ArchivDeutsches Ärzteblatt13/2002Schach im Grenzbereich: „Bin ich blind, oder was?“

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Schach im Grenzbereich: „Bin ich blind, oder was?“

Dtsch Arztebl 2002; 99(13): A-841 / B-698 / C-652

Werner, Helmut

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Vlastimil Hort: „Die Ärzte spielen so schön Schach. Wahrscheinlich ist er genial, mein Gegner.“ Foto: Helmut Werner
Vlastimil Hort: „Die Ärzte spielen so schön Schach. Wahrscheinlich ist er genial, mein Gegner.“ Foto: Helmut Werner
Als Vlastimil Hort, der bereits 1977 in Reykjavik einen Weltrekord im Simultanschach aufgestellt hatte, die Augenbinde umlegte und an einem separaten Tisch Platz nahm (seine acht Gegner im Rücken), war dies seine erste Begegnung mit und gegen Schach spielende Ärzte – und nun konnte er sie optisch nicht einmal wahrnehmen! Der Internationale Großmeister (IGM) spielte an allen Brettern mit Weiß; sein „Assistent“ Dr. Pfleger (IGM) nannte ihm den Zug des Gegners und führte den Zug Horts aus. Hort, der sich, um jede Ablenkung zu vermeiden, bis kurz vor Beginn der Blindsimultan-Veranstaltung in sein Hotelzimmer zurückgezogen hatte, begann hochkonzentriert. In der Eröffnungsphase spielte er souverän und fehlerfrei, schaffte so die Grundlage für ein letztlich überragendes Endergebnis.
Die Skepsis so mancher Spieler und Beobachter („Das kann der Hort über die gesamte Spielzeit nicht durchhalten.“) erwies sich als Trugschluss, ja, man hatte den Eindruck, mit fortschreitender Spieldauer und zunehmender mentaler Belastung wurde er immer lockerer, vor allem, als ihm klar wurde, dass keiner seiner Gegner eine echte Siegchance hatte. Herrlich seine Kommentare und Analysen während der Partien. Hier einige Kostproben: „Helmut (Adressat: Dr. Pfleger), da muss was sein, ich sehe nichts, bin ich blind, oder was?“ – „Soll ich Münze werfen? Rochiere ich kurz oder lang? Vlastel, mach was! Helmut, ich mache lange Rochade!“ – „Er ist zufrieden und er lacht. Er will opfern, kann ich ihm aber nicht empfehlen!“ – „Das habe ich befürchtet! Die Ärzte spielen so schön Schach. Wahrscheinlich ist er genial, mein Gegner. Weißt du, Helmut, die Ärzte, das ist so ein Volk, die sind sehr zäh.“
Als nach zwei Stunden der erste Gegner den aussichtslosen Kampf aufgab, „betete“ ihm der tschechische Großmeister mit deutschem Pass (1991 gewann er die erste Landesmeisterschaft des wiedervereinigten Deutschland) die gesamte Notation der Partie herunter, begründete, warum sein Gegner zu Recht „das Handtuch geworfen“ hatte und bedankte sich bei ihm. Schon während der Partien hatte er gelegentlich zur eigenen Kontrolle die verbliebenen Figuren laut memoriert (zweimal befand er sich dabei auf dem falschen Brett und musste von Pfleger korrigiert werden – „Vlastimil, du spielst Brett drei!“). – Gegen Mitternacht, nach vier Stunden mentaler Höchstleistung, als der sechste Gegner aufgab (zwei Ärzte remisierten), Gegner und Zuschauer noch ungläubig und staunend verharrten, Vlastimil Hort die Augenbinde abnahm und der nicht enden wollende Beifall einsetzte, hatten Spieler und Beobachter das Glanzlicht in zehn Jahren Ärzteschach miterlebt. In Deutschland gibt es nicht einmal eine Hand voll Spieler, die zu solch außergewöhnlichen Leistungen fähig sind. Einer von ihnen hatte an diesem unvergesslichen Abend seine Leistungsfähigkeit eindrucksvoll demonstriert. Helmut Werner
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