POLITIK: Medizinreport

Morbus Bechterew: Alte Mythen und neue Therapien

Dtsch Arztebl 2002; 99(14): A-910 / B-762 / C-711

Rautenstrauch, Julia

Morbus Bechterew: Die Pfeile weisen auf die typischen Veränderungen an der Wirbelsäule. Foto: MMH
Morbus Bechterew: Die Pfeile weisen auf die typischen Veränderungen an der Wirbelsäule. Foto: MMH
Frauen erkranken inzwischen ebenso häufig wie Männer. Die Blockade des Zytokins Tumor-Nekrose-Faktor-alpha erweist sich als effektive Behandlungsoption.

Früher war der Morbus Bechterew (Spondylitis ankylosans) eine an Schwere und Häufigkeit unterschätzte Erkrankung. Die Diagnose wurde erst gestellt, wenn im Röntgenbild Frakturen an der Wirbelsäule feststellbar waren. Bis dahin hatte der Patient jahrelang Schmerzen erlitten, wertvolle Zeit für die Bremsung der Verknöcherung war ohne sachgerechte Therapie verstrichen. Heute stellt sich die Situation wesentlich besser dar, wenn auch noch nicht optimal. Während es bei den um 1950 Erkrankten im Mittel noch 15 Jahre dauerte, bis die Diagnose gestellt wurde, betrug die Diagnoseverzögerung bei den 1980 Erkrankten „nur“ 7,5 Jahre. Heute sei die Frühdiagnose durch Methoden wie zum Beispiel die Kernspintomographie erleichtert, dennoch betrage die Dunkelziffer immer noch ein Vielfaches der diagnostizierten Fälle, berichtete Prof. Ernst Feldtkeller (Deutsche Vereinigung Morbus Bechterew e.V.) bei einer Pressekonferenz des Kompetenznetzes Rheuma in Hannover.
Zählt man nur die routinemäßig diagnostizierten Morbus-Bechterew-Patienten, kommt man auf eine Häufigkeit von 0,1 bis 0,15 Prozent der Bevölkerung. Die Arbeitsgruppe um Prof. Jochen Sieper vom Universitätsklinikum Benjamin Franklin in Berlin ermittelte jedoch 1999 in einer Untersuchung an Berliner Blutspendern eine Häufigkeit von 0,9 Prozent der erwachsenen Bevölkerung. Demnach wäre mit circa
800 000 Morbus-Bechterew-Patienten in Deutschland zu rechnen – ebenso viel, wie an rheumatoider Arthritis leiden. Die Zahl der entzündlichen Wirbelsäulenerkrankungen (Spondylarthopathien) ist etwa doppelt so hoch wie die des klassischen Morbus Bechterew.
Neben der Häufigkeit müssen auch bei der Geschlechterverteilung des Morbus Bechterew die Lehrbücher umgeschrieben werden. Die Krankheit scheint bei weitem nicht so „männerlastig“ zu sein, wie früher angenommen. So zeigt eine Befragung, die Feldtkeller unternahm, dass der Frauenanteil über die Zeit kontinuierlich angestiegen ist und dass sich unter den erst kürzlich diagnostizierten Morbus-Bechterew-Patienten gleich viele Frauen wie Männer befinden. Das üblicherweise angegebene Häufigkeitsverhältnis männliche zu weiblichen Patienten von 2 : 1 „stellt also eine Altlast dar, die darauf beruht, dass in früheren Jahrzehnten der Morbus Bechterew bei Frauen seltener erkannt wurde als bei Männern“, meint Feldtkeller. Auch verlaufe die Erkrankung bei Frauen keineswegs „milder“, wie oft behauptet. „Wie unsere Untersuchung zeigt, geht die Häufigkeit starker Schmerzen bei männlichen Patienten nach langer Krankheitsdauer deutlich zurück, während sie bei weiblichen Patienten eher zunimmt“, sagte Feldtkeller in Hannover. Therapeutisch gab es für die Betroffenen bisher nur wenige Optionen:
c NSAR und Analgetika, um die Schmerzen zu lindern,
c Krankengymnastik und physikalische Therapie, um der Versteifung und Verkrümmung der Wirbelsäule entgegenzuwirken, und
c Bremsung der Gelenkentzündung durch das Basistherapeutikum Sulfasalazin.
Eine Möglichkeit, die zugrunde liegende Wirbelsäulenentzündung wirksam einzudämmen, bestand nicht. Denn im Gegensatz zu anderen entzündlich-rheumatischen Erkrankungen seien Corticoide und immunmodulierende Substanzen hier kaum oder gar nicht wirksam, erklärte Prof. Henning Zeidler von der Medizinischen Hochschule Hannover. Neue Hoffnungen knüpfen sich an die Blockade des Zytokins Tumor-Nekrose-Faktor-(TNF-)alpha, das wesentlich an der Aufrechterhaltung der chronischen Entzündung beteiligt zu sein scheint.
In einer aktuellen Studie mit dem TNF-alpha-Blocker Infliximab (Remicade®) zeigten mehr als 80 Prozent der Behandelten eine klinische Besserung, und bei mehr als 50 Prozent wurde die Krankheitsaktivität sogar um über die Hälfte reduziert. Die Studie verdanke aber ihre zügige Durchführung der Vernetzung im Kompetenznetz Rheuma, betonte Zeidler. Sieben rheumatologische Kliniken brachten Patienten in die Studie ein; beteiligt waren auch Forscher des Deutschen Rheuma-Forschungszentrums in Berlin (Publikation am 20. 4. 2002 in „Lancet“). Schon jetzt gilt die Studie als Meilenstein in der Behandlung der zum Teil deletär verlaufenden Wirbelsäulenentzündung. Neben dem Netzwerkcharakter sind zwei Dinge daran bemerkenswert:
1. Es handelt sich um die weltweit erste placebokontrollierte Studie mit TNF-alpha-Blockern bei ankylosierender Spondylitis.
2. Die Initiative dazu ging von den Untersuchern aus und nicht von der Pharmaindustrie.
70 Patienten mit aktiver ankylosierender Spondylitis erhielten randomisiert entweder je eine Infliximab-Infusion (5 mg pro Kilogramm KG) in Woche null, zwei und sechs (n = 35) oder ein Placebo (n = 35). Die TNF-alpha-Blokkade führte zu einer raschen und oft dramatischen klinischen Besserung. Nach zwölf Wochen war die Krankheitsaktivität bei 53 Prozent der Infliximab-Patienten um mindestens die Hälfte zurückgegangen.
Eine vergleichbare Besserung zeigten nur neun Prozent der Placebo-Patienten. Alltagsfunktion und Lebensqualität besserten sich signifikant unter Infliximab, nicht aber unter Placebo. Die NSAR-Einnahme konnte bei 56 Prozent der Infliximab-Patienten versus 19 Prozent der Placebo-Patienten um mehr als die Hälfte reduziert werden. Entzündungsparameter im Blut (CRP) fielen nur unter Infliximab signifikant ab, nicht dagegen unter Placebo.
Der TNF-alpha-Blocker wurde von den meisten Patienten gut vertragen. In drei Fällen zeigten sich jedoch relevante Nebenwirkungen: Ein Patient entwickelte eine Tuberkulose, ein Patient eine allergische Granulomatose der Lunge und ein weiterer eine vorübergehende Leukopenie. Alle Nebenwirkungen konnten erfolgreich behandelt werden, vor allem die Tuberkulose ist aber natürlich eine ernste Komplikation. „Deshalb muss vor jeder Behandlung mit TNF-alpha-Blockern zwingend ein sorgfältiges Screening auf eine Tuberkulose erfolgen“, betonte Zeidler.
Nach Ansicht des Rheumatologen sollte die neue Therapie zunächst nur in Zentren mit spezieller rheumatologischer Erfahrung eingesetzt werden. Langzeitdaten stehen noch aus, möglicherweise kann aber die effektive Unterdrückung der Entzündung der gefürchteten Wirbelsäulenversteifung vorbeugen. Dr. med. Julia Rautenstrauch

    Leserkommentare

    E-Mail
    Passwort

    Registrieren

    Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

    Fachgebiet

    Zum Artikel

    Alle Leserbriefe zum Thema

    Login

    Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

    E-Mail

    Passwort

    Anzeige