ArchivDeutsches Ärzteblatt13/2002Stammzellen: Scheinheiligkeit in der Diskussion

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Stammzellen: Scheinheiligkeit in der Diskussion

Dtsch Arztebl 2002; 99(13): A-845 / B-700 / C-654

Schilling, F.

Zur Diskussion über Stammzellforschung:
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LNSLNS Das Urteil des christlich geprägten Denkens ist eindeutig: Mit der Vereinigung der Geschlechtszellen beginnt menschliches Leben, das uneingeschänktes Existenzrecht besitzt und entsprechenden Schutz beansprucht . . . Dabei gilt bereits die befruchtete Zelle (die Zygote) als das selbstständige Subjekt der Unantastbarkeit, noch relativ abstrakt und frei von einem unmittelbar soziologischen oder psychologischen Umfeld, jedenfalls noch ohne emotionalen Bezug auf etwa mütterliche oder gar väterliche Ansprüche. Sehr eigentümlich aber muss es dann erscheinen, wenn man dieses anthropologisch „saubere“ Diskussionsmilieu mit jenem vergleicht, das vor einigen Jahren zur Ineffektivität jenes Gesetzes geführt hat, das dem Schutz des ungeborenen Lebens gegolten hat. Die dem angeblichen mütterlichen Recht und damit der weiblichen Emanzipation dienenden Forderungen unserer gleichen Gesellschaft hatten dem Embryo beziehungsweise dem Fötus gegenüber einen erstaunlich anderen Charakter, mit einer Gegensätzlichkeit, die paradox und unheimlich unlogisch erscheinen muss. Sieht es doch so aus, als würde in unserem moralischen Kollektivbewusstsein der eben gezeugte Mensch im Laufe der Embryogenese, also mit zunehmend individueller „Menschwerdung“, eben jene Unantastbarkeit verlieren, die seinem zygotischen Primärzustand soeben hoch und heilig zuerkannt wurde.
Das Motiv dieses Wandels unseres Rechtsempfindens ist die beherrschende Meinung, als würde mit der Ausreifung der Morula zum Embryo dieses interauterin zum Kind gewordene Leben in das Eigentum der es tragenden Mutter gehören oder übergehen . . . Weder der Zy-
got noch die Morula, noch der Embryo, noch der Fötus sind persönliches (sachliches oder körperliches) und damit verfügbares Eigentum der Mutter (ebenso wenig wie des Vaters). Dieser Irrtum ist die Quelle jenes existenziellen Fehldenkens, das der befruchteten Eizelle – noch fern von dem Wirklichkeitserlebnis der Umwelt – Unantastbarkeit zuspricht, dieses aber infrage stellt, wenn die embryonale Personenentwicklung mit zum Beispiel mütterlichen, also existenziell fremden Interessen kollidiert. Dieser Entscheidungszwiespalt sollte bewusst werden bezüglich der praktischen (wenn auch bedingten) Freigabe der menschlichen Frucht zur Abtreibung einerseits und der abstrakten Integritätserklärung der menschlichen Keimzelle andererseits. Die eine Denkweise ist ethisch unerlaubt, während die andere „scheinheilig“ ist, wenn sie vom gleichen Kopf gedacht wird . . .
Prof. Dr. med. F. Schilling, Rheumatologie, Universität Mainz, Hebbelstraße 20, 55127 Mainz
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