ArchivDeutsches Ärzteblatt14/2002Sterbebegleitung: Auch für die Menschenwürde gilt das „alles oder nichts“

BRIEFE

Sterbebegleitung: Auch für die Menschenwürde gilt das „alles oder nichts“

Dtsch Arztebl 2002; 99(14): A-921 / B-774 / C-721

Bäßler, Eberhard

Zu dem Leserbrief „Die Würde erhalten“ von Prof. Dr. med. Christoph Student in Heft 7/2002:
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LNSLNS Dem Leserbrief ist, soweit er menschliche Zuwendung auch für Bewusstlose anmahnt, voll zuzustimmen. Den Satz aber, „menschliche Würde besteht ja nicht an sich, sondern sie entwickelt sich stets aus der Beziehung zu Dritten“, halte ich für erklärungs- und begründungsbedürftig. Ist es wirklich vorstellbar, dass ein unschuldiges Folteropfer, dem in seinem schrecklichen Sterbeprozess doch wahrhaftig keine „respektvolle Zuwendung“ durch einen „Dritten“ zuteil wird, damit würdelos, also ohne menschliche Würde (also wie ein Tier) ist? Sollten wirklich alle die Menschen, die noch ohne die Hilfe der Palliativmedizin unter schrecklichen Schmerzen und Leiden „dahinsiechten“ und sterben mussten (wie man auch schon formuliert hat – in der Angst vor dem eigenen „Dahinsiechen“), „würdelos“ gestorben sein? Hier ist auch an alle Kriegs- und Unfallopfer zu denken. Wie stirbt man eigentlich „würdig“ (oder „mit Würde“)? Ist die Freiheit von Schmerzen und Leid ein Maß für „Würde“?
Der Begriff „unantastbar“ (der Menschenwürde) im Artikel eins des Grundgesetzes erweist sich ja bei genauerer Betrachtung als zweideutig. Er kann verstanden werden als: „darf nicht angetastet werden“, aber auch als „kann (gar) nicht angetastet werden“, nämlich in dem gleichen Sinne wie „unvorstellbar“.
Wer nun versucht, die Menschenwürde lediglich von Menschen selbst oder von seinen zwischenmenschlichen Beziehungen herzuleiten, muss dann auch begründen können, warum beispielsweise Opfer von Vergewaltigungen trotz ihrer Unschuld dennoch ihrer menschlichen Würde beraubt, also – angeblich – würdelos sterben. Wer dieses Begründen unterlässt und trotzdem die Würde der Opfer wenn auch nur implizit als vernichtet beschreibt, erzeugt Sprachmüll. Es sollte daher endlich sehr genau zwischen Menschenwürde und leib-seelischer Integrität (also Unverletztheit) differenziert werden. Letztere darf nur im Notfall, kann aber sehr wohl auch missbräuchlich angetastet werden. Die Menschenwürde der Mitmenschen aber ist unverletzbar. Zerstören kann ich nur meine eigene – und dies nur durch schwere Schuld. Auch für die Menschwürde gilt das „alles oder nichts“ – wie für das Leben.
Dr. med. Eberhard Bäßler, Hirschfelder Weg 9, 12679 Berlin
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