ArchivDeutsches Ärzteblatt13/2002Homöopathie: Die Nachfrage steigt

POLITIK: Medizinreport

Homöopathie: Die Nachfrage steigt

Dtsch Arztebl 2002; 99(13): A-831 / B-688 / C-644

Stadie, Vera

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Ein speziell für Kinder ausgerichteter Ratgeber stellt homöopathische Kombinationsmittel vor, welche die Selbstheilungskräfte des Organismus anregen: Annette Porcher-Spark: Moderne Homöopathie für kleine Patienten. Aurelia-Verlag, Baden-Baden, 2001, 136 Seiten, 40 Abbildungen, 13,19 €.
Ein speziell für Kinder ausgerichteter Ratgeber stellt homöopathische Kombinationsmittel vor, welche die Selbstheilungskräfte des Organismus anregen: Annette Porcher-Spark: Moderne Homöopathie für kleine Patienten. Aurelia-Verlag, Baden-Baden, 2001, 136 Seiten, 40 Abbildungen, 13,19 €.
Vor allem Eltern von Kindern mit chronischen Erkrankungen sind an dieser Alternative zur Schulmedizin interessiert.

Aufgrund fehlender Erfahrung und mangelnder intellektueller Auseinandersetzung begegnen viele Schulmediziner den homöopathisch arbeitenden Kollegen mit Hochmut“, meint Dr. Jürgen Borchert (Bremen) und bekennt: „Während meiner ersten Berufsjahre als Arzt habe ich selber verächtlich über die Homöopathie gedacht.“ Bei den Patienten aber wächst das Interesse an Homöopathie. Aus einer bundesweiten Umfrage der Gesellschaft für Konsum-, Markt- und Absatzforschung ging die 200 Jahre alte Methode als das beliebteste von zwölf zur Wahl gestellten alternativen Heilverfahren hervor.
Mehr als zwölf Prozent der Deutschen haben nach der Repräsentativumfrage schon eine homöopathische Behandlung in Anspruch genommen, und mehr als drei Viertel davon geben an, dass die Einnahme des homöopathischen Mittels zu einer nachhaltigen Verbesserung ihrer Beschwerden führte. Nach einer Umfrage des Marplan-Instituts möchten 72 Prozent der Deutschen mit homöopathischen Arzneimitteln behandelt werden. Auch Christoph Trapp, Sprecher des Deutschen Zentralvereins homöopathischer Ärzte (DZVhÄ), bestätigt: „Wir erhalten immer mehr Anfragen.“ Vor allem Eltern, deren Kinder unter Neurodermitis, Allergien und Asthma leiden, suchen Hilfe bei homöopathisch arbeitenden Ärzten. Bei diesen chronischen und rezidivierenden Erkrankungen erzielt die Homöopathie oft Heilerfolge, wo die Schulmedizin nicht weiterkommt.
Auch Dr. Horst Hauptmann (Augsburg) weiß aus 30-jähriger Erfahrung, dass bei jungen Patienten die Homöopathie oft besonders gut „anschlägt“. Hauptmann erläutert die Besonderheiten seiner Kinderarztpraxis: Nach dem Motto von Samuel Hahnemann, dem Begründer der Homöopathie: „Es gibt keine Krankheiten, nur Kranke“, reicht dem homöopathisch arbeitenden Pädiater die Diagnose Masern nicht. „Ich schaue mir an, was ist das für ein Kind? Ist es weinerlich? Ist es anhänglich oder eher abweisend?“, erklärt der Augsburger Kinderarzt. Bei einem an Masern erkrankten Kind kämen rund 20 verschiedene Mittel infrage.
Da es bei Kindern schwierig ist, die subjektiven Symptome zu erfragen, seien in der homöopathischen Pädiatrie die beobachteten Phänomene („Zeichen“) von besonderer Bedeutung, berichtete Hauptmann auf dem Kongress des Deutschen Zentralvereins homöopathischer Ärzte in Hamburg. „Ein Zeichen ist etwas, das ich sehen, hören, riechen oder tasten kann. Ich sehe den tiefen Riss in der Unterlippe, die Varizen auf den Tonsillen oder das Zupfen an Lippen und Nase; ich höre den bellenden Husten oder den Stridor laryngialis congenitus; ich rieche den aashaften foetor ex ore; ich taste die einseitige Kälte des Fußes.“
Auch im Krankenhaus machen Kinderärzte gute Erfahrungen mit Hahnemanns Methode. Im Dr. von Haunerschen Kinderspital der Universität München läuft seit April 1995 das Modellprojekt „Homöopathie in der Kinderheilkunde“. Seither ist ein homöopathisches Konsil auf den Stationen zur Selbstverständlichkeit geworden. „Eine begleitende homöopathische Therapie kann sowohl in den Ambulanzen als auch auf den Stationen eingesetzt werden, wenn die Indikation dazu ärztlich gestellt worden ist. Bei akuten Krankheiten erfolgt die Wahl des homöopathischen Arzneimittels aufgrund der aktuellen Lokalsymptome. Bei chronisch kranken Kindern wird eine ausführliche homöopathische Anamnese erhoben“, berichtet Dr. Sigrid Kruse (München).
Zur Dokumentation und für die Supervision wird eine kurze Videoaufnahme des Kindes gemacht. Anschließend erfolgt die homöopathische Arzneimittelfindung. Es werden einerseits akute Krankheiten und Störungen wie beispielsweise virale Infekte der oberen Luftwege, akute Magen-Darm-Infekte, Blähungskoliken bei Säuglingen, Unruhezustände bei Säuglingen und entwicklungsverzögerten Kindern homöopathisch behandelt.
Andererseits seien gerade die chronischen Krankheiten oft Anlass für eine homöopathische Behandlung, sagte Kruse. „Beispiel dafür sind Infektanfälligkeit, allergische Krankheiten wie Neurodermitis, Heuschnupfen und Asthma bronchiale, wiederkehrende Kopf- oder Bauchschmerzen ohne nachweisbare Ursache, häufig wiederkehrende Harnwegsinfektionen, Bettnässen, Krampfanfälle, Tic, Verhaltensstörungen oder die begleitende Therapie bei krebskranken Kindern.“ Nach fünf Jahren Modellprojekt habe sich gezeigt, dass es gute Möglichkeiten für eine homöopathische Begleittherapie in einer Universitätskinderklinik gibt.
Diese Offenheit ist nicht selbstverständlich, denn Kritiker behaupten, die Heilerfolge der Homöopathen würden nur auf Placebo-Effekten beruhen. Diverse randomisierte Studien haben jedoch mittlerweile gezeigt, dass eine homöopathische Behandlung dem Placebo-Effekt überlegen ist. Eine Studie von Reilly et al. (Lancet 1994; 344: 1601–1606) zeigte, dass die mit einer homöopathischen Präparation von Graspollen behandelten Patienten eine stärkere Verbesserung ihrer Pollinosis-Symptome zeigten als diejenigen, die ein Placebo bekommen hatten. In der klinischen Doppelblindstudie von Wiesenauer und Lüdtke (Phytomedicine 1995; 2,1: 3–6) war Galphima glauca bei der Behandlung der Pollinosis dem Placebo überlegen. Aabel behandelte Patienten, die unter Birkenpollenallergie leiden, mit dem homöopathischen Mittel Betula (British Homeopathic Journal 2000; 89: 161–168). Sie zeigten daraufhin seltener und weniger schwere Symptome als die Patienten, die Placebos erhalten hatten.
Auch im Vergleich mit anderen Medikamenten schneiden die homöopathischen Mittel gut ab. Das homöopathische Nasenspray ist für die Behandlung des Heuschnupfens genauso wirksam und gut verträglich wie die herkömmliche Therapie mit Chromoglicinsäure (Weiser et al.: Forsch Komplementärmed 1999; 6: 142–148). Und Taylor et al. veröffentlichten einen Aufsatz (BMJ 2000; 321: 471–476), nach dem bei Rhinitis allergica die homöopathische Behandlung eine deutliche signifikante und klinisch relevante Verbesserung des nasalen inspiratorischen Peak flow (nasal inspiratory peak flow) bewirkte
– etwa im gleichen Ausmaß, wie mit der topischen Anwendung von Steroiden zu erzielen ist.
Auch nach der 1997 von Linde veröffentlichten Meta-Analyse (Lancet 1997; 350: 834–843) weist ein Ergebnis größer als eins auf eine bessere Wirksamkeit der homöopathischen Therapie im Vergleich zu Placebo hin. In die statistische Analyse flossen 89 Studien ein, die Ergebnisse von mehr als 10 500 Patienten wurden ausgewertet. „Die Ergebnisse unserer Meta-Analyse sind nicht mit der Hypothese vereinbar, dass die klinische Wirksamkeit der Homöopathie vollständig auf den Placebo-Effekt zurückzuführen ist.“ Vera Stadie

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