ArchivDeutsches Ärzteblatt14/2002Psychosomatische Grundkompetenz: Gute Weiterbildung, zufriedene Ärzte

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Psychosomatische Grundkompetenz: Gute Weiterbildung, zufriedene Ärzte

Dtsch Arztebl 2002; 99(14): A-907 / B-759 / C-708

Fritzsche, Kurt

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Eine gute ärztliche Gesprächsführung verbessert neben der Behandlungsqualität auch die Zufriedenheit mit dem Beruf. Foto: Peter Wirtz
Eine gute ärztliche Gesprächsführung verbessert neben der Behandlungsqualität auch die Zufriedenheit mit dem Beruf. Foto: Peter Wirtz
Die psychosomatische Grundversorgung ist Bestandteil der Weiterbildung. In Südbaden läuft ein Kurssystem zur Vermittlung der Inhalte erfolgreich.

Wir wissen, dass die kombinierte Kompetenz in der Betreuung körperlich und seelisch Erkrankter unser großer Vorteil ist. Deshalb müssen wir das breite Feld des beratenden Arztes – also der ,sprechenden Medizin‘ – beackern und bestellen.“ Diese Sätze stammen vom Präsidenten der Bundes­ärzte­kammer, Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe (DÄ, Heft 30/2000). Um dieses Ziel zu erreichen, beschloss der Deutsche Ärztetag 1995, die psychosomatische Grundversorgung in die ärztliche Weiterbildung zu integrieren und die Weiter­bildungs­ordnung entsprechend zu ändern.
Die psychosomatische Grundversorgung ist bereits heute ein – auch im internationalen Vergleich – herausragender Bestandteil der Medizin. Solide Grundkenntnisse und eine gute ärztliche Gesprächsführung verbessern die Behandlungsqualität und die Zufriedenheit mit dem Arztberuf in jedem klinischen Fachgebiet. Die Vermittlung der Inhalte lässt allerdings noch immer zu wünschen übrig. Obwohl man inzwischen davon abgerückt ist, dass Weiterbildungsbefugte ohne entsprechende Qualifikation Kenntnisse der psychosomatischen Grundversorgung bescheinigen dürfen, hat sich die strukturierte Kursweiterbildung noch nicht etabliert.
Ein Beispiel für den Erfolg eines solchen Systems liefert Südbaden. 1998 hatte der Vorstand der Lan­des­ärz­te­kam­mer Baden-Württemberg beschlossen, dass die psychosomatischen Grundkenntnisse im Rahmen einer
40-stündigen Weiterbildung erworben werden sollen. Inhaltliche Vorgaben sind: acht Stunden Theorie, 12 Stunden Vermittlung und Einübung der ärztlichen Gesprächsführung, Dokumentation von je nach Fachgebiet fünf bis zehn Behandlungsfällen und zehn Doppelstunden Balint-Gruppe.
An der Praxis orientiert
Seit 1999 veranstaltet der Arbeitskreis Psychosomatische Grundversorgung Südbaden zusammen mit der Abteilung für Psychosomatik und Psychotherapeutische Medizin am Universitätsklinikum Freiburg Kurse in psychosomatischer Grundversorgung. Seit dem Jahr 2000 werden darüber hinaus einwöchige Blockkurse (40 Stunden) für Ärzte in der Weiterbildung und ein Kurs für Angehörige des Universitätsklinikums Freiburg angeboten.
Übersichtsvorträge vermitteln die Theorie. Zu den Themen zählen die Grundlagen psychosomatischen Denkens und Handelns (biopsychosoziales Modell), die häufigsten Krankheitsbilder wie Angst, Depression und somatoforme Störungen sowie die Psychosomatik lebensbedrohlicher Erkrankungen wie Krebs und Herzinfarkt. Jeden Vormittag findet ein Gespräch mit einem Patienten statt, um ärztliche Gesprächsführung zu demonstrieren und Entstehung, Verlauf sowie Behandlung psychosomatischer Krankheitsbilder zu diskutieren. Die Techniken zur Verbesserung des ärztlichen Gesprächsverhaltens werden der Gruppe zunächst anhand von Rollenspielen oder Videoaufzeichnungen demonstriert. Anschließend üben die Teilnehmer unter Anleitung von Tutoren das Gesehene in kleinen Gruppen ein. Wahlweise kann man das eigene Verhalten in einer Videofeedback-Gruppe überprüfen.
Für die Übungen werden jeweils Situationen ausgewählt, die häufig im Krankenhausalltag vorkommen: das Aufklärungsgespräch vor diagnostischen oder chirurgischen Eingriffen, der aggressive Patient, die Diagnosemitteilung bei Tumorpatienten, die Einbeziehung von Partnern und Familienangehörigen.
Themen- und fallbezogene Gruppenarbeit prägen die zwanzigstündige Balint-Gruppe. Je nach Interesse der Teilnehmer können dort auch persönliche Fragen besprochen werden. Einige Beispiele: Warum habe ich mich für den Arztberuf entschieden? Was gefällt mir an meiner Tätigkeit? Was will ich verändern? Wie schütze ich mich gegen Burn-out?
Austausch mit Kollegen
Bislang haben mehr als 100 Teilnehmer die Kurse des Arbeitskreises absolviert. Viele Teilnehmer standen diesem Pflichtkurs vor allem zu Beginn skeptisch bis ablehnend gegenüber. Gegen Ende des Kurses beurteilten sie die neuen Erfahrungen fast übereinstimmend als positiv. In einer anonymen, schriftlichen Befragung bewerteten sie den Gesamteindruck des Kurses mit der Note 2,3 (Grundlage waren die Schulnoten von eins bis sechs). Die besten Bewertungen erzielten das Gespräch mit den Patienten (1,5), die Diskussionsmöglichkeiten (1,8) und die Atmosphäre in der Gruppe (2,0). Deutlich schlechter schnitt zunächst mit einer Gesamtnote von 3,1 die Balint-Gruppe ab. Die Orientierung an der klassischen Balint-Arbeit hatte die Gruppe gespalten: Engagierten Teilnehmern standen die gegenüber, die sich langweilten. Durch eine bessere Abstimmung auf die Interessen der Teilnehmer erzielte aber auch dieser Programmteil eine gute Bewertung (1,5).
Vor allem die neu erlernten Fertigkeiten in der ärztlichen Gesprächsführung haben die Teilnehmer begeistert: „Wir haben erfahren, wie man mit kleinen Mitteln große Effekte erzielen kann.“ Auch das Gespräch mit den Patienten erhielt für viele Teilnehmer einen neuen Stellenwert: „Ich habe bisher die Lebensgeschichte meiner Patienten immer ausgeblendet. Ich dachte, das spielt für das jetzige Problem keine Rolle. In den Patientenvorstellungen und den Übungen sind mir die Bedeutung der Biografie und besonders die der Beziehungserfahrungen in Kindheit und Jugend klar geworden.“ Auch konkrete Hilfen für den ärztlichen Arbeitsalltag wurden dem Kurs bescheinigt: „Ich habe mehr über mich selbst erfahren. Zum Beispiel, warum ich in manchen Situationen so genervt und ungeduldig reagiere.“ Oder: „Ich habe gelernt, wie ich mir bei anstrengenden und belastenden Patienten mehr Abstand verschaffen kann, um mich selbst besser zu schützen.“ Die Entdeckung von Teamgeist und Kollegialität hat ebenfalls zur Zufriedenheit der Teilnehmer beigetragen: „Die große Offenheit unter den Kollegen hat mir gefallen und gut getan. Einen so intensiven Austausch gerade mit unterschiedlichen Fachgebieten habe ich bisher noch nicht erlebt.“
Die neuen Kenntnisse im Alltag umzusetzen ist jedoch für viele nicht leicht. „Mein Arbeitsalltag lässt mir kaum Zeit, das Erlernte anzuwenden“, wird häufig kritisiert. Ebenso stoßen sich einige daran, dass der Kurs im Rahmen der Weiterbildung angesiedelt ist: „Ein solcher Kurs gehört in das Medizinstudium. Wenn ich schon seit fünf oder sechs Jahren in meinem Fach arbeite, habe ich meinen Stil im Umgang mit den Patienten gefunden. Dann ist es für entscheidende Korrekturen zu spät.“ Und: „Unsere Chefs und Oberärzte sollten an einem solchen Kurs teilnehmen. Sie waren und sind unsere Lehrer, und von ihnen haben wir wesentliche Elemente der Gesprächsführung bei Anamnese, Visite und Aufklärungsgespräch übernommen.“
Bessere Behandlungsresultate
Dennoch dürfte niemand den grundsätzlichen Wert der psychosomatischen Kompetenz des Arztes bezweifeln. Jüngst hat auch der „Lancet“ über die Vorteile berichtet (Bd. 357, S. 757, 2001): Eine Studie belegt, dass Behandlungen immer dann zu einem besseren Resultat führten, wenn der Arzt nicht nur informierte, sondern auch emotional unterstützte. Besonders wichtig waren dabei Wärme und Freundlichkeit, gepaart mit sicherem Auftreten und möglichst eindeutigen Aussagen. Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass der Arzt durch ein besseres Verständnis des Patienten dessen Gedanken und Gefühle günstig beeinflussen und damit seine Selbstheilungskräfte stärken kann.

Dr. med. Kurt Fritzsche
Abteilung für Psychosomatik und
Psychotherapeutische Medizin
Universitätsklinik Freiburg
Hauptstraße 8, 79104 Freiburg
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