten fehlen. Eine Abordnung des französischen Ge­sund­heits­mi­nis­teriums hat in London bereits Gespräche über eine organisierte „Patientenverschickung“ nach Frankreich geführt. Die Nachrichtenagentur Reuters zitierte den französischen Ge­sund­heits­mi­nis­ter Bernard Kouchner mit den Worten: „Ich werde in London vorschlagen, bestimmte in Großbritannien auf eine Operation wartende Patienten in Frankreich zu operieren.“ Als Indikationen werden aus Ministeriumskreisen in London zunächst orthopädische Erkrankungen und Kataraktoperationen genannt.
Die französische Delegation spricht dem Vernehmen nach für 29 französische Kliniken. Zehn der Krankenhäuser seien Universitätskliniken, elf befänden sich in Paris. Ge­sund­heits­mi­nis­ter Milburn steht den Vorschlägen der Franzosen aufgeschlossen gegenüber. „Ich freue mich auf einen offenen Dialog und auf die Vorschläge, die uns unsere Nachbarn unterbreiten werden“, sagte der Minister vor Journalisten in London. Schon heute schickt Großbritannien vereinzelt NHS-Patienten per Eurostar-Zug nach Frankreich.
Im Königreich wächst der politische Druck, etwas gegen die langen Wartelisten zu unternehmen. Premierminister Tony Blair erklärte die Anwerbung von ausländischen Fachärzten zur Chefsache. Er berief kürzlich den renommierten Kardiochirurgen Prof. Sir Magdi Yacoub, um eine Einstellungsoffensive im Ausland zu starten. Der 66-Jährige leitet das „International Fellowship Scheme for the NHS“, das die Fachärzte nach Großbritannien locken soll. Nach Informationen der Tageszeitung „Times“ sollen ausländische Fachärzte „bis zu 68 500 Pfund jährlich“ für die Dauer von zwei Jahren verdienen können. Dazu kommen Beihilfen für Umzugskosten von „bis zu 50 000 Pfund“. Diese Zahlen wurden vom Ge­sund­heits­mi­nis­terium weder bestätigt noch dementiert.
Yacoub und sein Team sollen bereits im Frühling Stellenanzeigen in deutschen Medizinerzeitungen schalten, um für den Arbeitsplatz Großbritannien zu werben. Ähnliche Offensiven sollen in der Schweiz, in den USA, Neuseeland, Kanada, Australien, Griechenland, Irland, Dänemark, Holland und Schweden gestartet werden. Die Regierung Blair hofft, durch die Einstellungsoffensive die NHS-Wartelisten verkürzen zu können. Blair steht unter großem Druck, die staatliche Gesundheitsfürsorge zu verbessern. Kurt Thomas
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