ArchivDeutsches Ärzteblatt13/2002Patientenrechte: Gute Noten für Ärzte, aber organisatorische Defizite

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Patientenrechte: Gute Noten für Ärzte, aber organisatorische Defizite

Dtsch Arztebl 2002; 99(13): A-833 / B-692 / C-646

Wildner, Manfred

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LNSLNS Eine telefonische Befragung ergab: Viele Patientenrechte erscheinen Bürgern gut realisiert. Doch einige sind unbekannt.

Mit der Amsterdamer „Erklärung zur Förderung der Patientenrechte in Europa“ von 1994 forderte das Europäische Regionalbüro der Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) von den Mitgliedsstaaten, die Prinzipien einer menschenwürdigen Patientenversorgung im Gesundheitssystem umzusetzen. In dieser Erklärung wurden neben Menschenrechten auf Mitsprache, Respekt und Privatsphäre auch Rechte auf Information, Einverständnis (Autonomie), Vertraulichkeit, Pflege und Behandlung sowie Umsetzung der Patientenrechte artikuliert. Einerseits mehrten sich in der Folge in Politik und Gesundheitswesen Stimmen, diese Forderungen umzusetzen. Andererseits warnen insbesondere die Leistungserbringer im Gesundheitswesen vor einem „Zuviel“ an Patientenrechten.
Telefonische Befragung in vier Städten
Potenzielle Patienten wurden allerdings bisher kaum zur praktischen Umsetzung von Patientenrechten befragt. Gleichzeitig hat sich gezeigt, dass der Rechtsprechung auf europäischer Ebene auch im Bereich der Gesundheitsversorgung und der Sozialversicherungssysteme zunehmend Gewicht zukommt. Vor diesem Hintergrund wurden Anfang 2000 in vier deutschsprachigen europäischen Regionen deskriptive bevölkerungsbezogene Daten zur Umsetzung der in der WHO-Erklärung für Europa geforderten Patientenrechte über eine Telefonbefragung erhoben.
Im Februar und März 2000 wurde eine computergestützte telefonische Befragung in München, Dresden, Bern und Wien vorgenommen. Dafür wurde eine zufällige Stichprobe aus den aktuellen, verfügbaren Telefonnummern gezogen. Jede Nummer wurde bis zu fünf Mal angerufen. In die Studie eingeschlossen waren Personen zwischen 25 und 78 Jahren, wobei aus Gründen der Representativität jeweils das Mitglied des Haushalts interviewt wurde, das zuletzt Geburtstag hatte.
Insgesamt wurden 502 abgeschlossene Interviews mit einer durchschnittlichen Befragungsdauer von 20 Minuten durchgeführt (München 124, Wien 125, Bern 126 und Dresden 127). Die Antwortrate (bezogen auf den Zielpersonenkontakt) war typisch für Telefoninterviews und lag zwischen 43 Prozent in Dresden und 60 Prozent in Wien, wobei in allen vier Regionen mehr Frauen als Männer an der Befragung teilnahmen. Die Interviewten wurden gebeten, zu Aussagen wie „Ich fühle mich ausreichend über die mir verfügbaren Gesundheitsleistungen informiert“ mit „trifft zu“, „trifft nicht zu“ oder „weiß nicht“ Stellung zu nehmen. Der Erfüllungsgrad wurde als hoch betrachtet, wenn mindestens 80 Prozent der Befragten die Aussage mit „trifft zu“ beantworteten.
Viel Zustimmung, einige Lücken
- Menschenrechte und Werte im Gesundheitswesen: Im Hinblick auf Mitspracherecht und Selbstbestimmung bei medizinischer Behandlung im Gesundheitssystem war die Zustimmung groß. Etwa 80 Prozent der Befragten bejahten eine Erfüllung dieses Rechtes, knapp 90 Prozent eine Erfüllung des Rechtes auf respektvolle Behandlung und auf Respektierung persönlicher, moralischer und religiöser Überzeugungen. Fast alle gaben an, ihre Privatsphäre werde akzeptiert. In Bern und Wien bejahten die meisten Befragten einen ausreichenden Zugang zu Gesundheitsleistungen. In München waren es 72 Prozent, in Dresden 60 Prozent.
- Informationsrechte: Hohe Erfüllungsgrade bejahten die Bürger für die Bereiche Information in verständlicher Sprache und das Recht auf eine ärztliche Zweitmeinung. Unsicherheit bestand hinsichtlich des Rechts, nicht informiert zu werden, und hinsichtlich des Rechts, eine Vertrauensperson stellvertretend informieren zu lassen. Der in der Amsterdamer Erklärung formulierte Anspruch, Namen und Funktionen der behandelnden Ärzte und anderer beteiligter Fachberufe im Gesundheitswesen zu Beginn eines Kranken­haus­auf­enthalts zu erfahren, über die Regeln und Routinen informiert zu werden sowie eine schriftliche Zusammenfassung für den eigenen Gebrauch bei Entlassung zu erhalten, war häufig unbekannt oder wurde als nicht erfüllt betrachtet. Etwa jeder vierte Befragte sah sein Recht auf ausreichende Informationen zu Gesundheitsleistungen und zum eigenen Gesundheitszustand nicht erfüllt.
- Einverständnis: Fast alle Befragten bejahten die Erfüllung ihres Rechts auf Verweigerung medizinischer Maßnahmen und auf freiwillige Studienteilnahme. Unsicherheit bestand hinsichtlich des Rechts auf freiwillige Unterrichtsteilnahme (Studenten, Pflege und anderes) bei etwa jedem sechsten Befragten.
- Vertraulichkeit: Das Recht auf Datenschutz und auf Schutz der Intimsphäre bei Untersuchungen wurde von fast allen Befragten als erfüllt angesehen. Unsicherheiten bestanden bei etwa jedem Vierten in Dresden hinsichtlich seines Rechts auf Einsicht in die medizinischen Unterlagen, in erheblichem Maß aber auch bei den Angerufenen in den anderen Städten.
- Pflege und Behandlung: Die Erfüllung des Rechts auf menschliche Behandlung wurde von fast allen Befragten gleichmäßig über alle Studienregionen bejaht. Gleiches galt für das Recht auf freie Arztwahl und auf Kontakt zu Familie und Freunden während eines stationären Aufenthaltes. Unsicherheit bestand bei jedem dritten Befragten bezüglich der Informationsrechte (Recht auf Akteneinsicht, Recht auf ab-schließende Information zum Gesundheitszustand und den weiteren Behandlungsmaßnahmen bei Entlassung aus einer stationären Behandlung).
Defizite wurden hinsichtlich eines Ansprechpartners für die Koordinierung komplexer Behandlungsabläufe gesehen, bei der hauswirtschaftlichen und sozialen Betreuung nach stationärer Entlassung und bei der Erfüllung des Rechts auf ein würdiges Sterben und eine ausreichende Versorgung gegen Ende des Lebens. So betrachtete in München nur etwa jeder zweite Befragte das Recht auf Koordination durch einen Ansprechpartner oder das Recht auf würdiges Sterben als erfüllt. Die übrigen Befragten waren entweder unsicher hinsichtlich dieser Rechte oder verneinten deren Erfüllung.
- Umsetzung der Patientenrechte: Im Gegensatz zur Frage nach ausreichendem Zugang zu Gesundheitsleistungen wurde die Erfüllung des Rechts auf gleichen Zugang zu Gesundheitsleistungen von den meisten Befragten bejaht. Nur etwa 75 Prozent der Befragten gaben an, ausreichend über ihre Rechte im Gesundheitswesen informiert zu sein. In den deutschen Studienregionen meinte nur etwas mehr als die Hälfte der Befragten, dass ausreichend Protestmöglichkeiten im Gesundheitswesen gegeben seien. Etwa jeder fünfte Befragte war sich unsicher, ein weiteres Fünftel verneinte die Erfüllung dieses Rechts. Tendenziell waren die Ergebnisse zu dieser Frage in Wien und Bern etwas günstiger.

Literatur beim Verfasser

Priv.-Doz. Dr. Manfred Wildner, MPH
Bayerischer Forschungsverbund Public Health
Öffentliche Gesundheit der LMU München
Tegernseer Landstraße 243
82549 München
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