ArchivDeutsches Ärzteblatt13/2002Multiple Sklerose: Entzündliche und degenerative Formen

POLITIK: Medizinreport

Multiple Sklerose: Entzündliche und degenerative Formen

Dtsch Arztebl 2002; 99(13): A-832 / B-689 / C-645

EB

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LNSLNS Die multiple Sklerose (MS) ist wahrscheinlich auf verschiedene Ursachen zurückzuführen und ihr Erscheinungsbild nur das phänomenologische Endprodukt dieser Vielfalt. Zu dieser Einschätzung kommt Prof. Wolfgang Brück vom Institut für Neuropathologie der Charité. Er hat in Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern aus Wien und Rochester/USA zeigen können, dass die Zerstörung der Markscheiden und der Nervenzellfortsätze zwei voneinander unabhängige Prozesse sind. Bisher nahm man an, dass die MS die Folge einer Autoimmunreaktion ist, bei der das Immunsystem sich gegen Bestandteile der Markscheide von Nervenzellen richtet und die Hüllsubstanz mehr oder weniger großflächig zerstört.
Die Wissenschaftler fanden nun heraus, dass Immunphänomene allein die MS nicht in ihrem ganzen Ausmaß erklären können. Die Zerstörung der Oligodendrozyten, welche die Markscheiden bilden, beruht auch auf Schäden oder Störungen im Stoffwechsel dieser Zellen. Diese Stoffwechselstörungen sind vermutlich auf Gendefekte zurückzuführen. Die Forscher haben anhand histopathologischer Untersuchungen auch nachweisen können, dass bei einer größeren Gruppe von Patienten die Zerstörungen an den Achsenzylindern der Nervenzellen, die in der Magnet-Resonanz-Tomographie als „schwarze Löcher“ erscheinen und eine schlechte Prognose anzeigen, als degenerative Vorgänge einzustufen sind.
Mit der Kenntnis unterschiedlicher Arten der multiplen Sklerose kommen auch gezieltere Therapien in den Blick, die den zugrunde liegenden Krankheitsmechanismus berücksichtigen – zumal Interferon als Immunpharmazeutikum nur bei etwa einem Drittel der Patienten wirksam ist. Bei den degenerativen Vorgängen, die antientzündlich nicht zu beeinflussen sind, wird man vermutlich versuchen, den Stoffwechsel der Oligodendrozyten zu verändern – zum Beispiel mit Wachstumsfaktoren. EB

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