ArchivDeutsches Ärzteblatt13/2002Schach und Medizin: „Im Allgemeinen erlaubt...“

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Schach und Medizin: „Im Allgemeinen erlaubt...“

Dtsch Arztebl 2002; 99(13): A-838 / B-695 / C-649

Pfleger, Helmut

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Erste ärztliche Hinweise auf das Schachspiel gehen in Europa bis ins 12. Jahrhundert zurück. Auch heute noch übt das „Spiel der Könige“ auf viele Ärzte eine große Anziehung aus. Dr. med. Helmut Pfleger, Internist und Internationaler Schachgroßmeister, über das Faszinosum Schach.

Die Anfänge des Schachs verlieren sich in Mythen und Legenden. So heißt es, das Schachspiel sei erfunden worden, um eine unsäglich trauernde indische Königin über den Tod ihres Sohnes hinwegzutrösten. Aber auch, um Amel-Marduk, der seinen Vater Nebukadnezar in dreihundert Teile zerstückelte, von seinem Wahnsinn zu heilen. Also ein symbolhaftes Durchspielen der grausigen Realität.
Sicher ist es in seinen vermutlich indischen Ursprüngen ein Analogon des Krieges, in dem zwei Schlachtreihen aufeinander prallen: mit den Bauern als Infanterie, den Türmen als Kriegselefanten, den Springern als Kavallerie und den Läufern als Boten. Im friedlichen Wettstreit des Spiels kann so die todbringende Aggression sublimiert werden. Nur – Ambivalenz und Konflikthaftigkeit alles Irdischen – können so die Kriegszüge auch spielerisch eingeübt werden. Der (übrigens lausige) Schachspieler Napoleon soll am Vorabend einer Schlacht beim Schachspiel gesagt haben: „Die Figuren sind aufgestellt. Die Schlacht kann beginnen.“
Von der Spielbesessenheit der Inder berichtet der arabische Historiker al-Masudi um das Jahr 1000 in einer Reisebeschreibung. Ihm zufolge wurde um Geld und mit großer Leidenschaft gespielt. Habe ein Spieler alles verloren, könne es vorkommen, dass er seine Glieder aufs Spiel setzt. In diesem Fall werde in einem kleinen Gefäß eine Salbe gekocht, welche die Wunden heilen und das Blut stillen soll.
Eine erste ärztliche Stellungnahme stammt von Ibn Masawaihi, dem Leibarzt des Kalifen Harun al Rashid, der von diesem gefragt wurde, ob das Schachspiel auch während einer Krankheit empfehlenswert sei. Er antwortete, dass es im Allgemeinen erlaubt und nur in besonderen Fällen nicht ratsam sei.
In Arabien und Persien war das Schachspiel sehr populär, musste sich aber von Anfang an auch immer wieder gegen die Anfeindungen des islamischen Klerus (ähnlich wie später in Europa des christlichen) wehren. „Ach du“, schleudert Ibn ul Mutâzz einem Kritiker entgegen, „der du so zynisch und spöttisch das Schachspiel tadelst, wisse, warum wir es lieben: In ihm ist Geschick nichts als Wissen, es besänftigt den Liebenden, den die Eifersucht zerreißt, es unterweist die Krieger in ihrer Kunst und ist da, wann immer wir es brauchen. Es lindert den Schmerz, es hält ab den Trinker vom Exzess, und droht uns Gefahr, bedrückt uns die Angst, so ist es ein Freund in unserer Einsamkeit.“
Sklaven und Kalifensöhne
Gespielt wurde Schach von Sklaven ebenso wie von Kalifensöhnen, von Frauen ebenso wie von Männern. Der persische Weise Omar Khayam sagt: „Welt ist ein Schachbrett, Tag und Nacht geschrägt, wo Schicksal Menschen hin und her bewegt, sie durcheinander schiebt, Schach bietet, schlägt und nacheinander in die Schachtel legt.“
In Europa gehen ärztliche Hinweise auf das Schachspiel bis ins 12. Jahrhundert zurück. Moses Sefardi von Huesca, der Arzt des Königs Alfons I. von Aragon, empfiehlt in seiner „Disciplina clericalis“ – in der deutschen Übersetzung mit dem schönen Titel „Die Kunst, vernünftig zu leben“ – Schach für die Erziehung junger Edler. Es zählt zu den „sieben ritterlichen Fähigkeiten“ wie das Reiten, Schwimmen, Bogenschießen, Boxen, Jagen und Versemachen. Es hemmt die Affekte und trägt bei zur Tugend der circumstatio. Alfons X. der Weise schrieb 1283: „Schach bietet dem Menschen Zerstreuung, wenn Kummer und Schmerz ihn zu übermannen drohen.“
Im Schachtraktat des Dominikanerpredigers Jakobus de Cessolis (Ende des 13. Jahrhunderts) wird die göttliche Ordnung anhand des Schachspiels illustriert. Insbesondere spricht er aber auch die Belehrung und Besserung der Könige und die Überwindung des Müßiggangs an. Das Schicksal des Königs hängt auch vom kleinen Bauern (übrigens entsprach der Damenbauer dem Arzt) ab, der ihn matt setzen kann. Das Traktat war damals nach der Bibel die meistverbreitete Schrift, das zeigt aber auch, wie populär das Schachspiel gewesen sein muss.
Am Rande der Schachmeisterschaft für Ärzte: Dr. med. Helmut Pfleger betrachtet die Ausstellungstafeln zum zehnjährigen Jubiläum des Ärzteturniers. Pfleger hat das erfolgreiche Turnier gemeinsam mit dem Deutschen Ärzteblatt ins Leben gerufen. Foto: Josef Maus
Am Rande der Schachmeisterschaft für Ärzte: Dr. med. Helmut Pfleger betrachtet die Ausstellungstafeln zum zehnjährigen Jubiläum des Ärzteturniers. Pfleger hat das erfolgreiche Turnier gemeinsam mit dem Deutschen Ärzteblatt ins Leben gerufen. Foto: Josef Maus
So wollte der Cessolis-Verehrer Meister Ingold gerade hochmütige Menschen mit Schachspielen von ihrem Laster heilen. Andere Todsünden wollte er allerdings mit anderen Spielen bekämpfen: Gegen die Fresssucht wirkt das Damespiel heilsam, während man mit Kartenspielen der Geilheit zu Leibe rücken kann. Mit Würfeln wird der Geiz gelockert, Schießen duldet keinen Zorn. Das Harfenspiel vertreibt Hass und Neid, Faulheit wird beim Tanzen geheilt. Wenn da manchmal nicht der Teufel mit dem Beelzebub ausgetrieben wurde!
Kardinal Damiani empört sich 1061 in einem Brief an Papst Alexander II. über den Bischof von Florenz, der in der Schenke Schach gespielt und so die Hand, die den Leib des Herrn darbietet, durch Befleckung in einer schändlichen Kurzweil entehrt habe. Als Buße musste dieser Psalter beten und die Füße von zwölf Armen waschen.
Entsprechend meint der auch durch seine Beiträge zur Medizin berühmte Maimonides (1155 bis 1204), dass eingefleischte Schachspieler unwürdig seien, als glaubhaft vor Gericht anerkannt zu werden. Der heilige Bernhard von Clairvaux ächtete und verbot Schach gar als „fleischliches Vergnügen“, andererseits hatte der selbst Schach spielende Papst Innozenz III. wiederum mehr Verständnis für der Schachspieler fleischliche Schwächen und Verstrickungen: „Wenn jemand Schach spielt und infolgedessen streitet und seinen Gegner tötet, soll solcher Totschlag als zufällig und nicht vorsätzlich angesehen werden.“
Seit jeher haben sich die Schachspieler Gedanken über die Beweggründe ihres Tuns gemacht. Sicher ist es mehr als der Kitzel des Gewinnens und Verlierens, den man genauso beim Domino oder „Mensch ärgere dich nicht“ findet. Ist es bei dem bei Frauen eher weniger beliebten Spiel das Wiedererleben des ödipalen Dreiecks, in dem der (männliche) Spieler mithilfe der mächtigen Dame (Mutter) den feindlichen König (Vater) bezwingen und sich dennoch gleichzeitig im allmenschlichen Zwiespalt mit dem eigenen König identifizieren kann? Ohne Schuldgefühle und tiefe Ängste, weil das Ganze unbewusst abläuft, mit ähnlicher Faszination wie beim Märchen für ein Kind, in dem König, Königin und Prinzen seinen Familienroman symbolisieren.
In der Großen Heidelberger Liederhandschrift aus dem 14. Jahrhundert sind die Dichter jeweils durch ein Autorenbild repräsentiert: Markgraf Otto IV. von Brandenburg sitzt zusammen mit seiner Dame beim Schachspiel. Abbildung: Verlagshaus Stuttgart
In der Großen Heidelberger Liederhandschrift aus dem 14. Jahrhundert sind die Dichter jeweils durch ein Autorenbild repräsentiert: Markgraf Otto IV. von Brandenburg sitzt zusammen mit seiner Dame beim Schachspiel. Abbildung: Verlagshaus Stuttgart
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Ist es die Freude am eigenen Intellekt in diesem „Probierstein des Gehirns“ (Goethe)? Ist es die Ohnmacht über den allgegenwärtigen Schatten des Todes und das vorgegebene Schachmatt? Was anzunehmen dem Menschen schwer fällt. „Entsetzt durch die Grundlosigkeit seiner Geworfenheit, verärgert durch die Uneinsichtigkeit der Wirklichkeit, bestürzt durch den hohen Zufall des Todes, sucht der Schachspieler eine Welt, in der er selbst der Grund seines Handelns ist, ein Spiel, das einsichtig ist und keinen Zufall kennt. Es ist der unsägliche Widerwille, der ihn in ein anderes Universum treibt, während das Leben weinend zurückbleibt. So ist das Schachspiel zu dem geworden, was es ist: ein Ritual, von dem die geschriebene Geschichte mehr als tausend Jahre zurückgeht – Kunst, Wissenschaft und Gottesdienst zugleich“ (Jan Hein Donner, holländischer Großmeister).
Schon immer wurde Schach als Heilmittel empfohlen. Es mutet uns heute eher seltsam an, wenn die arabischen Ärzte mit speziell verschriebenen Spielstilen den Charakter beeinflussen und Krankheiten heilen wollten. Zum Beispiel sollten Melancholiker durchgeplanten Strategien folgen, während sich Phlegmatiker vor allem Schematismus zu hüten hatten.
Doch wird aus der Menninger-Klinik in den USA berichtet, wie schwere Kontaktstörungen nicht zuletzt durch Schach überwunden werden konnten, ähnlich in einem Wohnheim für psychisch Kranke in München. Strafgefangene, die Schach spielten, waren nach der Entlassung friedfertiger als andere und neigten weniger zu Rückfällen. Durch das unverbindliche Medium Schach als Brücke kann man miteinander in Kontakt treten, ohne unmittelbar überfordert zu sein. Auch geschützt durch den optimalen Abstand von circa einem Meter zwischen den Gegnern (Partnern), nicht zu nah und nicht zu weit auseinander zugleich.
Mehr als müßige Unterhaltung
Auf sublimierte Weise können wir im Schachspiel aggressive Konflikte aus- und so zur inneren Homöostase beitragen, gleichzeitig aber auch an einer Art „Unio mystica“ mit Königen und Königinnen teilhaben. So mag auch Francis Bacon zu verstehen sein: „Es gibt keinen besseren Ausweg von den Übeln des Lebens als eine Partie Schach.“
Die Staatsmänner Benjamin Franklin und Richard von Weizsäcker sind sich nahezu wortwörtlich einig, dass das Schachspiel nicht bloß eine müßige Unterhaltung ist, sondern verschiedene, sehr nützliche Eigenschaften des Geistes dadurch erworben und gekräftigt werden können, die auch bei der Bewältigung von anderen Anforderungen im Leben von Nutzen sind.
Andererseits kann Schach im Übermaß sich auch nachteilig auswirken, wie vieles andere zur Abhängigkeit, ja Sucht werden. Kasparow und Kramnik sagten mir übereinstimmend, dass professionelles Spitzenschach gesundheitsschädlich sei, Spassky ist überzeugt, dass jedes Jahr als Weltmeister die Lebenserwartung verringere (vielleicht ist dies ja identisch mit der Profession des Arztes?!). Nur noch Historie und dennoch nach wie vor gültig die Beschreibung einer Partie mit Bobby Fischer (gegen den er 1972 seinen WM-Titel verlor): „Wir waren in der fünften Stunde. Fischer war verloren, vernichtet, ohne Chance. Ich wusste es, und er wusste es auch. Aber er saß bloß da, fast eine Stunde. Er rechnete, rechnete und rechnete. Tief im Innern jedoch schrie er. Er war totenbleich, aber in ihm raste ein Starkstrom von einer Million Volt. Ich konnte spüren, wie dieser Strom über das Brett gegen mich prallte und dann zurückschlug. Am Ende schrie ich selber innerlich! Wenn man eine Schachpartie gegen Bobby Fischer spielt, ist es nicht nur eine Frage von Sieg oder Niederlage – das nackte Überleben scheint auf dem Spiel zu stehen!“ Dr. med. Helmut Pfleger

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