ArchivDeutsches Ärzteblatt14/2002KV-Opposition „Einfache Antworten auf die Probleme“

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KV-Opposition „Einfache Antworten auf die Probleme“

Richter, Eva A.

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Der Vorsitzende der Vertragsärztlichen Bundesvereinigung, Dr. med. Joachim F. Treppmann, will die Struktur des Gesundheitssystems komplett ändern. Die Kassenärztlichen Vereinigungen und die Gesetzliche Kran­ken­ver­siche­rung sollen nach seiner Ansicht abgeschafft werden. Foto: Johannes Aevermann
Der Vorsitzende der Vertragsärztlichen Bundesvereinigung, Dr. med. Joachim F. Treppmann, will die Struktur des Gesundheitssystems komplett ändern. Die Kassenärztlichen Vereinigungen und die Gesetzliche Kran­ken­ver­siche­rung sollen nach seiner Ansicht abgeschafft werden. Foto: Johannes Aevermann
Die Vertragsärztlichen Vereinigungen plädieren für
Kostenerstattung, Selbstverantwortung und soziale Sicherheit. Das Gesundheitssystem soll umgekrempelt werden.

Eine „Totaloperation“ hat die Vertragsärztliche Bundesvereinigung (VBV) für das deutsche Gesundheitswesen vorgesehen. „Das System der gesetzlichen Krankenkassen und der von ihnen zugelassenen Kassenärzte hat sich überlebt“, sagte Dr. med. Joachim F. Treppmann, Vorsitzender der VBV, auf deren erstem von knapp 100 Teilnehmern besuchten Symposium am 22. und 23. März in Berlin. Das bestehende System passe weder in die Zeit noch in die Gesellschaft. Es könne weder reformiert noch saniert, sondern nur noch neu konzipiert werden.
Kostenerstattung, Selbstverantwortung und soziale Sicherheit – dies sind die Säulen, auf denen die Vertragsärztliche Bundesvereinigung die Zukunft der Arzt-Patient-Beziehung ruhen sieht. Bereits seit Jahren wirbt die Dachorganisation der 16 regional organisierten und oppositionell ausgerichteten Vertragsärzlichen Vereinigungen für die freie Marktwirtschaft im Gesundheitswesen. Die Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) hält der VBV für überflüssig. „Wir wollen die KVen nicht abschaffen“, erklärte Treppmann, „sie werden sich in ihrer Dysfunktion selbst auflösen“. Voraussetzung für ein „Wirtschafts- und Beschäftigungswunder“ im Gesundheitswesen ist nach Auffassung der VBV die Beendigung der „staatsbürokratischen Lenkung und Knebelung“. Dazu müssten die Gesetzliche Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) und ihre Erfüllungsgehilfen, die Kassenärztlichen Vereinigungen, ihre Funktionen verlieren.
Ihre Vision für ein neues Gesundheitswesen in Deutschland hat die Vertragsärztliche Bundesvereinigung in einem Manifest dargestellt. Erarbeitet hat dieses Prof. Dr. Wilhelm Hankel. Für die Probleme im deutschen Gesundheitswesen gäbe es eine einfache Antwort: die Abschaffung der Pflichtversicherungsgrenze. Aus staatlich gelenkter Gesundheitsbürokratie müsse ein freier, aber dennoch staatlich überwachter Gesundheitsmarkt werden, in dem soziale Komponenten eingebaut seien. Die GKV kommt in diesem System nicht mehr vor. Es soll nur noch den privat versicherten Patienten, für den jedoch eine allgemeine Kran­ken­ver­siche­rungspflicht mit Mindestgrenzen, geben – vergleichbar einer Kfz-Haftpflichtversicherung. Familienfreundliche Tarife und ein „Sozialkrankenschein“ sollen für soziale Sicherheit sorgen. Der Kassenarzt wird nach den Vorstellungen Hankels und der VBV abgeschafft. Der Arzt bietet seine Leistung auf dem freien Markt im Wettbewerb mit seinen Kollegen an und wird marktgerecht honoriert. Die Arbeitgeber sollen dem Manifest der VBV zufolge weiterhin 50 Prozent der Krankenkassenkosten ihrer Mitarbeiter finanzieren, um das marktwirtschaftlich orientierte Gesundheitssystem sozial abzufedern.
Rückenwind erhielt die VBV von Guido Westerwelle, dem Bundesvorsitzenden der FDP. Während Wolfgang Lohmann, Gesundheitspolitiker der CDU, der Horst Seehofer vertrat, nur eine Modernisierung und Flexibilisierung des solidarischen Kran­ken­ver­siche­rungssystems forderte, warb Westerwelle ebenso wie die VBV für eine grundlegende Strukturänderung und soziale Marktwirtschaft im Gesundheitswesen. „Die Irrtümer der Gesundheitspolitik der vergangenen Jahre müssen korrigiert werden“, erklärte Westerwelle. Kostenerstattung, Selbstbeteiligung der Patienten, Anreiz- und Bonussysteme, Wahlmöglichkeiten bei den Tarifen, Kostentransparenz und die freie Arztwahl nannte Westerwelle als Schlagworte.
Lohmann hingegen stellte sich hinter die KVen. „Das Erfolgsgeheimnis liegt in der Selbstverwaltung“, sagte er. „Wenn sich die Kassen den Vertragspartner aussuchen können, dann bestimmen sie auch die Versorgungsqualität. Dies darf aber nicht sein.“ Der CDU-Gesundheitspolitiker plädiert stattdessen für ein leistungsorientiertes Vergütungssystem mit festen Punktwerten, wie es die Kassenärztliche Bundesvereinigung seit längerem fordert. Das solidarische System soll nach seiner Ansicht lediglich durch die Einführung von Wahlleistungen modernisiert und die KVen sollen reformiert werden. Dr. med. Eva A. Richter
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