ArchivDeutsches Ärzteblatt14/2002Schadstoff-Grenzwerte: Aus guter Luft wird schlechte Luft

THEMEN DER ZEIT

Schadstoff-Grenzwerte: Aus guter Luft wird schlechte Luft

Kiegelmann, Georgia

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Die Europäische Union hat die Grenzwerte für Luftschadstoffe
drastisch gesenkt. Deutschland wird aufwendige Maßnahmen ergreifen müssen, um diese einhalten zu können.

Schwefeldioxid hat eine ätzende Wirkung auf die Schleimhäute der Atemwege und Augen. Stickstoffdioxid schädigt Bronchien und Lunge und schwächt das Immunsystem. Stäube verursachen je nach Größe und Zusammensetzung Lungenfunktionsstörungen sowie eine Verstärkung allergischer Reaktionen. Ozon bewirkt neben den subjektiven Beeinträchtigungen wie Kopfschmerzen, Husten und Tränenreiz Lungenentzündungen. Eine kanzerogene Wirkung wird diskutiert. Kohlenmonoxid behindert die Sauerstoffbildung im Blut. Benzol hat narkotisierende Wirkung und schädigt die Blutbildung im Knochenmark. Darüber hinaus wird Benzol als Krebsrisiko und als Stoff mit erbgutveränderndem Potenzial eingestuft.
Die zunehmenden Erkenntnisse über die Gesundheitsrelevanz von Luftschadstoffen sowie die steigende Anzahl von Atemwegserkrankungen und allergischen Reaktionen erforderten eine Neuorientierung der Grenzwerte. Die Europäische Union (EU) hat inzwischen die Grenzwerte für Luftschadstoffe drastisch herabgesetzt (Richtlinie 1999/30) und damit bewirkt, dass sich die Situation der Luftqualität in Deutschland deutlich verändert darstellt. Mit der „heilen Luftwelt“ der vergangenen Jahre, die auf der Grundlage der Technischen Anleitung Luft (TA-Luft) und des Bundesimmissionsschutzgesetzes ermittelt wurde, ist es vorbei. Zur Korrektur der Messwerte hatte außerdem die Vereinheitlichung der Messverfahren bei gasförmigen Komponenten (Änderung der Bezugstemperatur von 0 °C auf 20 °C ) seit 1998 beigetragen. Diese hatte dazu geführt, dass sich die gemessenen Konzentrationen gegenüber früheren Messungen um etwa sieben Prozent verringerten.
Nach den EU-Richtlinien werden künftig medizinische Erkenntnisse und die gesundheitlichen Folgen für Risikogruppen wie Kinder, kranke oder empfindliche Menschen den Standard der Luftqualität bestimmen. Insbesondere die Senkung der Stickstoffdioxidkonzentrationen von 80 µg/m3 (TA-Luft) auf 40 µg/m3 im Jahresmittel sowie die neuen PM10-(Feinstaub < 10 µm) Grenzwerte sorgen für einen deutlichen Anstieg des Luftbelastungsniveaus. Der Schwefeldioxidgrenzwert wurde 2001 von 140 µg/m3 (Jahresmittel TA-Luft) auf 20 µg/m3 gesetzt.
Im Gegensatz zu Ost- und Südeuropa beobachtet man in Deutschland einen deutlichen Abwärtstrend bei Schwefeldioxid- und Kohlenmonoxidbelastungen. Hier haben sich Kraftwerkssanierungen und neue Überwachungstechniken von Heizanlagen in den Haushalten spürbar ausgewirkt. Unverändert hoch sind die Belastungen dagegen bei den verkehrsbedingten Luftverunreinigungen durch Stickstoffoxide, Feinstäube, Benzol und Ruß.
Mit Blick auf diese Belastungen wird Deutschland in den kommenden Jahren aufwendige Maßnahmen ergreifen müssen, um die neuen Grenzwerte einhalten zu können. Die geplante weitere Herabsetzung der Feinstaubgrenzwerte von 40 µg/m3 auf 20 µg/m3 im Jahr 2010 sowie die Begrenzung des Benzolgehaltes von zehn µg/m3 auf fünf µg/m3 im Jahresdurchschnitt werden die Gesundheitsrelevanz der Luftqualität noch deutlicher hervorheben. Dabei muss die Frage erlaubt sein, inwieweit politisch gewollte Stufenregelungen der aktuellen Gesundheitsgefahr gerecht werden.
Die Angleichung der Grenz- und Richtwerte in der EU lässt häufig vergessen, dass es schon immer Länder gab, die wesentlich strengere Luftreinhaltevorschriften hatten als Deutschland. Norwegen, Schweden und die Schweiz verfügen beispielsweise über eine Luftreinhalteverordnung, die als eine der strengsten der Welt gilt. Der Stickstoffdioxidwert wurde dort schon vor 20 Jahren auf 30 µg/m3 im Jahresmittel festgelegt und unterschreitet damit immer noch die neuen EU-Grenzwerte. Der gesetzliche Ozongrenzwert des Schweizerischen Bundesamtes für Umwelt, Wald und Landschaft liegt bei 120 µg/m3 (1-h-Wert) und darf höchstens einmal pro Jahr überschritten werden. Der neue EU-Grenzwert sieht erste Regelungen ab 180 µg/m3 vor.
Unabhängig von Grenzwertregelungen und messtechnischen Umstellungen steigt die Ozonbelastung in Deutschland. Das ozonreiche Jahr 2000 wurde von dem ozonreicheren Jahr 2001 übertroffen. Die höchsten Belastungen traten im Juli und August auf. Die Spitzenkonzentrationen wurden in Baden-Württemberg mit 298 µg/m3 (Plochingen) registriert, gefolgt von Nordrhein-Westfalen mit 289 µg/m3 in Wesel und 258 µg/m3 in Moers-Meerbeck sowie Rheinland-Pfalz mit 266 µg/m3 (Westerwald). Im Vorjahr wurden die höchsten Werte mit 274 µg/m3 auf der Insel Fehmarn und mit 260 µg/m3 in Plochingen gemessen. Man geht davon aus, dass rund 20 Prozent der Bevölkerung unter den hohen Ozonbelastungen leiden. Die gesundheitlichen Beeinträchtigungen reichen von Kopfschmerzen und Atembeschwerden bis zu Lungenfunktionsstörungen. Aus medizinischer Sicht liegt der Richtwert für eine Kurzzeitbelastung (1/2-h-Wert) bei 120 µg/m3 (VDI Richtlinie 2310). Jedoch haben die VDI-Richtlinien im Gegensatz zu den Luftreinhalteverordnungen der Schweiz keine Gesetzeskraft. Der Entwurf für eine EU-Richtlinie sieht 180 µg/m3 (1-h-Wert) als Informationsschwelle und 240 µg/m3 als Warnschwelle für die Bevölkerung vor. Dabei treten bereits bei Werten zwischen 160 µg/m3 und 240 µg/m3 Veränderungen der Lungenfunktionsparameter auf.
Die wirkungslosen Ozonverordnungen der letzten Jahre verdeutlichen die Notwendigkeit einer überregionalen Reduzierung der Vorläufersubstanzen. Stickstoffoxid- und Kohlenwasserstoffeinträge aus Verkehr und Industrie gelten als Hauptursache für den Anstieg der Ozonbelastung in Deutschland (Maßnahmenkatalog der Bundesregierung im Internet unter www.Bmu.de/gesundheit/index.htm). Abgesehen von den medizinischen und wissenschaftlichen Erkenntnissen ist es nur dann sinnvoll, Grenzwerte festzulegen, wenn bei der Überschreitung wirkungsvolle Schutzmaßnahmen eingeleitet werden. Oder sollte es 2002 doch besser einen verregneten Sommer geben?

Georgia Kiegelmann
Georisk GmbH
Schloss Türnich
50169 Kerpen
E-Mail: Georisk@t-online.de
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema