ArchivDeutsches Ärzteblatt13/2002Medizinstudium: Mitscherlich und Mielke – wer sind die?

THEMEN DER ZEIT

Medizinstudium: Mitscherlich und Mielke – wer sind die?

Dtsch Arztebl 2002; 99(13): A-834 / B-693 / C-647

Langkafel, Peter; Drewes, Timo; Müller, Sebastian

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LNSLNS Eine Umfrage* zeigt: Die Medizinstudierenden wissen nur
wenig über Ärzte und Medizin im Nationalsozialismus.

Mit einer repräsentativen Befragung sollten Wissen, Einstellungen und Motivation der Medizinstudierenden an der Charité, Medizinische Fakultät der Humboldt-Universität Berlin, zum Thema „Medizin und Nationalsozialismus“ erfragt werden. Die Ergebnisse zeigen: Die Studierenden wissen sehr wenig über Medizin im Nationalsozialismus. Im Medizinstudium fühlen sie sich hierzu unzureichend informiert. Gleichzeitig will eine große Mehrheit der Studierenden mehr über dieses Thema erfahren und hält die Auseinandersetzung damit für relevant für die spätere Tätigkeit als Arzt.
Befragt wurden repräsentativ 332 Humanmedizin-Studierende anhand eines Multiple-Choice-Fragebogens mit zumeist fünf Antwortmöglichkeiten. Der Fragebogen bestand aus insgesamt 35 Fragen – 12 Wissens- und 23 Einstellungsfragen. Es sollte ein akzeptiertes Basiswissen erfragt und nicht mit detaillierten Expertenfragen ein Problemfall künstlich generiert werden. Die Semesterzahl spielte bei den Antworten eine unbedeutende Rolle: Die Dauer des Studiums hatte keinen Einfluss auf die Auskünfte der Studierenden. Die Fragen lassen sich in folgende Komplexe einordnen:
– Allgemeinwissen zum Nationalsozialismus,
– Medizin und Nationalsozialismus,
– Medizingeschichte, Studium und die Charité,
– Einstellungen zu aktuellen, kontrovers diskutierten Themen,
– Motivation, sich dem Thema Medizin und Nationalsozialismus zu nähern.
Exemplarisch werden nachfolgend einige wichtige Ergebnisse vorgestellt. Alle acht Wissensfragen zu Medizin und Nationalsozialismus beantwortete keiner der Befragten richtig. Nur 13 Prozent der Befragten kannten den Organisationsgrad der Ärzte in der NSDAP, der bei mehr als 45 Prozent lag. Nur 11 Prozent der Befragten gaben bei einer ergänzenden Frage richtig an, dass der Organisationsgrad der Ärzte in der NSDAP im Vergleich zu anderen akademischen Gruppen deutlich höher war. Juristen und Lehrer waren zu jeweils etwa 20 Prozent Parteimitglieder. Das heißt, dass die Mediziner bei der NSDAP-Mitgliedschaft die absolute Spitzenposition innehatten.
Im „Nürnberger Ärzteprozess“ wurden 1946/47 einige der deutschen Ärzte, die an Menschenversuchen und Euthanasiemorden beteiligt waren, unter anderem wegen „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ angeklagt. Die Prozessdokumentation wurde von dem Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich und dem Studenten Fred Mielke verfasst. Hierzu wurde folgende Frage gestellt:
„Was verbindest du mit den Namen Mitscherlich und Mielke im Zusammenhang mit dem Thema Medizin im Nationalsozialismus?“
A Berühmte jüdische Direktoren der Kliniken für Neurologie und Psychiatrie an der Charité, die 1933/34 mit einem Berufsverbot belegt wurden.
B Ein deutscher Arzt und ein Medizinstudent, die als Beobachter bei dem Nürnberger Ärzteprozess 1947 zugelassen waren und später eine Prozessdokumentation verfassten.
C Zwei deutsche Ärzte, die im KZ Buchenwald Menschenversuche an Häftlingen vornahmen.
D Zwei deutsche Eugeniker am Kaiser-Wilhelm-Institut in Berlin, die in den 30er-Jahren maßgeblich an der Entwicklung der Rassenhygiene beteiligt waren.
E Die Namen sagen mir nichts.
Mehr Information erwünscht
Nur acht von 332 Studierenden wussten, dass der Psychoanalytiker Mitscherlich und der Medizinstudent Mielke Prozessbeobachter waren und später Verfasser der Prozessdokumentation „Medizin ohne Menschlichkeit“ wurden. Den Bericht von Mitscherlich/Mielke zum Nürnberger Ärzteprozess haben vermutlich viele Studierende vergangener Generationen gelesen, und sicherlich hat er einige in ihrer Sensibilität gegenüber medizinethischen Fragestellungen beeinflusst. Es ist frappierend, dass im Jahr 2001 nur 2,4 Prozent diese Namen richtig einordnen konnten. 13 Prozent der Befragten waren sogar der Meinung, dass es sich um zwei KZ-Ärzte in Buchenwald handele, 73 Prozent der Studierenden konnten mit den Namen gar nichts anfangen.
Eine Auseinandersetzung mit dem Thema „Medizin im Nationalsozialismus“ in der medizinischen Ausbildung halten 84 Prozent der Befragten für wichtig und relevant, da diese ihrer Meinung nach auch heute noch Bedeutung für die Tätigkeit als Arzt hat. Der Großteil der Studierenden fühlt sich darüber nicht ausreichend informiert. Fast alle Befragten (93 Prozent) wünschten sich, mehr zum Thema „Medizin und Nationalsozialismus“ zu erfahren.
Nicht nur ein Randthema
46 Prozent der Studierenden stimmten der Aussage, dass in Prüfungen Fragen zum Thema „Medizin und Nationalsozialismus“ gestellt werden sollten, völlig (18 Prozent) oder teilweise (28 Prozent) zu. 144 Studierende (42 Prozent) akzeptierten Prüfungen zu diesem Thema und halten gleichzeitig die Auseinandersetzung mit dem Thema für wichtig. Durch zusätzliche Angebote könnte eine freiwillige Auseinandersetzung initiiert oder erweitert werden. Dafür wäre es notwendig, dieses Thema stärker in das Regelcurriculum einzubeziehen und nicht nur als Randthema besonders Interessierten anzubieten. Das Thema könnte problemlos in existierende Kurse integriert werden.
In den Ergebnissen wird eine Ambivalenz offensichtlich: Zum einen möchte eine große Mehrheit mehr über die Medizin in der NS-Zeit wissen und findet es wichtig, sich als zukünftiger Arzt damit auseinander zu setzen. Zum anderen werden die wenigen von der Fakultät angebotenen Veranstaltungen zu diesem Thema in der Regel schlecht besucht. Anscheinend reicht der inneruniversitäre Ansatz, zu informieren, nicht aus.
Dem formulierten Bedürfnis der Studierenden nach Auseinandersetzung mit medizinethischen Themen wird die Fakultät also in nur geringem Maße gerecht. Die Argumente gegen eine intensivere Auseinandersetzung mit der Medizingeschichte im Nationalsozialismus – die in Grenzbereiche der Geschichte, der Philosophie, der Ethik vordringt – sind häufig folgende:
– Die Studierenden hätten kein Interesse an einer Auseinandersetzung.
– Die Studierenden wüssten schon (aus der Schule, dem Elternhaus) genug zu diesem Thema.
Die Ergebnisse dieser Studie widersprechen diesen Einschätzungen. Geschichte zur Medizin im Nationalsozialismus sollte nicht in der historischen Schublade langsam verstauben. Aktuelle Diskussionen, etwa zur „Euthanasie“ oder zur Verwendung von „Stammzellen“, sollten Medizinstudierende auch im historischen Kontext verstehen lernen.

Peter Langkafel
Timo Drewes
Sebastian Müller
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