ArchivDeutsches Ärzteblatt13/2002Kongressbericht: Innovative Diagnostik und Therapie des kolorektalen Karzinoms

MEDIZIN

Kongressbericht: Innovative Diagnostik und Therapie des kolorektalen Karzinoms

Dtsch Arztebl 2002; 99(13): A-866 / B-718 / C-672

Mack, Martin G.; Balzer, Jörn O.; Vogl, Thomas

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Bösartige Neubildungen des Kolorektums stellen in Deutschland die häufigste Krebstodesursache noch vor Lungenkrebs und Brustkrebs dar. Mehr als 30 000 Menschen sterben jährlich an dieser Erkrankung. Circa 50 000 bis 52 000 Neuerkrankungen werden pro Jahr mit steigender Tendenz registriert. Hierüber wurde auf dem zweiten Frankfurter interdisziplinären Symposium für innovative Diagnostik und Therapie berichtet.
Das Vorkommen des kolorektalen Karzinoms hat sich von 1960 bis 1980 verdoppelt und stabilisiert sich auf hohem Niveau. Das Risiko, an einem kolorektalen Karzinom zu erkranken, beträgt für die Bundesbürger derzeit vier bis sechs Prozent. Ab dem 50. Lebensjahr verdoppeln sich Vorkommen und Mortalität mit jeder Lebensdekade, das heißt gerade wegen der steigenden Lebenserwartung in den letzten Jahren ist mit einem Anstieg der Krankheitsfälle zu rechnen. Die Gesamt- und Folgekosten liegen derzeit bei über 500 Millionen A pro Jahr. Weltweit gibt es bezüglich der Sterblichkeit durch Darmkrebs große Unterschiede; in Deutschland ist die Sterblichkeit infolge Darmkrebs deutlich höher als in den USA und in Japan.
Die Zahl der Darmkrebstoten ließe sich durch eine verbesserte Früherkennung drastisch reduzieren. Ein verstärktes Screening könnte die Darmkrebsmortalität halbieren; die Durchführung einer Koloskopie alle zehn Jahre könnte die Sterblichkeit sogar um 80 bis 90 Prozent senken. Risikopatienten mit positiver Familienanamnese für ein Adenom oder für einen Darmkrebs sowie Patienten mit familiärer adenomatöser Polyposis (FAP), hereditärem, nichtpolypösem kolorektalen Karzinom (HNPCC) oder chronisch entzündlichen Darm­er­krank­ungen sollten früher und engmaschiger überwacht werden. Um eine höhere Teilnehmerrate an der Darm­krebs­früh­erken­nung als Voraussetzung für eine Senkung der Sterblichkeit zu erzielen, ist es wichtig, bei der Bevölkerung ein entsprechendes Bewusstsein hervorzurufen. Insbesondere die Weiterentwicklung von diagnostischen Techniken ermöglicht die frühzeitige Erfassung des Tumors. Neue Ergebnisse deuten darauf hin, dass auch mit der Mehrzeilendetektor-CT ein kolorektales Screening möglich ist.
Im Rahmen der Diagnostik des Primärtumors stellte Dieter Hölzel, München, die epidemiologischen Grundlagen des kolorektalen Karzinoms und deren Anwendung auf Screeningverfahren vor. Hölzel betont, dass bei steigender Inzidenz des Karzinoms durch Screening eine signifikante Verbesserung der Überlebensraten erzielt werden könnte. Die Vertreter der gastroenterologischen Disziplin, Wolfgang Caspary, Frankfurt, Christian Ell, Wiesbaden, und Bertram Wiedemann, Berlin, definierten einhellig die Koloskopie als den derzeitigen Goldstandard der Diagnostik, mit dem Ausblick auf neue Techniken wie der Chromoendoskopie und der Kohärenztomographie. Die jetzige klinische Wertigkeit der neuen Verfahren wurde
allerdings kontrovers diskutiert. Die Rolle der virtuellen Koloskopie, auch als Kolonographie bezeichnet, wurde anhand neuester Ergebnisse mit Sensitivitäten von 82 bis 87 Prozent und einer Spezifität von 91 Prozent von Patrik Rogalla, Berlin, und Wolfgang Luboldt, Frankfurt, präsentiert. Den Vorteilen der hohen Patientenakzeptanz wurden die Nachteile, wie die eingeschränkte Detektion von Polypen < 6 mm sowie von flachen Ulzerationen, gegenübergestellt. Die im Magnetresonanztomographen (MRT) durchzuführende virtuelle Koloskopie (MR-Kolonographie) könnte in naher Zukunft die Detektion von Polypen weiter verbessern. Paul Lubecki, AOK, als Vertreter der Krankenkassen, stellte dabei die baldige Einführung eines deutschlandweiten Screeningprogammes unter Einsatz der Koloskopie in Aussicht.
Therapie bei Metastasierung
Richard Baum, Bad Berka, wies auf die zentrale Rolle der Positronen­emissions­tomo­graphie (PET) für die Differenzierung von Narbe und Rezidivtumor beim Rektumkarzinom hin. Hier konnten verbesserte Daten für die Sensitivität und Spezifität im Vergleich zur klinischen Diagnostik präsentiert werden.
60 Prozent der Patienten entwickeln im Laufe ihrer Erkrankung Metastasen, wobei jährlich viele Betroffene an der Metastasierung versterben. Die Metastasenbehandlung muss neben der rein chirurgischen Therapie insbesondere auch zunehmend von den modernen minimalinvasiven Behandlungsmodalitäten sowie den adjuvanten und neoadjuvanten Chemotherapiestudien berücksichtigt werden.
Die Metastasierung in Leber und Lunge stellt für den Patienten mit kolorektalem Karzinom einen entscheidenden Prognosefaktor dar. Basierend auf den Leitlinien der Deutschen Krebsgesellschaft stellte Wolfgang Junginger, Mainz, die hohen Anforderungen an die Diagnostik und Therapie von Lebermetastasen heraus. Es bestand Konsens darin, dass für den Einsatz kontrastverstärkter Schnittbildverfahren wie der CT und der MRT eine höhere diagnostische Sicherheit besteht.
Die Therapie von Lebermetastasen wurde streng nach kurativer und palliativer Intention differenziert. Der invasiven Resektion von Lebermetastasen als Goldstandard wurde das minimalinvasive Verfahren der laserinduzierten Thermotherapie (LITT) gegenübergestellt und die neuesten Ergebnisse von Martin Mack, Frankfurt, diskutiert. Die Radiofrequenzablation mit einer deutlich höheren Lokalrezidivrate stellte Luigi Solbiati, Italien, vor. Neoadjuvante Protokolle erweitern durch so genanntes „Downsizing/-staging“ mittels gezielt lokaler Chemotherapie (Chemoembolisation) das Indikationsspektrum für nachfolgende lokale Ablationen (LITT) erläuterte Thomas Vogl, Frankfurt.
Prävention, Screening und minimalinvasive Therapieformen sind die großen Schlagworte der nächsten Jahre in der Gesundheitspolitik. Prävention ist nicht allein als ein medizinisches Problem anzusehen, sondern als Aufgabe, der sich die gesamte Gesellschaft zum eigenen Wohl stellen muss. Dabei ist die Politik gefragt, die mit entsprechender Gesetzgebung den Boden nicht nur für die Präventivmaßnahmen, sondern auch für die innovativen Diagnose- und Therapieformen zum Wohle der Betroffenen bereiten muss.

Anschrift für die Verfasser:
Prof. Dr. med. Thomas Vogl
Institut für Diagnostische und
Interventionelle Radiologie
Universitätsklinikum, Universität Frankfurt
Theodor-Stern-Kai 7
60590 Frankfurt

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema