ArchivDeutsches Ärzteblatt13/2002Aut-idem-Regelung: Unglückliche Umstände

POLITIK

Aut-idem-Regelung: Unglückliche Umstände

Dtsch Arztebl 2002; 99(13): A-822 / B-682 / C-638

Korzilius, Heike

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Foto: factum
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Ärzteverbände protestieren gegen die Umkehr der bisher geltenden Substitutionsregeln bei Arzneimittel-Verordnungen. Da die Vorarbeiten noch nicht erledigt seien, drohe das Chaos.

Handstreichartige Überrumpelung der deutschen Ärzteschaft“, „überfallartige Inkraftsetzung“, „Chaos im Gesundheitswesen“ – das In-Kraft-Treten des Arzneimittelausgaben-Begrenzungsgesetzes am 23. Februar hat heftige Reaktionen bei einigen Ärzteverbänden ausgelöst. Stein des Anstoßes ist die darin enthaltene generelle Aut-idem-Regelung. Sie verpflichtet den Apotheker, bei jeder Arzneimittel-Verordnung ein wirkstoffgleiches Präparat aus dem unteren Preisdrittel abzugeben, es sei denn, der Arzt hat dies ausdrücklich ausgeschlossen oder bereits selbst ein Medikament aus dem unteren Preisdrittel verordnet.
Es ist tatsächlich misslich, dass das Gesetz keine Übergangsfrist vorsieht, denn grundlegende Vorarbeiten sind noch nicht abgeschlossen (siehe DÄ, Heft 9/2002). So arbeitet der Bundes­aus­schuss der Ärzte und Krankenkassen noch an den Listen der austauschbaren Präparategruppen, die den Spitzenverbänden der Krankenkassen als Grundlage dienen sollen, um das untere Preisdrittel festzusetzen. Mit einer reibungslosen Anwendung der Aut-idem-Regelung rechnen die Beteiligten mithin erst ab Mitte dieses Jahres. Dennoch sollen die Apotheker nach dem Willen des Bundesministeriums für Gesundheit (BMG) bereits jetzt von der Aut-idem-Regelung Gebrauch machen, wenn eine preisgünstige Substitutionsmöglichkeit „eindeutig“ erkennbar ist – beispielsweise wenn der Arzt ein Originalpräparat verordnet hat.
Um das ihrer Ansicht nach drohende Chaos zu verhindern, haben einige Ärzteverbände zum Boykott der Regelung aufgerufen. Glaubt man den Verbänden, finden vor allem Rezept-Stempel, die aut idem ausschließen, reißenden Absatz. Für den Vorsitzenden des NAV-Virchow-Bundes, Dr. med. Maximilian Zollner, belegen die rund 2 000 Stempel, die der Verband bislang an niedergelassene Ärzte verschickt hat, die Verunsicherung der Kollegen. Er kündigte an, dass der NAV auch nach Beseitigung der derzeitigen Schwierigkeiten weiter Widerstand gegen die Neuregelung leisten werde. Zollner fürchtet vor allem um die Therapietreue der chronisch Kranken, wenn sie in der Apotheke häufig wechselnde Medikamentenpackungen erhalten. Auch sei die Haftungsfrage ungeklärt. Beide Kritikpunkte hatte die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) bereits im Gesetzgebungsverfahren angeführt – ohne Erfolg. Um die ärztliche Therapiehoheit zu wahren, ging der NAV bei seiner jüngsten außerordentlichen Haupt­ver­samm­lung sogar so weit, das Dispensierrecht für Ärzte zu fordern.
Mit einer Stempel-Aktion protestiert auch der Medi-Verbund gegen aut idem. 3 500 Stempel habe man bereits an Medi-Ärzte in Baden-Württemberg verschickt, aufgrund der großen Nachfrage seien weitere
3 000 in Auftrag gegeben worden. Mit den Rezeptaufdrucken will der Verbund für Klarheit bei Patienten und Apothekern sorgen. Seit dem 23. Februar hat sich nämlich auch die Bedeutung des Aut-idem-Kästchens auf den noch gültigen Rezeptvordrucken in sein Gegenteil verkehrt. Der Verbund bezweifelt zudem die vom BMG erhofften Einspareffekte. Die Pharmaindustrie werde ihre Preise so einstellen, dass das untere Preisdrittel möglichst hoch liege. Da dieses zurzeit noch nicht definiert sei, könnten die Apotheker die Aut-idem-Regelung nach eigenem Gutdünken umsetzen, befürchtet der Medi-Verbund. Mit dem Ausschluss von aut
idem könnten die Ärzte Preis und medizinische Qualität ihrer Verordnungen hingegen selbst bestimmen.
Einen Schritt weiter geht die Ärztegenossenschaft Schleswig-Holstein. Sie nutzt das aus ihrer Sicht „skandalöse“ Verfahren, um für das eigene Pharmavertriebsunternehmen zu werben. Die Genossenschaft rät allen Ärzten, Generika von Q-Pharm zu verordnen. Das sichere die Kontinuität der Behandlung, und die Verordnung liege garantiert im unteren Preisdrittel.
Nicht nur die Ärzte hat die neue Aut-idem-Regelung in Umtriebigkeit versetzt. Der Deutsche Generikaverband, dessen Mitgliedsunternehmen durch die Orientierung am unteren Preisdrittel um ihre Umsätze fürchten, hat eigens ein Rechtsgutachten zur Vollzugsfähigkeit der Aut-idem-Regelung eingeholt. Der Verfassungsrechtler Prof. Rüdiger Zuck kommt zu dem Schluss: Solange die im Gesetz festgelegten Grundlagen für die Umsetzung nicht gegeben sind, ist es nicht vollzugsfähig. Das heißt, die Apotheken dürfen nicht substituieren – eine Ansicht, die das BMG nicht teilt. Der Verband rät mithin den Ärzten, in jedem Fall das umgewidmete Aut-idem-Feld auf dem Rezept durchzukreuzen und damit die Substitution auszuschließen.
Andere Arzneimittelhersteller schreiben inzwischen fleißig Briefe an die Ärzte in der Hoffnung, den Absatz ihrer Originalpräparate zu sichern. Mit dem Hinweis darauf, dass aut idem zwar rechtskräftig, aber frühestens zum 1. Juli umsetzbar und legal sei, listet man dem Arzt die Vorteile auf, die der Ausschluss der Substitution bietet: Er sichere die ärztliche Therapiehoheit, vermeide bisher ungeklärte Haftungsfragen sowie unnötige Diskussionen mit den Patienten, die auch weiterhin ihre gewohnte und bewährte Medikation erhielten. Nicht zuletzt, so das Versprechen, stünden dem Arzt bei Präparatetreue weiterhin die Dienstleistungen und der Service des Unternehmens zur Verfügung.
Noch kein Trend erkennbar
Interessanterweise kündigen die Firmen gleichzeitig an, dass sie, wenn die Ausführungsbestimmungen vorliegen und das Gesetz umgesetzt werden kann, entsprechende Maßnahmen ergreifen werden, „um auch weiterhin die Abgabefähigkeit unserer Arzneimittel im Rahmen der Aut-idem-Regelung zu gewährleisten“ – sprich die Preise zu senken. Offenbar liegt das Bundesministerium für Gesundheit mit seinen Einsparerwartungen gar nicht so falsch.
Angesichts der Aufregung auf allen Seiten will das Ministerium mit einer Anzeigenkampagne über die Neuregelungen informieren. 240 000 Euro lässt man sich die Aktion kosten. Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Ulla Schmidt betonte in diesem Zusammenhang erneut: „Entscheidend ist der Wirkstoff, nicht der Name eines Medikamentes. Wenn zwei Medikamente dasselbe leisten, soll das günstigere Angebot zum Zuge kommen.“ Der Arzt könne aber selbstverständlich auch weiterhin ein konkretes Arzneimittel verordnen, wenn dies für den Patienten notwendig sei.
In welchem Umfang die neue Substitutionsregelung inzwischen in der Praxis angewendet wird, ist noch völlig unklar. Weder die ABDA – Bundesvereinigung der Apotherverbände noch die KBV verfügen über Zahlen oder Trendmeldungen. Dafür sei es noch zu früh, heißt es von beiden Seiten. Klar ist so viel, der derzeitige Wirbel dürfte ebensoviel zur Verunsicherung von Ärzten, Apothekern und Patienten beitragen wie die unglücklichen Umstände der Einführung selbst. Heike Korzilius
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